Medien : "Die Weltwoche": Die Neuen aus der Förrlibuckelstraße

Erik Heier

Am vergangenen Freitagabend saß ein Großteil der knapp 40 Redakteure der Schweizer Wochenzeitung "Die Weltwoche" noch einmal in der Förrlibuckstraße 10 in Zürich beisammen. Anlass: Der bisherige Chefredakteur Fredy Gsteiger gab seinen Ausstand. Und zwar "mit gemischten Gefühlen": Einerseits, sagt Gsteiger, empfände er "Wehmut, ein tolles Team zu verlassen", andererseits aber auch "ein bisschen Erleichterung".

Zur gleichen Zeit gingen in Le Prese, einige hundert Kilometer weiter südlich im malerischen Puschlav-Tal Gsteigers Nachfolger, Roger Köppel und Kenneth Angst, in Klausur. Wenn sie am heutigen Montag gemeinsam die Chefredaktion der "Weltwoche" übernehmen, dürfte das mehr als eine Zäsur in der wechselvollen Geschichte des 1933 gegründeten Blattes sein. Vergleichbar mit der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", ist die in Akzentuierung und Layout etwas behäbige "Weltwoche" bislang tendenziell im linksliberalen Spektrum angesiedelt und hat ähnliche Probleme bei Auflage und Anzeigenerlösen. Hinzu kommt das Dilemma aller Wochenzeitungen: "Die Tageszeitungen sind zu täglichen Wochenzeitungen geworden. Die Wochenzeitungen müssen heute etwas Zusätzliches bieten", sagt Köppel. Es deutet also alles darauf hin, dass Köppel und Angst der "Weltwoche" ein drastisches Facelifting verordnen werden. Man werde die Zeitung nicht wiedererkennen, verspricht Köppel. Für manche klingt das eher wie eine Drohung.

Ein "New Yorker" für die Schweiz

Roger Köppel macht keinen einen Hehl aus seiner Bewunderung für die amerikanische Blattmacherin Tina Brown. Brown krempelte vor einigen Jahren den traditionsreichen "New Yorker" um. "Sie hat eine literarisch etwas verstaubte Zeitschrift mit hervorragendem Ruf und großartiger Vergangenheit radikal aktualisiert, ohne aber die Kerntugenden über Bord zu werfen", sagt Köppel. Ähnliches hat auch der ehemalige "NZZ"-Sportredakteur bereits mit großem Echo betrieben: Zuletzt lüftete er das "Magazin" des "Tagesanzeiger" ordentlich durch. Und zum Magazinformat, so viel ist aus seinen markigen Ankündigungen zu schließen, möchte der erst 36-jährige Köppel wohl auch die "Weltwoche" umstricken: zu einer "Souffleuse des intelligenten Tischgesprächs" nämlich. "Man wird sich wegbewegen müssen von dieser allzu starken Aktualitätsausrichtung", sagt Köppel. Was seine journalistischen Grundprinzipien - "kein Dünkel, keine Langeweile, kein Obskurantismus" - konkret bedeuten, erfährt die Redaktion freilich erst heute. Bislang haben sich die beiden Neuen nur sporadisch in der Förrlibuckstraße sehen lassen. Auf einem DIN-A 4-Zettel bekam die Belegschaft vage Richtungsangaben für die Zukunft vorgelegt. Zum Beispiel: "Intelligenter Nonkonformismus gegen linke und rechte Denkverbote." Seinen letzten Artikel überschrieb Fredy Gsteiger in der vergangenen Woche jedenfalls doppeldeutig mit "Abschied von der Weltwoche". Der ehemalige Frankreich-Korrespondent der "Zeit" sagt: "Ich hätte die Neuausrichtung nicht mehr glaubwürdig vertreten können." Also geht er nach viereinhalb Jahren, will eine Auszeit nehmen, ein Buch schreiben. Er verlässt einen Posten, den Matthias Hagemann, als "extremen Verschleißjob" bezeichnet.

