Medien : Die Zwei-Minuten-Terrine

Die Furcht der Macher vor dem Hörer oder wie Literatur im Kulturradio verkommt

Helmut Böttiger

Jeder Programmgestalter im heutigen Radio beteuert, wie ungeheuer ernst er die Bedürfnisse des Hörers nimmt. Er verweist dabei gern auf medienwissenschaftliche Fachstudien und statistische Erhebungen. Die Konsequenz ist merkwürdigerweise immer öfter Dumm- und Dudelfunk.

Das geht auch mit klassischer Musik. Die ständigen Mozart-Serenaden und Schubert-Quartette verkleben ziemlich schnell zu einem Zuckerschleim, wenn man sie allzu häufig hört. Die Programmstruktur des neuen Kanals „NDR-Kultur“ (läuft beim ORB als „Radio 3“ weiter) lässt derlei ahnen. Er ist die bisher radikalste Umsetzung dessen, was man glaubt, über „den Hörer“ zu wissen: Tagsüber gibt es zwischen langen Musikstrecken drei, vier eingesprenkelte Telegramme, in denen Wortbeiträge von zwei Minuten gebündelt werden. Abends soll hin und wieder länger gesprochen werden, und es bleiben die Vorlesesendungen, vorzugsweise mit alten Klassikern. Das Literaturmagazin am Sonnabend entfällt ganz, „literarische Elemente“ werden an diesem Tag künftig als Zwei-Minuten-Tipp in die Klassiksoße eingebröselt.

Hintergrund solcher Programmplanungen sind Thesen darüber, wie man heute allgemein Radio höre: Man schalte nicht mehr gezielt eine Sendung ein, sondern entscheide sich für einen Sender, der im Hintergrund einfach läuft. Deswegen hat sich seit den achtziger Jahren die Ideologie der „Tagesbegleitstrecken“ herausgebildet; eingebettet in viel Musik gibt es hier Wortbeiträge, die nicht zu lang sein dürfen und so abwechslungsreich wie möglich sein sollen. Der Hörer reagiere unwillig, wenn plötzlich zu lang gesprochen oder gar etwas vorgetragen werde. Für die Literatur heißt das: Kommt mal ein Buch zur Sprache, darf es auf keinen Fall zu speziell und anspruchsvoll sein. Ein beliebtes Beispiel ist der Lastwagenfahrer, der stundenlang auf der Autobahn Radio hört und nicht gelangweilt werden sollte, in letzter Zeit ist auch häufig vom Beispiel des „Bäckers“, bei Kulturprogrammen selbstredend des „intelligenten Bäckers“, die Rede.

Idealtypisch wird ein synthetischer Hörer konstruiert, der in Wirklichkeit vielleicht gar nicht existiert – doch das ist ein Einwand, der bei empirischen Studien schon im Vorfeld wegdefiniert ist. Minderheiten, speziell interessierte Hörer (für die eigens ein „Kulturauftrag“ der öffentlich-rechtlichen Sender formuliert wurde!), fallen als erste durchs Raster. Lastwagenfahrer wie Bäcker, die sich für Kultur interessieren, wollen vielleicht gar nicht primär als Lastwagenfahrer und Bäcker angesprochen werden, sondern als Kulturinteressierte.

Was als Hörgewohnheiten in Kneipen, in Taxis, beim Abspülen in der Küche festgestellt werden kann, muss noch lange nicht für Kulturprogramme gelten.

Gern wird zur Zeit auch ein soziologischer Typus des „neuen Erwachsenen“ ins Feld geführt, des Großstadtbürgers, der über alles schnell informiert sein will und sich nicht allzulange bei einer Sache aufhält. Auch das klingt zunächst sehr suggestiv und auf der Höhe der Zeit, doch wenn man genauer hinschaut, zerbröselt dieser erwachsene Großstädter in sehr viele diffuse Einzelteile, die man so genau gar nicht mehr erfassen kann. Was wahrscheinlich aber keines dieser Einzelteile interessiert, ist ein oberflächliches Geplänkel, von jedem etwas, aber alles nur ein bisschen, und das mit viel Musik aus der Gießkanne.

