Medien : "Die Wahrheit ist ein scheues Reh"

Der Satz des Jahres 2001 lautet: Nach dem 11. Sept

Wolf von Lojewski, 64, leitet seit 1992 das "heute journal" des ZDF. Markenzeichen des gebürtigen Berliners, der lange Jahre Korrespondent der ARD in Washington und London war, den "Weltspiegel" führte und die "Tagesthemen" präsentierte. ist seine trocken-ironische Art der Moderation. 1999 wurde Lojewski mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus ausgezeichnet. Ende des kommenden Jahres wird Wolf von Lojewski das "heute journal" verlassen und in den Ruhestand gehen. Was immer das heißen mag.

Der Satz des Jahres 2001 lautet: Nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es war. Was halten Sie von diesem Satz?

Er ist richtig, und er ist falsch. Vieles ist noch, wie es vorher war. Zum Beispiel das Essen in der ZDF-Kantine. Aber unser Denken hat einen kleinen Knacks bekommen. Unter anderem denken jetzt viele Menschen über den Islam nach. Auch die Taliban interessieren die Menschen sehr stark. Vielen ist klar geworden, dass es Welten gibt, die völlig anders sind als unsere. Aber auch geopolitisch hat sich einiges verändert. Früher wurden bei Politiker-Reisen nach China oder Moskau die dortigen Herren gern an die Menschenrechte erinnert. Heute sehen die Herren Bush, Jospin oder Schröder zum Beispiel die Aktionen der Russen in Tschetschenien nicht mehr ganz so kategorisch.

Der 11. September und Wolf von Lojewski.

Mir ist eine Dimension des Wahnsinns deutlich geworden, die ich vorher nicht kannte. Flugzeugentführungen waren für uns Journalisten doch beinahe Alltag. Erste Frage, wer steckt dahinter, und wenn wir das wussten, dann war die nächste Frage, was wollen die erreichen. Natürlich gingen wir immer davon aus, dass die Entführer nicht sterben wollten. Ich habe Wochen, Monate gebraucht, ehe ich Nachrichten aus diesem ganz neuen Blickwinkel beurteilen konnte.

Hat das "heute journal" adäquat reagiert?

Es gibt zwei Arten zu begreifen. Die eine ist zu wissen, in welche Richtung der elektrische Strom fließt, die andere, wie eine Glühbirne wirklich funktioniert. Es geht um das wirkliche Verstehen, und das gelingt nicht jedem. Das fehlte auch uns in den ersten Tagen nach dem Ereignis. Meine ersten Sätze an diesem Tag lauteten: "Jemand hat Amerika den Krieg erklärt und wir wissen noch nicht wer." Es wurde später viel darüber diskutiert, ob ich das Wort Krieg hätte benutzen durfen.

Und, durften Sie dürfen?

Ich glaube nicht, dass allein durch die Benutzung des Wortes Krieg sich in der realen Welt etwas zum Schlimmeren verändert hat. Wir Journalisten müssen uns innerhalb von Sekunden entscheiden. Später kann dann darüber in irgendwelchen Akademien lang und breit gestritten werden. Bei Journalisten ist es doch oft wie auf einer Fahrt durch die Wüste, bei der sich plötzlich ein Felsen vor Ihnen auftut und Sie entscheiden müssen, ob sie links oder rechts vorbei fahren. Sie können auch anhalten und vor dem Berg warten - aber was soll das bringen?

Damit haben wir die Wahrheit, die journalistische, gleich mit vom Tisch.

Ach, die Wahrheit ist ein scheues Reh.

Immerhin, die Schuld bin Ladens scheint bewiesen. In einem Video, das die Amerikaner angeblich fanden, gab er zu, das Attentat geplant zu haben. Haben Sie Zweifel, dass die Aufnahme echt ist?