Raus aus den roten Zahlen

Hagemann ist der Präsident der Baseler Medien Gruppe (BMG), der fünftgrößten Verlagsgruppe der Schweiz. Im Gegensatz zu den "drei Großen" (Ringier, Tamedia und die NZZ-Gruppe der "Neuen Züricher Zeitung") ist die BMG eher ein regionales Medienunternehmen. Um in der publizistischen Hauptstadt Zürich Fuß zu fassen, hatte die BMG 1993 für angeblich 70 Millionen Franken (77,5 Millionen Mark) die Jean Frey AG gekauft, den Herausgeber der seinerzeit von Verlagsskandalen gebeutelten "Weltwoche". Branchenkenner glauben, dass die "Weltwoche" heute unter ihrem journalistischen Wert rangiert, weil ihr seit Jahren das Verlierer-Image anhafte: Die Auflage ist von knapp 110 000 Exemplaren Mitte der 90er Jahre auf derzeit 84 000 gesunken. Gemessen am deutschen Markt, rechnete Gsteiger in seinem Abschiedsartikel vor, wäre diese Auflage doppelt so hoch wie die "Spiegel"-Auflage. Hilft nichts, weil der Werbemarkt bei viereinhalb Millionen Deutsch-Schweizern sehr begrenzt ist. Pro Jahr muss die BMG bis zu acht Millionen Franken (rund 10 Millionen Mark) zuschießen.

Dieser Kosten überdrüssig, versuchte Hagemann Ende des vergangenen Jahres die "Weltwoche" der "NZZ" anzudienen. Als das misslang und die "NZZ" statt dessen für das kommende Frühjahr eine eigene Sonntagszeitung ankündigte, die den ohnehin gesättigten Schweizer Anzeigenmarkt noch weiter aufrollen wird, berief er Köppel zum Chefredakteur. Köppel holte sich den bisherigen stellvertretenden "NZZ"-Chefredakteur Kenneth Angst hinzu und versprach, das Blatt innerhalb von drei Jahren aus den roten Zahlen zu führen. Dafür ließ Köppel den Job als künftiger New-York-Korrespondent für den "Tagesanzeiger" und eine Anmeldung bei der Havard-University sausen.

Auf dem deutsch-Schweizer Zeitungmarkt geht es aufgrund der "Weltwoche"-Umgestaltung und der "NZZ"-Pläne für eine Sonntagszeitung momentan - zumindest für gemeinhin gemütliche Schweizer Verhältnisse - rasant zur Sache. Zwischen den einzelnen Redaktionen wird heftig hin- und hertelefoniert: Jeder versucht, sich die besten Leute zu sichern. "Es ist das erste Mal, dass der Schweizer Markt der Qualitätszeitungen derart aufgemischt wird", sagt ein Branchenkenner. Köppel war seinerseits "sehr aktiv an der Personalfront", sagt er. Einige Leute aus seinem "Magazin"-Team werden zur "Weltwoche" wechsel.

Rette sich, wer kann

Die Redaktionsrunde bei der "Weltwoche" dürfte heute dennoch ziemlich ausgedünnt sein. Die Personalabteilung der "Weltwoche" hat gut zu tun. Motto: Rette sich, wer kann. Einer der beiden stellvertretenden Chefredakteure, Oliver Fahrni, hatte bereits vor Wochen seinen Wechsel zur "Woche" angekündigt. Nun verabschieden sich auch Gsteigers zweiter Vize, Ludwig Hasler, die Wirtschaftsredakteure Dominik Flammer und Martina Egli, Inlands-Redakteur Martin Furrer, Bundeshauskorrespondent Urs Paul Engeler sowie der Ressortleiter Wissen, Matthias Meili, und seine Stellvertreterin Kathrin Meyer-Rust.

"Vorfreude und Spannung" - beides will BMG-Präsident Matthias Hagemann in der Redaktion beobachtet haben - sehen jedenfalls anders aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben