Medien : "Die Welt": Blaustich

Wolf Schneider

Blau ist das Licht der Polizei, so mancher Montag und jeder, der zu viel getrunken hat. Blau war die Blume des Novalis, das Hemd der FDJ und gestern die gesamte Seite 1 der "Welt". "Die Einfärbung der Titelseite ist eine Anzeigenbuchung", hieß es schüchtern über der Schlagzeile, und einer Vorab-Information des Springer-Verlags war zu entnehmen: Es handle sich um einen "innovativen Werbeauftritt", bezahlt von dem Internet-Anbieter AOL, der mit seiner Hausfarbe die Umbenennung des Hamburger Volksparkstadions in "AOL-Arena" feiern will. Einer der milliardenschweren global players hat also demonstriert, was er alles kaufen kann: Fußballstadien zum Beispiel und die Schauseite der "Welt".

Ja doch, ohne Anzeigen könnten Zeitungen nicht existieren, auch Inserate auf Seite 1 sind nicht mehr neu. Aber die erste Seite einer großen Zeitung insgesamt für Reklame freizugeben, das war eine Premiere, ein Absturz, eine Aushöhlung des Pressekodex ("Verleger und Redakteure achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken") - vielleicht auch eine Marktbereinigung: Von ihrem Ehrgeiz, sich im kleinen Kreis der deutschen Prestigezeitungen zu etablieren, muss die "Welt" sich dieser Tage verabschiedet haben.

Legt sie es statt dessen darauf an, unter den Zeitungen das zu werden, was unter den Milchprodukten der Blauschimmelkäse ist? Vielleicht dürfen wir ja noch eine schwarze erste Seite erleben, in einem Innovationsschub von der CDU bezahlt - mit dem Nachteil zwar, dass man Gedrucktes auf ihr nicht mehr lesen könnte. Aber warum auch?

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