Mich haben die Bilder überzeugt. Sicher, man kann alles machen. Aber ich sage Ihnen etwas. Es ist in Amerika sehr riskant, so etwas zu fälschen, auch wenn die Seele des Landes zur Zeit nicht sehr skeptisch ist, was die Schuld des Herrn bin Laden angeht. Aber Amerika ist voller Journalisten, die die Sache mit nüchternen Augen betrachten. Zu lügen ist für Politiker in Amerika erheblich riskanter als in jedem anderen Land. In den USA gab und gibt es seit jeher einen journalistischen Urinstinkt. Der Journalist will einfach wissen, was da gewesen ist, basta und aus.

Teilen Sie, mit Ihrer Medienkompetenz ...

Sie schmeicheln mir, das macht mich jetzt doch ein bisschen misstrauisch.

unseren Eindruck, dass bin Laden sehr modern ist, jedenfalls was die Medien betrifft?

Er ist jedenfalls sehr eitel. Das sieht man auf den Videos, die er uns auf dem Umweg über Katar geschickt hat. Sehr modisch revolutionär. Mit der Kalaschnikov in der Ecke, einer gut geschnittenen, sauberen und perfekt sitzenden Uniform und einer modernen Digitaluhr, die er ganz bewusst anders herum als üblich trägt. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten. Kein klassischer Moslem, aufgewachsen in einer Koranschule. Er kennt die westliche Welt und ihre Verlockungen, er weiß, wie sie funktioniert. Ich halte ihn für fähig einzuschätzen, welche Wirkungen er mit seiner Erscheinung erzeugt. Nicht zuletzt auf Frauen. Er weiß, wie die westlichen Medien funktionieren und dass sie anspringen auf das, was er tut. Bin Laden ist nicht nur der durch und durch gläubige Moslem. Er spielt auch: für das Publikum im Westen.

Wenn Sie die Gelegenheit hätten, ihn zu interviewen, würden Sie es tun?

Ja, natürlich. Aber es würde vermutlich nicht viel dabei heraus kommen. Weil die Fragen, die ich ihm stellen würde, in der Art eines guten Politikers - die wahren Probleme liegen ganz woanders - beantwortet würden. Wir wären kaum auf einer Wellenlänge. Ich würde auf Deutsch fragen, er mir auf Arabisch antworten. Es würde sehr an das Interview erinnern, dass Alexander Niemetz einmal mit Jassir Arafat hat führen wollen. Arafat war in Bonn, Niemetz fragte etwas, der Dolmetscher übersetzte in einem Arabisch, das Arafat nicht verstand, Arafat antwortete in einem Arabisch, das der Dolmetscher nicht verstand - und Niemetz verstand überhaupt nichts. Das Ganze ging live über zehn Minuten, keiner verstand irgendetwas. Aber spannend war es trotzdem.

Welche Frage an bin Laden würde Ihnen auf der Seele brennen?

Ich würde ihn vor allen Dingen fragen, ob er wirklich ganz sicher ist, dass es einen Gott im Himmel gibt, der das, was er tut, schön findet. Der jubelt und vor Begeisterung aufspringt, wenn er sieht, wie 3000 Menschen unter Schutt und Asche begraben werden. Denn wenn der liebe Gott Spaß an so etwas hätte, dann hätte er doch von sich aus schon längst diese Türme einstürzen lassen. Mich stört an vielen Religionen, aber besonders an den fanatisierten Varianten, dass sie alle den lieben Gott in einer bürokratisch-spießbürgerlichen Art und Weise interpretieren. Wer gibt uns das Recht, dauernd im Namen Gottes Kriege zu führen? Und wer gibt Herrn bin Laden das Recht, Menschen zu töten, die ihm nichts, aber auch gar nichts getan haben.

Journalisten sind in Afghanistan ums Leben gekommen. Ist das Mut oder einfach nur unverantwortlich? Wie weit muss ein Journalist gehen, wie weit darf er gehen?

