Medien : Dieter Stolte: Wider den tierischen Spaß

Joachim Huber

Dieter Stolte wird im kommenden Frühjahr die Intendanz des Zweiten Deutschen Fernsehens verlassen. Die 35. "Mainzer Tage der Fernseh-Kritik" wird er nicht mehr prägen, vielleicht wird er nicht mal mehr ihr Gast sein. Aber die diesjährige Tagung soll Stoltes Stempel tragen, mit dem Thema "Fernsehen für die Spaßgesellschaft - Wettbewerbsziel Aufmerksamkeit" hat sich der ZDF-Chef die notwendige Vorlage gegeben. Eine Vorlage für einen Eröffnungsvortrag, in dem Stoltes - fast schon wie ein Vermächtnis - über das Thema des Fernseh-Spaßes seine Programmatik des Mediums entwickelt.

"Der Verlust des Ernstes" hat der Intendant seinen Beitrag überschrieben. Wer so titelt, der hat Sorgen, der macht sich Sorgen. Stolte ist in seinem 66. Lebensjahr und in seinem 19. Intendantenjahr. Über diesen Zeitraum hat sich das Fernsehen links und rechts, oben und unten vom ZDF zersplittert in Vollprogramme und Spartenkanäle: Phoenix sendet Politik im Hardcore-Format, RTL 2 ist Minute für Minute fit for fun. Anything goes, solange es genug Publikum bindet. Ungeachtet dieser Programme im Programm Fernsehen will Stolte von seiner Zentralperspektive für das Medium nicht lassen. "Wo bleibt die Realität?", fragt Stolte die Fernseh-Verantwortlichen, und er fordert, "jene Dinge in den Mittelpunkt unseres Mediums zu rücken, die auch im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen".

Wer so fragt, hat einen Standpunkt und seine Beobachtungen gemacht: "Wir leben in einer Zeit der Zerstreuung", sagte Stolte, "und wir leben durch Unterhaltungsangebote der vielfältigsten Art häufig nicht nur zerstreut, sondern auch verstreut: jeder vor sich hin, jeder mit einem anderen Programm, einem anderen Ziel, ohne gemeinsames Zentrum, folglich auch ohne Zusammenhang." Dieser Verlust einer bindenden Mitte sei auch ein Verlust der gemeinsamen Sache und auch des Ernstes - Ernst verstanden als "zentrale menschliche Fähigkeit, den festen, sicheren, entschiedenen Bezug zu einer Sache, zu ihrem Ernst, ihrer Würde und auch ihrem Stil bezeichnet". Diesen Verlust bezeichnete Stolte als "eine Abkehr der Gesellschaft von sich selbst".

Zum Beispiel nahm der ZDF-Chefdenker die Randale vom 1. Mai in Berlin. Nach Stoltes Beobachtung hätten droben auf den Balkonen die Anwohner das alljährliche Spektakel in durchaus heiterer Gelassenheit erlebt, als - so der beigegebene Kommentar - "Reality-Show außerhalb des Fernsehens". Fernsehen, das im öffentlich-rechtlichen Verständnis solche Vorgänge nicht voyeuristisch, sondern kritisch zu begleiten habe, stehe angesichts der chaotischen Bilder vor der Frage, inwieweit es dazu beitragen könne, der gesellschaftspolitischen Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit abzuhelfen.

Solche Abhilfe kann nach Stoltes Einschätzung weder durch eine Karikierung von Nachrichten im Stile der "Wochenshow" kommen noch durch eine Verdrängung der Weltgeschehnisse mit Hilfe von Real-Life-Soaps und Fun-TV. "Natürlich darf die Gesellschaft Spaß haben", sagte Stolte. Spaß sei aber ein Sekundärziel, das jenes Primärziel nicht verdrängen dürfe, "mit unserem Medium ein adäquates Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu vermitteln." Das Problem sei nicht der Spaß an etwas, sondern der verselbstständigte Spaß an sich, also der Spaß alleine um des Spaßes willen. "Wo daher die Mittel und Wege egal sind, um als Ziel und Zweck lediglich Spaß zu erreichen, verlieren Fernsehprogramme Inhalt, Gehalt und Gestalt, aber auch Stil, Niveau und Würde." Stolte beklagte eine "voyeuristische Selbstinszenierung" der Spaßgesellschaft im Fernsehen. "Fernsehspaß ohne Anstrengung im zappenden Unterhaltungssalon durch Kommerzprogramme geht vielfach an der Wirklichkeit vorbei.

Man könne nicht ungestraft "das Informierende aus unserer medialen Wahrnehmung von Wirklichkeit ausklammern oder gar verdrängen", so der ZDF-Intendant. Insofern sei die Frage nach der Spaßgesellschaft "keine Geschmacksfrage unter Humorlosen". Vielmehr handele es sich um die grundsätzliche Frage nach dem Wirklichkeitsverhältnis und Wertgefüge der Gesellschaft.

Dies alles klingt, wie Stolte einräumte, "vielleicht altmodisch", aber der Intendant nimmt Thomas Gottschalk ("der wahrlich außer Verdacht steht, humorlos zu sein") zum Zeugen. Stolte zitierte aus einem "Spiegel"-Gespräch mit dem Entertainer: "Eigentlich habe ich mir immer eine Spaßgesellschaft gewünscht; dass es dann so spaßig werden würde, erschreckt mich jetzt doch etwas." Heute sehe sich Gottschalk fast wie den berühmten Zauberlehrling, der begreife, was er angerichtet habe. Und Gottschalk taugt ein zweites Mal zum Gewährsmann Stoltes, indem der Entertainer mit Blick auf das form- und profillose "Echte-Menschen-Fernsehen" einen programmatischen Aufruf hinzufügt, den inzwischen sogar die Macher des Reality-TV auf Grund einer rasanten Talfahrt verstanden hätten: "Fernsehen schreit nach Gestaltung." Gottschalks Erkenntnis übersetzt Stolte in ein Bekenntnis, in ein "Plädoyer für eine gepflegte Unterhaltung, die den Menschen nicht zur Ware für Voyeure macht, sondern das Medium und seine Adressaten sprich: die Gesellschaft, ernst nimmt".

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