Die Vorleser : Schlingpflanzen der Lektüre

Wer sich im Fernsehen Vorschlusslorbeeren verdienen will, der muss eine neue Büchersendung ankündigen. Es gab schon weitaus schlechtere Fernseh-Premieren als "Die Vorleser" im ZDF.

Rainer Moritz
Vorleser
Ijoma Mangold und Amelie Fried. -Foto: ZDF

Wer sich im Fernsehen Vorschlusslorbeeren verdienen will, der muss eine neue Büchersendung ankündigen. Durch nichts lässt sich mehr kurzzeitige Aufmerksamkeit erzielen, und durch nichts erfahren TV-Anstalten mehr vorauseilende Dankbarkeit. Obwohl allenthalben von Leseförderung und von der segensreichen Wirkung „guter“ Bücher die Rede ist, interessiert sich im Fernsehen kaum einer für die Auseinandersetzung mit dem, was die Gegenwartsliteratur zu bieten hat. Denis Scheck hat mit „druckfrisch“ trotz seines miserablen Sendeplatzes in der ARD die Platzhirschrolle ergattert und erfreut – wenn der Moderator und sein Gast Harry Rowohlt sich zu Pferde über moderne Briefkultur unterhalten – immer wieder durch skurrile Einfälle. Ansonsten flimmern die Büchertalks, ob von Felicitas von Lovenberg, Thea Dorn oder gar Susanne Fröhlich, wenig beachtet über den Schirm, als Insidersendungen für Insider.

Umso größer nun die Chance für das ZDF, nachdem sich die unter eklatanter Selbstüberschätzung leidende Elke Heidenreich mit ihrer Empfehlungssendung „Lesen!“ selbst aus dem Programm herauskatapultierte. Mit Ijoma Mangold, dem stellvertretenden Feuilletonchef der „Zeit“, und der erfahrenen Moderatorin Amelie Fried, in deren süffigen Unterhaltungsromanen sich schon mal Sätze wie „Ungeachtet seiner Erektion rannte er in die Küche und riss die heiße Form mit der Lasagne aus dem Ofen“ finden, präsentiert das ZDF ein neues Duo, das mit Erleichterung aufgenommen wurde. Zu Recht musste man nach Heidenreichs Aus fürchten, das ZDF würde der Versuchung erliegen, auch diese Sendung den TV-Allzweckwaffen anzuvertrauen.

„Die Vorleser“, so der eigentümliche Titel des im ehemaligen Hamburger Hauptzollamt aufgezeichneten Formats, versucht einen Mittelweg zu gehen. Zum einen will man keinen „Shoppingkanal“ anbieten und sich an Bestsellereffekten messen lassen; zum anderen strebt man, auf die Tradition des „Literarischen Quartetts“ bauend, mehr „Diskursivität“ an, mehr inhaltlich fundierte Auseinandersetzung über Bücher.

Die Premiere ist zumindest nicht missglückt und gibt Hoffnung, dass Fried & Mangold nicht zu Sternschnuppen des Metiers werden. Acht Bücher in dreißig Minuten stellte man vor und sah sich, so Mangold, in der Rolle der „Vorkoster“ – was zumindest für den ersten Sendetermin eine unsinnige Einschätzung war, da die verhandelten Romane seit Monaten auf dem Markt sind und wie Per Olov Enquists „Ein anderes Lebens“ in allen Feuilletons bereits ausführlich behandelt wurden.

Davon abgesehen, offenbarte der Auftakt vor allem strukturelle Schwächen, die mit dem Moderatorenduo wenig zu tun hatten. Amelie Fried strahlte angenehme Gelassenheit aus, sah sich von Büchern wie von „Schlingpflanzen“ gepackt und ließ ihren berüchtigten, moralisch erregten Zeigefinger nur gelegentlich in die Höhe schnellen. Ijoma Mangold hingegen, der permanent mit den Armen ruderte, mühte sich redlich, keine intellektuelle Blasiertheit an den Tag zu legen. Was dieses Gespann zu leisten vermag, zeichnete sich am deutlichsten ab, als die Rede auf Joey Goebels „Heartland“ kam. Da endlich gab es, wenn auch nur für wenige Minuten, einen fast intellektuellen Schlagabtausch, der die Klischees oder Nicht-Klischees des Romans abklopfte; es zeigte sich, dass es auch heute im Fernsehen möglich ist, klug und unterhaltsam über Bücher zu sprechen.

„Die Vorleser“-Premiere litt – hier scheint das ZDF aus Heidenreichs „Lesen!“ wenig Lehren gezogen zu haben – unter mehreren Konstruktionsschwächen. Das zu große Lektürepensum führt dazu, dass für das einzelne Buch stets zu wenig Zeit bleibt und sich auf den Gesichtern der Moderatoren schnell die Hektik des Wir-müssen-weiter abzeichnet. Rasch befreien sollte man Mangold von der Aufgabe, drei Bücher, wie einst Dieter Thomas Heck im Schnelldurchlauf der „Hitparade“, in drei Minuten unter die Leute zu bringen. Da bleibt nichts hängen, damit befördert man ein unwürdiges Hauruckverfahren der Kritik.

Warum um alles in der Welt lässt man nicht davon ab, eine Literatursendung mit Einspielfilmchen aufzupeppen? Der alberne Beitrag „Literatur in der Familie“, der fehlende häusliche Lesekultur beklagte, stahl allein kostbare Zeit. Streiten darf man darüber, ob es nötig ist, Gäste einzuladen. Gewiss, der Schauspieler Walter Sittler forderte sehr sympathisch dazu auf, Erich Kästner wieder zu lesen, doch letztlich benötigt eine auf Diskurs setzende Literatursendung keine „special guests“ – und kein Preisrätsel am Ende.

„Spannend“, um das Lieblingsadjektiv von Ijoma Mangold und Amelie Fried zu zitieren, wird es im September, wenn es darum geht, einen Pfad durch den Neuerscheinungsdschungel des Herbstes zu schlagen. Potenzial hat diese Sendung. Und was das Bestsellermachen angeht, so könnte es Alice Greenways „Weiße Geister“ sogar auf die mittleren Ränge der Verkaufscharts bringen.

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