Medien : Diese Wut ist echt

Berliner Hauptschüler loben das deutsch-türkische Drama, das die ARD ins Spätprogramm verschoben hat

Marc Felix Serrao

Wenn man wissen will, ob ein Film die Realität abbildet, fragt man am besten die Abgebildeten selbst. Die Schüler der Klasse 10.3 der Kepler-Oberschule in Neukölln, Schauplatz der „Berliner Rede“ von Bundespräsident Köhler zur Bildung, schauen im „Filmraum“ auf den Bildschirm und kichern. Gerade hat Can, der Anführer einer türkischen Jugendclique, den Vater seines Lieblingsopfers Felix binnen weniger Sekunden als „Hurensohn“ und „Schwuchtel“ beschimpft. Den zehn anwesenden Hauptschülern – drei fehlen, einer ist „beurlaubt“ – gefällt der Film. Acht von ihnen sind Mädchen.

„Der Film ist realistisch“, sagt die 17-jährige Leila Antabi bei der anschließenden Diskussion. „Von der Sorte laufen hier in Neukölln ein paar hundert rum.“ Alleine, sagt sie, seien die meisten der türkischen Jugendlichen harmlos. Aber in der Clique, da reiche oft ein zufälliger Blick aus, um Prügel zu provozieren. „Wir hatten bis vor kurzem auch so einen Can an der Schule“, erzählt Özlem Dogan, 15. Einmal habe der einer Lehrerin Klebstoff in die Spaghettisoße getan. „Die ist fast erstickt.“ Die anderen Schüler grinsen. Auch vor ihrer Klassenlehrerin werfen sie mit Schimpfwörtern um sich. „Wenn man in so einer Gegend aufwächst wie wir, gewöhnt man sich das irgendwann an“, entschuldigt sich Charleen Kowalski.

Der Film, den die ARD heute um 22 Uhr ausstrahlt und den die Neuköllner Schüler schon gesehen haben, heißt „Wut“ – und hat bereits vorab für jede Menge Furore gesorgt. Es geht um den jungen türkischen Dealer Can (brillant: Oktay Özdemir), der einen deutschen Teenager und dessen bildungsbürgerliches Elternhaus drangsaliert. Ein harter Film, vor allem sprachlich; Satztiraden von menschenverachtendem Deutschtürkisch spuckt Can seiner Umwelt – und den Zuschauern – ins Gesicht. Und Gewalt, die zeigt Züli Aladags Film in all ihren hässlichen Facetten. Gewalt zwischen den gesellschaftlichen – hier: ethnischen – Schichten, die es aller öffentlichen Folklore zum Trotz in Deutschland unzweifelhaft gibt. Kurzum: ein Film, der Galaxien entfernt ist vom gemütlichen Gutenabendallerseits, das die ARD, aber nicht nur die, ansonsten sendet. Eigentlich war „Wut“ seit Wochen für den vergangenen Mittwoch angekündigt, zur Primetime sollte der Film laufen. Doch dann roch der „Spiegel“ einen „Skandal“. Politiker meldeten sich zu Wort. Die ARD machte einen Rückzieher – mit dem Argument, die Jugendschützer der Anstalten hätten für die Verschiebung plädiert. Der WDR, der „Wut“ produzieren ließ, wirft der ARD „mangelnde Courage“ vor.

Die 10.3 ist eine der bravsten Klassen an der Keplerschule, erzählt Klassenlehrerin Anja Mutert, 37, während der großen Pause. Richtig problematische Schüler flögen meist spätestens in der achten Klasse. Statt den Dauerstörern alle Aufmerksamkeit zu widmen, konzentrierten sie und ihre Kollegen sich auf die „weniger schweren Fälle“. „Wie im Krieg“, ergänzt eine Kollegin, die zufällig zugehört hat. „Wer schon zu schwer verletzt ist, wird liegen gelassen.“ Auch Anja Mutert findet „Wut“ realistisch. Zwar reagierten viele Medien inzwischen leider nur noch panisch, wenn es um „Ghettoschulen“ geht. Dabei gebe es innerhalb dieser Schulen immer seltener offene Gewalt, stattdessen Mediatoren und erfolgreiche AGs. Sie macht eine Pause. „Aber es stimmt schon, draußen im Kiez geht es hier richtig zur Sache.“

„Wut“: 22 Uhr, ARD; ab 23 Uhr 30 läuft die Diskussionsrunde „Tatort Schulweg“, die von Sandra Maischberger und Asli Sevindim moderiert wird.

Marc Marx, 16: „Deutsche halten auch zusammen. Aber nicht hier in Neukölln. Ich komme nur zur Schule her und fahre danach immer sofort nach Hause.“

Özlem Dogan, 15: „Wenn jemand etwas Schlechtes über meine Eltern sagt, flippe ich aus. Das regt mich total auf. Einmal hat mich ein Junge blöd angeguckt, da habe ich ihn gefragt: ‚Was guckst du so?‘ Da hat er gesagt: ‚Ich ficke deinen Vater.‘ Wir sind sofort auf ihn rauf, vier Mädchen, und haben ihn fertiggemacht.“

Mona Atije, 15: „Klar hat Can Schuld. Immer gleich losschlagen, das ist so was von dumm. Aber Felix hat auch Schuld, dass er so fertiggemacht wird. Warum lässt er Can in sein Haus rein? Er reitet sich selbst rein, weil er unbedingt dazugehören will.“

Leila Antabi, 17: „Die Sprache aus dem Film – ich schwöre – so redet hier jeder. Wenn du bei uns aufwächst, gewöhnst du dir das einfach an. Als Mädchen wirst du hier dauernd angemacht oder begrabbelt. Und wenn ein deutscher Jugendlicher alleine durch Neukölln läuft, heißt es sofort: ‚Ey, lass uns den abziehen.‘“

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