Dienst : Türkisch für Fortgeschrittene

Mit "dpa türkisch" versucht Deutschlands einst tonangebende Nachrichtenagentur, ihre schwindende Kundschaft zu halten.

Andrea Dernbach

Multikulti klingt zwar etwas nach Kinderzimmer, bedeutet aber oft, dass ganz dicke Bretter gebohrt werden müssen. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) macht diese Erfahrung gerade mit „dpa türkisch“. „Wir haben den Aufwand ein bisschen unterschätzt“, sagt der für den neuen Dienst verantwortliche Auslandschef Heinz-Rudolf Othmerding. Das Ziel, etwa 50 Meldungen in ebenso gutem Deutsch wie Türkisch an die derzeit etwa 33 Testkunden zu bringen, ist bisher nur halb erreicht und wird wohl mehr zweisprachiges Personal brauchen.

Mit „dpa türkisch“ versucht Deutschlands einst tonangebende Nachrichtenagentur, ihre schwindende Kundschaft zu halten – erst kürzlich kündigte wieder ein großer Kunde, die WAZ-Gruppe in Essen, ihr Abonnement – und auf die Höhe der Zeit zu kommen: Schon im nächsten Jahr werden 40 Prozent der deutschen Bevölkerung aus Einwandererfamilien stammen. Gleichzeitig setzt man auf türkische Medien als neue Kunden. Weil in der Türkei jeder Vierte durch Familie, Arbeit, Schulbildung einen Bezug zu Deutschland hat, hofft man bei dpa, dürfte auch ein großes Interesse an Informationen aus Almanya bestehen. Die Mischung derer, die den Dienst seit Anfang April ausprobieren, spricht dafür. Es sind etwa zur Hälfte deutsch- und türkischsprachige Medien, einige von ihnen in der Türkei.

Im Programm sind neben Service und türkischen Sportergebnissen bisher Nachrichten, die ebenso gut im dpa-Basisdienst laufen könnten, aber auch solche, die einen etwas genaueren Blick auf die deutsch-türkische Wirklichkeit verraten. Der Tübinger Hodscha Max Bilal Heidelberger wird porträtiert, der Mord an der achtjährigen Kardelen in Paderborn im Januar bleibt Thema, und türkischstämmige Abgeordnete äußern ihre Sorge, auf den Listen zur Bundestagswahl weniger Plätze zu bekommen.

Das für die fußballverrückten Türken wichtige Thema Sport findet derzeit nur in Spielergebnissen statt, und für die Terminvorschau, sagt Ingo Bierschwale, der Leiter des Dienstes, sei das Netz der Stringer in den Metropolen-Communities noch nicht dicht genug. Der Veranstaltungskalender aus sechs Ballungsgebieten – Berlin, München, Rhein-Ruhr, Rhein-Main, Stuttgart und Hamburg – erscheint deshalb vorerst nur alle zwei Wochen.

Dafür will Bierschwale, der als Korrespondent in Istanbul selbst unter „der politisch überfrachteten Berichterstattung aus der Türkei“ litt, das Land bunter zeigen. Auch die Sause eines Millionärs im Istanbuler Bahnhof Sirkeci oder die Türkinnen, die 1000 Euro für den Schnitt eines Pariser Star-Friseurs anlegen, haben bei „dpa türkisch“ Platz. Andrea Dernbach

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