Medien : „Diese Bilder verfolgen mich“

Der Kinderchirurg Alfred Jahn in Ruanda. Ein Filmporträt

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Auf dem Operationstisch liegt ein elfjähriger Junge, er hat eine Missbildung am Genital. Mit geübten Handgriffen schneidet der Chirurg den Penis von Hussein auf und „konstruiert“ eine künstliche Harnröhre: „Es ist eine wunderbare Operation, ich mag sie gern“, sagt der Arzt. Mit der gleichen Hingabe korrigiert er bei einem anderen Kind eine Fehlbildung im Afterbereich und behandelt großflächige Hautverbrennungen.

Es sind keine Routineeingriffe in einem gut ausgestatteten deutschen Krankenhaus. Der Kinderchirurg Alfred Jahn aus Landshut, mit 65 gerade pensioniert, fliegt alle drei Monate nach Ruanda, um im Zentralkrankenhaus von Kigali unentgeltlich zu arbeiten. Gerufen hat ihn niemand, Jahn folgte dem Appell in einem medizinischen Fachblatt. Ruanda braucht Chirurgen, denn vor allem die Kinder des Landes leiden an den Spätfolgen des Völkermordes von 1994.

Jahns Spezialisierung auf Kinderchirurgie geht auf eine fast 40-jährige Geschichte zurück, die sein Arbeitsleben mit dem des Dokumentaristen Hans-Dieter Grabe verbindet. Grabes Film über das Lazarettschiff „Helgoland“ von 1966 brachte Jahn seinerzeit dazu, als junger Assistenzarzt nach Vietnam zu gehen, um Kinder medizinisch zu versorgen, die durch den Krieg verstümmelt wurden. Dieser Entschluss wiederum inspirierte Grabe zu einem weiteren Projekt: „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ ist jener berühmte Film, in dem Grabe vier Jahre später die Arbeit des Arztes vor Ort dokumentierte.

Wenn Grabe sich nun in seinem wahrscheinlich letzten Film selbst zitiert, dann schließt sich in mehrfacher Hinsicht ein Kreis. Die nebeneinander gesetzten Operationsbilder von damals und heute sind verblüffend ähnlich. Auch die Stimme und die Gestik des Arztes, der vor laufender Kamera die winzigen Heilerfolge schildert, sind die gleichen. Allein das seinerzeit volle schwarze Haar Alfred Jahns zeigt an, dass Zeit vergangen ist. Die Qualen der Kinder sind die gleichen geblieben.

„Diese Bilder verfolgen mich – Dr. Alfred Jahn“ (Arte, 22 Uhr 20), das ist eine bewegende Mischung aus Porträt und Langzeitbeobachtung, denn Grabe hat dem Kinderchirurg auch 1983 in der Landshuter Klinik bei seiner Arbeit zugesehen. Wie schon bei seinen Filmen über den Juden Mendel Szainfeld gelingt Grabe einmal mehr die seelische Nahaufnahme eines Menschen, der sich trotz vorgerückten Alters im positiven Sinn etwas Kindliches bewahrt hat. Beiläufige Beobachtungen im Krankenhaus oder im Alltag zeigen Jahn als leicht melancholischen Menschen, der an der Welt leidet, aber davon kein Aufheben macht, sondern in seinem bescheidenen Rahmen etwas bewerkstelligt, unermüdlich und ohne Illusionen.

Behutsam stellt Grabe die innere Größe dieses unverheirateten Mannes heraus, der sein Leben der Berufung gewidmet hat. Kein Missklang entsteht, wenn der Dokumentarist nebenher zeigt, dass es hier auch ein Geben und Nehmen gibt. Nicht wie die Jungfrau, sondern wie der Junggeselle ist Jahn zu einer Reihe von Kindern gekommen. Als Ersatzvater betreut er eine kleine Gruppe ruandischer Straßenkinder, die ihre Eltern im Bürgerkrieg verloren.

Mitten in dieser fast zu schönen Geschichte filmt Grabe den Besuch bei einem Mahnmal. In einer verlassenen Schule liegen die sterblichen Überreste von 22 000 Menschen aufgebahrt. Man bekommt eine Ahnung davon, was es bedeutet, dass hier in drei Monaten fast eine Million Menschen getötet wurden. Wenn dieser Film zu Ende ist, dann gilt für den Zuschauer das gleiche wie für Jahn: Diese Bilder verfolgen mich. Manfred Riepe

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