Vor allem in den Kulturprogrammen einiger ARD-Landesanstalten hat diese Standardisierung, diese vermeintliche Zeitgemäßheit schon einigen Flurschaden angerichtet. Für den künftigen Kulturkanal des neuen Senders RBB in Berlin und Brandenburg lässt das einiges befürchten. Es gab hier einmal den Kanal „SFB 3“, der einen Marktanteil von fast vier Prozent hatte. Die starke Hörerbindung lag auch daran, dass es viele Sendestrecken gab, die sich an ein speziell interessiertes Publikum wandten, der Wortanteil war verblüffend groß. Ohne Not hat man dann am Kulturradio herumreformiert, bis die Desorientierung nicht mehr zu überhören war.

Was den sich besonders jung und flott dünkenden Medienstrategen so gar nicht ins Konzept passt, ist der enorme Erfolg des Deutschlandfunks. Der zwanzigminütige „Büchermarkt“, täglich um 16 Uhr 10, ist nicht nur unumstritten die beste Literatursendung im Radio, sie wird auch, gerade deswegen, am häufigsten eingeschaltet. Die Hörerzahl des „Büchermarkts“ ist von 95 000 im Jahr 1998 auf jetzt 170 000 gestiegen: obwohl es eine Sendung ist, die man gezielt auswählt – das Gegenteil der „Tagesbegleit"-Ideologie – , obwohl sie ohne Musik auskommt, obwohl sie die Multiplikatoren anspricht, sich also auf der Höhe der literarischen Diskussion bewegt. Dabei ist das Sendekonzept keineswegs verkrustet: Der Trick liegt darin, dass viele verschiedene Formen nebeneinanderstehen, das freie Gespräch unter Kritikern, die ausgefeilte Rezension, das „gebaute Stück“ mit O-Tönen. Die Sendung ist eine Wundertüte, abwechslungsreich und aktuell.

Von den Programm-Machern anderer Sender, die den Wortanteil ihrer Kulturkanäle kontinuierlich reduzieren, wird eingewandt: Der Deutschlandfunk habe ein spezielles Marktsegment abgedeckt, da bleibe gar kein Platz mehr für etwas Ähnliches. Oder: Der Durchschnittshörer des Deutschlandsfunks sei recht alt. So schnell altern kann eine Hörerschaft allerdings gar nicht, wie sie beim Deutschlandfunk zunimmt. Das Peinlichste ist aber: Bei den Quoten, der heiligen Kuh aller Empiriker und Mediengewandten, reicht keine vergleichbare Sendung an den „Büchermarkt“ heran, so musikalisch umspült und anbiedernd sie auch daherkommen mag. Und das kann man nicht einfach mit der überregionalen Sondersituation des Kölner Senders und einer anders definierten Rolle der regionalen ARD-Kulturkanäle erklären. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass der Hörer hier eben weiß, was er einschaltet. Und daraus könnte man für jeden Kultursender Schlüsse ziehen.

Es gibt durchaus Beispiele für gelungenes Kulturradio: auf „Bayern 2“ läuft mit dem „Zündfunk“ die beste Sendung über Pop-, Rock- und elektronische Musik überhaupt. Daneben steht aber auch ein Büchermagazin (das künftig sogar wöchentlich und nicht mehr 14-tägig ausgestrahlt wird, mit guten Rezensenten und ohne Musik) und sonntags das herausragende, eineinhalbstündige „Kulturjournal“ mit längeren Programmstrecken. Das Deutschlandradio Berlin fällt durch gut gemachte Features am frühen Abend auf, und die Sendung „Fazit“ ist ein Beispiel für ein gut gemachtes Kulturmagazin – auch, weil man als Musik kein beliebiges Crossover einspielt und schon gar keinen abgestandenen Klassikmüll, sondern eine besondere CD mit interessantem Pop, Jazz oder Ethno. Das 90-minütige Literaturmagazin „Noten zur Literatur“ auf „Radio Kultur“ (SFB/ORB) bietet ebenfalls eine oft gelungene Mischung aus Musik und längeren Gesprächen.

„Gerade bei den anspruchsvollen Themen ist die Hörerresonanz am größten“, berichtet man dort. Vielleicht liegt hier der Schlüssel dafür, wie ein Kulturradio sein sollte: in der Praxis, und nicht in flotten Theorien.

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