Dieter Hallervorden im TV : Alt werden sollen andere

Mit „Chuzpe“ beschenkt die ARD Dieter Hallervorden zum 80. Geburtstag. Typisch Degeto-Film: Es herrscht Happy-End-Garantie mit Best-Ager-Stammpersonal.

Jan Freitag
Zweisamkeit. Köchin Zofia (Franziska Troegner) weckt bei Edek Rotwachs (Dieter Hallervorden) nicht nur kulinarisch die Lebensgeister.
Zweisamkeit. Köchin Zofia (Franziska Troegner) weckt bei Edek Rotwachs (Dieter Hallervorden) nicht nur kulinarisch die...Foto: ARD

Deutschland altert sich jung. Während ihm der Nachwuchs zügig ausgeht, werden Senioren nicht nur immer mehr, sondern auch immer fitter. Zumindest in der Fiktion. Denn während das wahre Leben für die Generation 60+ neben wachsenden Kraftreserven auch ein stattliches Register geriatrischer Leiden bereithält, kennen Film & Fernsehen nur eine Krankheit, die Oma und Opa am hyperaktiven Rentnerdasein hindert: Demenz.

Damit wären wir bei Dieter Hallervorden.

Seitdem die Berliner Bühnenikone den „Didi“ der 70er gegen den „Dieter“ im Ausweis zurückgetauscht hat, darf er mit 80 wieder sein, was der 40-Jährige schon mal war: Ein seriöser Schauspieler mit ernsthaften Rollen achtbarer Filme. In „Honig im Kopf“ etwa verwelkte der Verstand seines alzheimerkranken Amandus 2014 so hinreißend, dass ihm über sieben Millionen Zuschauer ins Kino folgten. Pünktlich zum runden Geburtstag zeigt der Jubilar nun auch noch die zweite Facette des TV-Alterns: In dem ARD-Film „Chuzpe“ spielt er einen jüdischen Berliner, der nach Jahrzehnten im australischen Exil zurückkehrt in die Hauptstadt seiner alten Feinde.

Dort will Ruth Rotwachs ihrem Vater Edek einen ruhigen Lebensabend in ihrer Nähe ermöglichen. Doch statt sich aufs Trimm-dich-Rad in der schicken Mietwohnung zu setzen, startet der Spätheimkehrer nochmals durch und gründet mit seiner polnischen Urlaubsbekanntschaft Zofia eine sexuell aktive Beziehung, gefolgt von einem Restaurant traditioneller Fleischklopse, das sich wider Erwarten zur Goldgrube mausert.

So weit, so stereotyp. Der Film läuft schließlich auf dem Degeto-Ticket der ARD. Und hier herrscht Happyend-Garantie mit Best-Ager-Stammpersonal für die Zielgruppe 60+, der auch Andrea Stolls Adaption von Lily Bretts gleichnamigem Roman weder Ecken noch Überraschungen, geschweige Alterungsschatten abseits vom Boom-Thema Demenz zumutet. Trotzdem hat „Chuzpe“ in der Regie von Isabel Kleefeld mehr zu bieten als die sendezeitübliche Erfolgsstory rüstiger Rentner beim Neuanfang. Und das liegt vor allem an Dieter Hallervorden.

Der nämlich hat sich bei aller nachholenden Versachlichung den Schalk aus „Nonstop Nonsens“ bewahrt: Eine effektreduzierte Übersteuerung von Mimik, Gesten und Ausdruck, mit der er den Ernst der Lage des Opfers am Ort jener Täter, die ihn samt seiner Familie einst ins Vernichtungslager deportiert hatten, freitagabendtauglich macht. Wenn dieser Edek sagt, „wer den Hunger kennt, will satt werden jeden Tag“ oder „wie soll man normal werden mit Eltern, die überlebt haben Auschwitz“, dann verzeiht man der Produktion sogar den jiddischen Akzent im fließenden Deutsch, dem 60 Jahre Melbourne absurderweise keine Spur Englisch beigefügt hat. Da aber Dieter Hallervorden im Kreise spielfreudiger Kollegen agiert, wird sogar das klebrige „Apotheken-Rundschau“-Finale am Ende einer berechenbaren Story erträglich.

Anja Kling spielt die kontrollsüchtige Tochter

Anja Kling zum Beispiel als kontrollsüchtige Tochter Ruth, die den vermeintlich hinfälligen Vater zur altersgerechten Zurückhaltung erziehen will, von ihm aber umgekehrt Entspannung lernt. Oder Hans-Jochen Wagner, dessen unvergleichliche Nonchalance Ruths Mann Georg zum lässigen Mediator jener Frau macht, die in ihrer sterilen PR-Agentur sonst anderen das Miteinander erleichtert.

Franziska Troegner und Natalia Bobyleva geben zwei verwitweten Hausfrauen, die Edek beim zweiten Anlauf assistieren, zudem bodenständige Grandezza. Das gesamte Ensemble hilft also mit, dem Motto des Films gerecht zu werden. Dieter Hallervorden selbst beschreibt es so: „Aus Steinen, die man Menschen in den Weg legt, lassen sich durchaus solide Gebäude bauen.“

Und wie er das so sagt, im Kopf kaum halb so alt wie Gleichaltrige und auch physisch jünger als altersgerecht, merkt man, dass viel mehr Dieter als Didi in Edek steckt. „Solange mich meine Beine noch auf die Bühne tragen, da oben genug Grips steckt und ein paar Leute zusehen“, werde er seiner Leidenschaft immer nachgehen. Seien es die Hobbys von Gärtnern bis Surfen, sei es sein Beruf. Hallervordens Fazit: „Ich bin im Unruhestand.“ Wie seine Rolle: jung gealtert, mal nicht dement.

„Chuzpe“, ARD, Samstag, 20 Uhr 15

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