Medien : „Die wissen nicht, wer ihnen helfen soll“

„Super Nanny“ Katharina Saalfrank über desorientierte Eltern, Schmerzgrenzen – und Eva Herman

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Frau Saalfrank, mit der „Super Nanny“ sind Sie plötzlich berühmt geworden. Über vier Millionen Zuschauer sind dabei, wenn Sie zu überforderten Familien in die Wohnung kommen. Werden Sie auf der Straße angesprochen?

So intensiv erlebe ich den Medienrummel nicht. Die meiste Zeit verbringe ich beim Arbeiten mit den Familien, bleibe in den Wohnungen. Wenn mich auf der Straße Zuschauer erkennen, reagieren die Menschen überwiegend sehr freundlich – ohne mir zu nah zu kommen. Ich werde häufig von Kindern und Jugendlichen angesprochen, die mich um Hilfe bei Konfliktlösung bei ihren Eltern bitten, oder auch mal um ein Autogramm.

Über kein anderes TV-Format der jüngeren Vergangenheit wird so viel diskutiert.

Das Thema Erziehung/Beziehung ist immer aktuell und auch im Wandel. Die Lebensumstände von Familien und unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Es gibt nicht mehr die „Verlässlichkeit der Ehe“, nicht mehr die Drei-Generationen-Familien. Auch die Erziehungsformen haben sich geändert. Erst gab es die autoritäre Erziehung, später folgte die antiautoritäre Erziehung.

Offenbar traf die „Super Nanny“ den Nerv der Zeit.

Wir sind an einem Punkt, an dem die Eltern ein gutes Mittelmaß finden müssen. Der Bedarf an Beratung bei den Familien ist enorm hoch. Grundsätzlich ist es gut, wenn die Leute hinsehen, nicht nur passiv die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sondern sich über vorhandene, massive Erziehungsprobleme bewusst werden und etwas verändern wollen.

Das mag ja sein. Kritiker werfen der „Super Nanny“ aber vor, Familien und ihre privaten Probleme vorzuführen, fast so wie bei „Big Brother“. Der Kinderschutzbund sieht die Würde und Rechte der Kinder in Gefahr.

Die Familien haben sich an mich gewandt, weil sie häufig nicht mehr wissen, wer ihnen noch helfen soll. Sie möchten jemanden, der zu ihnen ins Haus kommt und der in schwierigen Situationen dabei ist. Mein Auftrag ist es, individuell über einen bestimmten Zeitraum mit Familien zu arbeiten.

Mithilfe des Fernsehens.

Ich nutze das Medium, um zu sagen: Schaut hin, nicht weg. Die Eltern zeigen anderen Familien: Ihr seid mit euren Problemen nicht allein. Mir ist klar, dass ich mich in meiner Arbeit auf einem schmalen Grat bewege.

Sie gehen schon an die Schmerzgrenze. In der neuen Staffel hat eine Mutter einen Zusammenbruch, weil sie mit der Tochter nicht klarkommt. Die Kamera hält drauf. Wundern Sie sich nicht auch, dass sich Menschen in so intimen, emotionalen Momenten filmen lassen?

Auf dem Weg der Veränderung kommt es immer wieder zu unvorhergesehenen Entwicklungen. Meine Aufgabe ist es, die Familie auf dem Weg der Veränderung eng zu begleiten und zu unterstützen. Die Kameras spielen in dieser Situation für alle Beteiligten eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist, dass in solchen Fällen die Familie durch eine gute Nachsorge auch weiter betreut wird.

Stichwort Schmerzgrenze: Wann würden Sie die Aufzeichnung abbrechen ?

Es besteht ein sogenanntes Setting, ein „Arbeitsbündnis“, zwischen mir und der Familie. Wir vereinbaren, wie lange ich dort bleibe und welche Ziele wir gemeinsam erreichen wollen. Meine Arbeit sehe ich nicht in der „Aufzeichnung“ der Sendung, sondern vielmehr in der Arbeit mit den Familien. Eine Arbeit mit der Familie habe ich noch nie abgebrochen.

Man hat bei der „Super Nanny“ öfters das Gefühl, das sei inszeniert. Eine Mutter sagt, dass der Vater mit den Kindern spielt, seitdem die Saalfrank im Hause ist, wo er sonst auf dem Sofa sitze. Das könnte der Mann wieder tun, sobald die Super Nanny und die Kameras fort sind …

Mit der Frage werde ich oft konfrontiert. Gerade in dieser Folge erübrigt sich der Gedanke. Vielleicht haben Sie im Verlauf der Sendung gemerkt, dass wir diese Ambivalenz des Vaters thematisiert haben. Eine Inszenierung wäre es dann, wenn ich nicht darauf eingegangen wäre.

Sie selber haben vier Söhne im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. Haben Sie da nie eine Nanny gebraucht?

Nein. Eine sogenannte „Nanny“ gibt es in Deutschland ja sowieso eher weniger. Mein Mann und ich teilen uns bis heute die Verantwortung. Wenn er nicht da ist, dann bin ich zuständig, und umgekehrt.

Hausfrau, Mutter, Fernseharbeiten, öffentliche Person, Sie unterstützten die Wahl von Klaus Wowereit, vor Ihrer TV-Karriere hatten Sie in einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet – was halten Sie von Eva Herman?

Ich habe Eva Hermans Buch nicht gelesen .

Sie schreibt sinngemäß, eine Frau solle sich auf Haushalt und Kindererziehung beschränken, öfters mal den Mund halten.

Es ist schwierig, Thesen ohne Zusammenhänge zu kommentieren. Einen Gedanken, den ich in dem Zusammenhang gelesen habe: dass sich junge Frauen heutzutage relativ selten und spät darüber bewusst werden, dass sie den Zeitpunkt für Kinder verpasst haben. Den Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Allerdings sehe ich eher gesellschaftliche Zusammenhänge als Gründe hierfür. Natürlich haben auch Männer damit zu tun.

Immerhin sind Sie, nicht die Herman, „Mutter der Nation“. Manche sagen sogar: Katharina Saalfrank, die „heimliche Familienministerin der Nation“.

Ich kann mit all diesen Begriffen wenig anfangen. Ich habe mal in einer Sendung neben Ursula von der Leyen gesessen. Ich stehe aber nicht mit ihr in Kontakt.

Das Interview führte Markus Ehrenberg

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