Ich kann den Einzelfall nicht beurteilen. Aber Journalisten müssen Situationen einschätzen können, sie sollten mit solchen Situationen Erfahrung haben. Aber auch der Erfahrenste kann zum Beispiel in Nordirland zu Tode kommen. Wenn die Fronten relativ bekannt sind, ist das Risiko relativ gering. Aber was wollen Sie machen, wenn neben Ihnen eine Autobombe hochgeht?

Waren Sie schon einmal in Lebensgefahr?

In Angola hatte sich eine der Bürgerkriegsparteien gegenüber von unserem Hotel verschanzt und überlegte wohl, ob sie unser Hotel in die Luft jagen sollte. Ich habe davon allerdings erst im Nachhinein erfahren. In Birmingham bin ich einmal bei Unruhen so richtig durchgeprügelt worden. Erst haben wir uns ganz gut verstanden, aber als es dann losging und wir zwischen die Fronten gerieten, da haben sie uns absichtlich vermöbelt. Das kam für uns völlig überraschend.

Schicken Sie Ihre Leute dahin, wo es wirklich gefährlich wird?

Die Einsätze sind immer riskant. Aber wir gehen davon aus, dass die Reporter wissen, was sie tun. Wir können ihnen doch nicht von unseren schönen Schreibtischen hier von diesem friedlichen Mainzer Lerchenberg aus Vorschriften an die Hand geben. Bei jungen Reportern ist das etwas anderes. Denen sagen wir: Du gehst kein Risiko ein! Dirk Sager war in Afghanistan auf der Straße von Kabul nach Dschallalabad unterwegs. Ein paar Tage später gab es auf dieser Straße Überfälle mit Toten. Da haben wir die Gegend natürlich auch anders gesehen. Aber wie wollen Sie das regeln?

Journalismus ist ein Abenteuerberuf, haben Sie einmal gesagt. Die Möglichkeit zum Abenteuer hat in letzter Zeit stark zugenommen.

Das mag generell so sein, für mich gilt es nicht. Ich bin wie der Eskimo, der im Fischereiministerium gelandet ist und jetzt Vorschriften für das korrekte Angeln ausarbeitet. Auch ein interessanter Job und sein Dorf ist sicher stolz auf ihn. Aber es ist nicht mehr das auf dem Stein sitzen: du und der Fisch.

Gibt es junge Abenteurer im ZDF?

Ja, natürlich, die stehen jeden Tag vor meiner Tür und fragen, ob ich nicht etwas für Sie habe. Das Wahnsinnigsein gehört doch zum Journalismus. Wenn der normale Instinkt sagt, bloß nicht da hin, dann will der Journalist genau das. Der Journalist geht nicht dahin, wo die Welt am schönsten ist, sondern dahin, wo sie gerade auseinanderfällt.

Und das will der Zuschauer sehen?

Wir wollen nicht die blutigsten Bilder. Ich bin sowieso davon überzeugt, dass solche Bilder den Zuschauer eher abschrecken.

War so gesehen 2001 ein gutes Nachrichtenjahr?

Da führen Sie mich auf ein Minenfeld. Wie wir alle wissen, ist bei schrecklichen Nachrichten das Interesse an den Nachrichten besonders groß. Um es mit einem schrecklichen Ausdruck zu sagen: Dann laufen die Geschäfte. Die Wahrheit ist nun einmal unromantisch. Und wir Journalisten leben von Unglücken, Katastrophen und ähnlichem.

Wir wühlen gern im Dreck.

Das ist mir zu moralisch, zu wertend. Aber letzten Endes, da muss ich Ihnen wohl leider Recht geben, ist es schon so.

Also auch im neuen Jahr keine Chance für gute Nachrichten.

Wenn der Mensch nur das Gute und Schöne sehen wollte, dann würden viele Privatsender jeden Krimi und jede Quiz-Show absetzen und nur noch Gottesdienste und Bundestagsdebatten übertragen. Da es so nicht ist, wird wohl alles beim Alten bleiben.

Ihr Traum für 2002?

Einmal gleich zum "Sport-Studio" durchschalten zu können, weil überhaupt nichts los war.

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