Medien : Die Ware Patient

Dieter Wedel attackiert in seinem ZDF-Film „Mein alter Freund Fritz“ den deutschen Klinikalltag

Simone Schellhammer

Seit fast 30 Jahren ist Dieter Wedel als Chefaufklärer mitten im Mainstream unterwegs. Seine Filme sind deswegen so populär, weil er die großen und die kleinen Lebensthemen schmissig inszeniert und dabei stets eine Portion deutsche Sozialkritik mitliefert. War es in der „Affäre Semmeling“ 2002 die miese Politintrige, zuletzt in „Papa und Mama“ das Thema Scheidung, widmet er sich in seinem neuen Film der Welt der Krankenhäuser.

Starchirurg Harry Seidel (Ulrich Tukur) kommt auf seinem Weg nach oben ins Straucheln. Erst stirbt eine seiner Patientinnen an einer unnötigen Operation und dann ist er bei einem Autounfall selbst dem Tode nah. Seither begleitet ihn sein früh verstorbener Freund Fritz (Maximilian Brückner) als Geist, den allerdings nur Harry Seidel sieht. Widerwillig hört er sich dessen Ratschläge und Ermahnungen an, um dann tatsächlich sein Leben zu ändern. In der Klinik versucht derweil sein Widersacher, Verwaltungsdirektor Zach (Uwe Bohm), ihn der Geisteskrankheit zu überführen. Sein Frau Lydia (Veronica Ferres), die sich gerade an einem Seitensprung versucht hat, glaubt ihm hingegen. So mischt der Geist nicht nur den Klinikalltag auf, sondern belebt auch Harrys Familienleben.

Man braucht eine Weile, um sich an diese merkwürdige Mischung aus Krankenhaus-Doku-Fiction und Geisterklamauk zu gewöhnen. Dass es schließlich gelingt, ist vor allem Ulrich Tukur zu verdanken. Egal, ob Harry gerade arrogant, traurig oder übermütig ist – als Zuschauer bleibt man nah an seiner Seite. „Ich war zuerst skeptisch, ob das gelingen würde, Komödie und Tragödie zu verbinden“, sagt Tukur, der zum ersten Mal mit Dieter Wedel arbeitete. Den besten Beweis dafür liefert eine Sterbeszene, die sehr berührend geworden ist, gerade weil auch Humor mitschwingt. Dass Wedel wie kein anderer „Attraktivität mit Anspruch verschwistern“ könne, bescheinigt ihm auch ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke.

Auf das Thema, das durch das Gewürge um die Gesundheitsreform volle Aktualität erhält, kam der Regisseur und Autor Wedel schon vor vielen Jahren. „Als meine Mutter nach einer Herzoperation gestorben war und sie auf mich plötzlich ganz fremd und verändert wirkte – so, als sei etwas gegangen, das vorher noch da war –, erklärte mir der Herzchirurg ziemlich kaltschnäuzig, er habe schon 20 000 Herzen aufgeschnitten, aber so etwas wie eine Seele habe er nie gefunden.“ Diesen Satz lässt er auch Harry Seidel sagen.

Wedel hat lange in deutschen Krankenhäusern recherchiert und vieles gesehen, worüber er sich noch jetzt aufregen kann und das Eingang in seinen Film gefunden hat: „Der Chefarzt einer Hamburger Klinik ließ auf eigene Kosten auf der Station Bilder aufhängen, um eine angenehmere Atmosphäre zu schaffen. Die Verwaltung hat ihm daraufhin das Budget gekürzt, weil die Putzfrauen ja nun mehr Zeit benötigen würden, um zusätzlich Bilderrahmen abzustauben“, erzählt er. Der betreffende Verwaltungsdirektor sei übrigens vorher als Controller in einem Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs beschäftigt gewesen. Die Tatsache, dass Ärzte immer öfter Händler statt Heiler sind und mehr Zeit am Computer als am Krankenbett verbringen, gehört für Wedel nicht nur in kritische Magazinbeiträge, sondern auch in die Primetime-Unterhaltung, der er überdies eine Erziehungsfunktion zuschreibt: „So ein wichtiges Medium wie das Fernsehen verhielte sich unverantwortlich, wenn es die Menschen nicht auf Krisen vorbereiten würde, möglichst unterhaltsam, möglichst mit heiterer Leichtigkeit.“

2,4 Millionen Euro kostete diese Leichtigkeit und ist nach all den üppigen Mehrteilern erstmals wieder ein Einzelstück von 90 Minuten. Ebenfalls neu ist das Schauspielerensemble. Namen wie Mario Adorf („Der große Bellheim“) oder Heinz Hoenig („Der Schattenmann“) stehen schon länger nicht mehr auf Besetzungsliste von Wedel, der selbst immer einen kurzen Auftritt in seinen Filmen hat. „Schauspieler sind leicht verderbliche Ware“, findet er. „Es gehen welche, es kommen neue.“ Zu den neuen gehört auch Veronica Ferres. „Es musste einfach erst die passende Rolle sein“, sagt Wedel, der Ferres seit 15 Jahren kennt. Als Harrys Frau Lydia sei sie wunderbar, weil sie „neben ihrer beeindruckenden Fähigkeit, als kraftvolle Frau alle Widerstände um sich herum zu bezwingen, auch Hilflosigkeit vermitteln und dabei sehr komisch sein kann.“ Eine Premiere anderer Art ist die Mitwirkung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, der am Ende des zum Teil in Hannover gedrehten Films sich selbst darstellt und bei der Eröffnung eines neuen Chirurgie-Zentrums eine kurze Ansprache hält.

Maximilian Brückner, der den neuen „Tatort“-Kommissar in Saarbrücken spielt, war bereits in Wedels Film „Mama und Papa“ dabei, der zwar nicht das Lob der Kritik, jedoch recht gute Quoten für sich verbuchen konnte. Brückner steckt als Geist in einem etwas ulkigen Trenchcoat und erinnert an die verloren herumstehenden Engel aus „Himmel über Berlin“. Angenehm unspektakulär taucht er immer wieder im Bild auf, kann aber gegen den enorm präsenten Tukur kaum anspielen. Der sagt Sätze zu ihm wie: „Ich lehne es ab, an ein Jenseits zu glauben, in dem ausgerechnet Deutsch gesprochen wird.“ Natürlich erinnert die Geisteridee an das Broadway-Stück „Mein Freund Harvey“, das unter anderem mit Heinz Rühmann verfilmt wurde und das Dieter Wedel auch einmal am Hamburger Thalia-Theater inszeniert hat. Harvey kann man allerdings nie sehen, und er hat auch keinen Text. Bei „Mein alter Freund Fritz“ hingegen bekommt man etliche kleine Lebensweisheiten mit auf den Weg. Zum Beispiel: „Das Leben ist wie ein Sessel, wenn du dich zurücklehnst, sollte etwas da sein.“

„Mein alter Freund Fritz“, Montag,

20 Uhr 15, ZDF

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben