Medien : Diese Macht ist mit uns

Wenn Medien digital werden – was bedeutet das für die Nutzer? Sieben Thesen zur gemeinsamen Zukunft von Mensch und Maschine

Jo Groebel

Zauberwort Digitalisierung. Seit Jahrzehnten verspricht es eine grundlegende Änderung fast aller Informations- und Kommunikationsabläufe. Mit Internet und Mobiltelefonie hat sich viel geändert, Fernsehen und Radio scheinen aber immer noch traditionellen Mustern zu folgen. In Wirklichkeit erleben wir nun endgültig die Wende auch in der klassischen Medienlandschaft. Bildschirme und die komplette Verbreitungskette sind inzwischen selbst in Deutschland weitgehend digitalisiert und bieten sehr viel mehr Möglichkeiten, als es sich dem Durchschnittsnutzer zunächst offenbart. Dazu sieben „Digitalisierungsthesen“.

Maß- und Massenkommunikation

Nie verschwanden alte Medien, sie veränderten nur ihre Funktion. Radio wurde durch TV zum Nebenbeimedium, das Fernsehen nach PC und Internet als Bewegttapete ebenfalls. Doch Digitalisierung bedeutet die Aufhebung solcher Phasen. Die Geräteintegration bietet gleichzeitig virtuelles Spiel, passives Fernsehen, Kommunikation, Einkauf, Kontakt. Maß- und Massenkommunikation gehen ineinander über. Für gemeinsam erlebte Großereignisse, egal, ob Sport, Unterhaltung, Weltpolitik, bleibt Massenkommunikation ein Grundbedürfnis, bleibt TV das Leitmedium. Doch der tägliche Aufwand für ein entsprechendes Programm wird weniger, mehr Zeit dem individuell zugeschnittenen Digitalangebot gewidmet. Die Wende ist bei der Jugend schon eingetreten, die Älteren werden folgen.

Konvergenz von Medien und Leben

Die sogenannte Gerätekonvergenz ist inzwischen Realität. Bildschirm und Handy vereinen viele Funktionen. Jetzt entsteht Inhaltskonvergenz. TV-Formate bieten Passivfernsehen und Call-ins, zum Abstimmen, Casten oder Bestellen. Breitbandinternet lebt gar von der inhaltlichen Konvergenz. Doch zunehmend fließen auch „reale“ und digitale Welt zusammen. Viele soziale Funktionen haben sich auf das Netz verlagert, Arbeit, Partnersuche, Freundschaft, Handel, aber auch Terrorismus und Gewalt. Was im physischen Leben passiert, wird im Web aufgegriffen, dort entstehen gleichzeitig Strukturen, die wieder aufs Leben zurückwirken. Myspace, Open BC und, noch eher spielerisch, „Second Life“ wird teils mehr Zeit gewidmet als der nichtdigitalen Welt, auch dem TV. „Second Life“ hat inzwischen einen regen Markt, er schuf teure Sneakers für die Atavare, die virtuellen Akteure, und echte Dollarmillionäre durch „Immobilien“ im Netz.

Inhaltedemokratie im Web 2.0

Die Idee der Gemeinschaft war in den 90ern ein Motor der Internetverbreitung. Man fantasierte eine kreativere und demokratischere Welt. Als Web 2.0, stationär und mobil, sind „Community“ und unzählige Kleingruppen heute, im Guten wie im Schlechten, Realität. Sie schaffen auch das Potenzial einer „demokratischeren“ Massenkommunikation. Tatsächlich bieten Youtube und andere dem einzelnen mehr Sichtbarkeit. Doch sind es letztlich immer wenige Hochkreative oder Professionelle, die unseren Informations- und Kommunikationsfluss prägen, auch im Web-2.0-Universum. So wenig sich Bürgerfernsehen durchgesetzt hat, so wenig wird trotz mancher Kultinhalte langfristig ein schlechtes Amateurangebot erfolgreich sein. Das Bedürfnis nach Exzellenz verhindert die „Demokratisierung“ von glaubwürdiger Information und kreativer Unterhaltung. Mist überlebt nicht.

