Medien : Die Welt muss draußen bleiben

Kerner blickte aufs Jahr 2004 zurück – und sah vor allem andere Fernsehnasen

Barbara Sichtermann

Fernsehen, heißt es, funktioniere „nur über Menschen“. Also ist das Medium fein raus bei Jahresrückblicken: Es kann vor allem Nasen zeigen, außerdem Schicksale. Ereignisse, wie folgenreich sie auch gewesen sein mögen, dürfen zurückstehen. Die Retro-Show im ZDF hieß denn auch bescheiden: „Menschen 2004“.

Wie mehrdeutig die Kategorie „Mensch“ indessen ist, dass es Nasen gibt, die man vom Fernsehen kennt und ganz andere, die möglicherweise im Jahr 2004 wichtige Rollen gespielt haben, das machte der Rückblick deutlich. Man freut sich mit und über Lilo Pulver, Wolfgang Rademann und Stefan Raab, bis man irgendwann stutzt und sich fragt: War denn das Jahr 2004 eine einzige Show?

Nur Vorbereitung des Schwarzwaldklinik-Memorials, nur Grand Prix d’ Eurovision mit Max Mutzke und „Traumschiff Enterprise“ – war da nicht ebenfalls in echt was los? Das haben sich Kerner und sein Stab wohl auch gesagt und mal kurz im Katastrophenkalender geblättert. Die Geiselnahme von Beslan, ja, die ist eben nicht vom Fernsehen ausgedacht gewesen, aber von Kameras ausgiebig begleitet worden, da gibt es Bilder. Und einen Menschen, eine Geschichtslehrerin, die zwei Kinder durch den Anschlag verlor und über die Tragödie reden kann. Die muss her, gemeinsam mit Russlandkorrespondent Roland Strumpf. Da saßen sie dann, in denselben roten Fauteuils, in denen eben noch Bully Herbig und Stefan Raab gewitzelt hatten und man dachte: Nein. Das geht nicht. Da fehlt der Übergang.

Kerner schaltete professionell auf Betroffenheit, aber das Publikum ist eben nicht (mehrheitlich) beim Fernsehen. Es hat keinen solchen Schalter. Es schaut betreten am Bildschirm vorbei. Kerner macht es kurz mit Beslan, und er nutzt die Chance, an die Toten des Jahres 2004 zu erinnern. Auch hier überwiegen die Menschen vom Fernsehen: Inge Meysel, Bodo H. Hauser, Jennifer Nitsch. Jetzt ist man dankbar, dass das ZDF bei seinem Versuch, das Jahr 2004 zu spiegeln, bei seinem Leisten und seinem Personal bleibt und uns mit dem Schrecken draußen verschont. Und am Schluss ergötzt man sich mit Kerner an unseren wackeren Fußballtrainern, die im Geiste nach Portugal zur Europameisterschaft zurückkehren und sich über die deutsche Niederlage mit „Rehakles“ und seinen grandiosen Griechen trösten.

Fernsehen vermag viel mehr, wenn es darum geht, seine Potenz als Chronist auszuspielen. Das hat es längst bewiesen. Selbst Rückblicke, die in erster Linie Entertainment sein sollen, können ein zuEnde gehendes Jahr sozusagen historisch ernst nehmen und „Menschen“ einladen, die nicht in einem TV-Studio ihren Lebensmittelpunkt haben. Dass der Versuch, mit der Geiselnahme von Beslan die „ernste“ Seite des Jahres in die Sendung reinzuholen, so kläglich misslang, beweist weniger, dass die Fernsehleute in ihrer Spaßbesessenheit festgefahren sind, als dass der Begriff von Unterhaltung, dem sie sich verpflichtet fühlen, immer enger wird. Das Info-Wesen hat schon vor langer Zeit die falsche Seriosität, die seine Formate umwaberte, entsorgt und Tainment-Elemente zugelassen. Jetzt sollte die Unterhaltung ihrerseits reagieren und sich und ihrem Publikum beweisen, dass die Fragen der Zeit auch in heiteren Sendungen Platz haben. Jedenfalls ist ein bunter Abend, an dem die Erinnerung an einen Anschlag peinlich wirkt, spießig statt spaßig.

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