Medien : Die Vier vom Event-Revier

Das ZDF bietet mit „Nachtschicht – Vatertag“ einen exzellent besetzten und eigenwilligen Krimi

Simone Schellhammer

Nach den vielen Lobeshymnen für den ersten Film aus der neuen ZDF-Krimireihe „Nachtschicht“ im letzten Frühjahr hat es der Nachfolger, der heute Abend läuft, nicht ganz leicht. Überwog bei „Nachtschicht - Amok“ noch die Freude an den vielen Überraschungen, den optischen Effekten, den Genre-Spielereien, der prominenten Besetzung und all den skurrilen Einfällen, wird es nun doch etwas üppig. Die 90 Minuten, in denen das vierköpfige Team aus Hamburg, bestehend aus dem alternden Desperado Erich (Armin Rohde), dem hübschen Charmeur Teddy (Ken Duken), der Kung-Fu-Asiatin Hu (Minh-Khai Phan Thi) und der stets besorgt dreinblickenden Kriminalpsychologin Paula (Katharina Böhm), dem krebskranken Gangster Santini (Ercan Durmaz) auf den Versen ist, sind vollgestopft mit Ehekonflikten, Vater-Sohn-Sehnsüchten, internen Polizeiquerelen, Verlustängsten, Sozialkritik, Familiendramen, kleinen Flirts und großen Psychokrisen. Und obwohl all dies durch haarsträubende Zufälle irgendwie zusammenhängt, steht es doch oft nur unverbunden nebeneinander.

Santini, der gerade frisch aus dem Gefängnis kommt, möchte noch einmal seinen zehnjährigen Sohn sehen. Doch seine Exfrau Teodora (eine echte Schauspielentdeckung: Jasmin Gerat) hat den Jungen vor ein paar Jahren zur Adoption freigegeben. Er lebt nun ausgerechnet bei dem ehrgeizigen Kommissariats-Chef Kramer (Wotan Wilke Möhring) und dessen Frau Claire (Anja Kling). Santini entführt das Kind, nimmt es für einen Tag zum Fußballspielen mit an den Elbstrand. Obwohl eigentlich allen außer den Adoptiveltern klar ist, dass es sich dabei nur um einen letzten, kleinen Ausflug von Vater und Sohn handelt, entwickelt sich daraus eine fiebrige Jagd um Leben und Tod, die gleich mit zwei großen Showdowns endet.

Parallel dazu werden zwei Nebengeschichten entrollt. In der einen irrlichtert Axel Prahl als ein entflohener, psychopathischer Krankenpfleger durch die Nacht, was streckenweise von großartiger Komik ist. Und einen nicht unbeträchtlichen Teil der Zeit widmet das Drehbuch, um das sich Regisseur Lars Becker stets selbst kümmert, den Verwicklungen von Rohdes Kommissar Erich Bo Erichsen. Denn der neigt in seiner ruppigen Art schnell zur Gewalt, trinkt gerne mal im Dienst, hat ein Ganovenliebchen und möglicherweise im Zuge des letzten Einsatzes bei „Nachtschicht – Amok" eine halbe Million verschwinden lassen. Die Kollegen schwanken dabei zwischen Solidarität und Misstrauen, die beiden Chefs Kramer und Sikora (stets milde genervt: Christian Redl) zwischen Feuern und Wiedereinstellen, denn was wäre ein Krimi ohne die sofortige Suspendierung eines übereifrigen Beamten.

An derlei Genreversatzstücken mangelt es nicht: Von der persönlichen Betroffenheit eines Kommissars über das Infragestellen von Verhörmethoden bis zu Liebesgeschichten im Dienst findet sich alles, was Polizisten zu Menschen und die Verbrechensaufklärung spannend macht. Vielleicht ist es dieses sich nun so deutlich abzeichnende „Nachtschicht“-Strickmuster, das die Freude an der Rasanz und den abstrusen Figuren trübt.

Lars Becker will sehr viel, wenn nicht sogar alles in seinem „Straßen-Western“ im Stil des Neo-Noir-Thrillers erreichen: Schräge Komik, subtile Sozialkritik, dramatische Action, große Gefühle und innovative Optik. Im Zuge dessen kann er kaum einer Versuchung widerstehen, und so wird aus dem originellen Stück oft eine veritable Rampensau, die mit all ihrem Gebrüll den Zuschauer einigermaßen verwirrt. So passt etwa die außerordentliche Brutalität, mit der Santini seiner Exfrau in einer der Anfangsszenen begegnet, so gar nicht zu den sonst so lockeren Witzen. Der lakonische Blick, den man von Becker aus „Schattenboxer“ oder „Kanak Attack“ kennt, muss hier mit überhitzen Gefühlen und atemlosen Reflexionen konkurrieren. Das macht den Film zu einem zwiespältigen Genuss. Im Mai wird der dritte „Nachtschicht“-Film gedreht, insgesamt sollen es vier oder fünf werden. Überfrachtung hin, Konstruiertheit her – alle werden weiterhin sensationell gut besetzt sein.

„ Nachtschicht – Vatertag“: 20 Uhr15, ZDF

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