Veränderte Werbung und Refinanzierung

Freies Fernsehen gab es nie. Ob Gebühren, klassische Werbung oder Bezahlfernsehen, immer wurde für Profi-TV Geld vom Nutzer erhoben. Mit den vielen Digitaloptionen weicht man allerdings nur zu gern der Werbung aus. Daher nehmen Sponsorings und „Branded Entertainment“ zu, also von der Wirtschaft bezahlte Unterhaltungsproduktionen. Dies kann heikel sein, bedarf hoher Transparenz und redaktioneller Unabhängigkeit. Nur, es ist schon lange üblich, keine Preisverleihung ohne Logos, kein Sport ohne Banner. Wer es abstreitet, heuchelt. Wichtig werden auch Micropayments, ob geringe Monatsgebühren oder bezahlte Individualabrufe kleiner Inhaltselemente. Das Pauschalbezahlen zu 95 Prozent nicht genutzter Inhalte wird immer weniger wahrscheinlich.

Ende der Monopolfurcht

Mit den vielen alternativen analogen und digitalen Kanälen, TV, Presse, Breitband, Mobil, gestaltet von Journalisten und Bloggern, kann Meinungsvielfalt kaum mehr eingeschränkt werden. Medienübergreifend stehen jederzeit so viele unterschiedliche Quellen zur Verfügung, dass Kartell- und Konzentrationsrecht einer grundlegenden Neudefinition bedürfen. Nicht jeder einzelne Verbreitungsweg muss bis zur Beckmesserei vollkommene Vielfalt garantieren. Entscheidend ist, dass jeder Nutzer wichtige Inhalte in irgendeiner Weise unabhängig vermittelt bekommt, egal ob über Satellit, Kabel, Terrestrik oder Breitband. Dabei rücken eher Suchmaschinen-Monopole ins Blickfeld. Zudem bieten die Öffentlich-Rechtlichen eine Unabhängigkeitsgarantie, jedenfalls ist das ihre Aufgabe.

Öffentlich-Rechtliche neu positioniert

Information und Kommunikation sind der Humus einer modernen Gesellschaft. Für die Gewährleistung entsprechender Basisfunktionen stehen die ÖffentlichRechtlichen. Unabhängig von kommerziellen Zwängen sollten sie im Zeitalter ausdifferenzierter Medien fünf Funktionen garantieren: Unabhängige und umfassende Information, nicht Wahrheit per Abstimmung; Zusammenfügen gemeinsamer Interessen und Identitäten, besonders in Unterhaltung und Sport; Pluralismus, also Angebots- und Ausdrucksmöglichkeit auch für Ältere, Minderheiten, Migranten; Teilhabe an Bildung, Kultur und Gesellschaft durch Dokumentation und Reportage; kulturelle Innovation durch kommerzfreie Experimente. Dies klar definiert und transparent als Inhalteanbieter für jeden, nicht als Verwalter einzelner Kanäle.

Verschlüsselung befreit

Der Begriff Verschlüsselung führt in die Irre. Er bedeutet nicht Ausschluss, er bedeutet, dass der Nutzer wie beim PC-Passwort den TV-Zugang öffnet. Das Programm bleibt bei einer marginalen Gerätegebühr, geringer als Klingeltonkosten, frei bei denen, die das wünschen und müssen. Das sind Öffentlich-Rechtliche, das ist ein Großteil der werbefinanzierten Privatanbieter. Warum dann Verschlüsselung? Zum einen lassen sich so Film- und Sportrechte vor illegalem Downloading schützen; nur dieser Schutz garantiert auch in Zukunft attraktive Programme mit eingekauften Rechten. Zudem bietet sie dem, der es will, neue Interaktions- und Einkaufsmöglichkeiten. Fernsehen bleibt also zu großen Teilen frei, solange Gebühren und Werbung das Programm schon finanziert haben.

Der Autor ist Chef des Deutschen Digital-Instituts in Berlin.

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