Medien : Digital-TV: Vollbedienung per Fernsehgerät

Joachim Huber

Das digitale Fernsehen in Deutschland bekommt einen gemeinsamen technischen Standard. Die großen Programmveranstalter ARD, ZDF, RTL, die Münchner Kirch-Gruppe und die Landesmedienanstalten haben sich auf die so genannte Multi Media Home Plattform (MHP) geeinigt. Sie soll bis zum 1. Juli 2002 am Markt sein. Damit sei für das digitale Fernsehen der entscheidende Durchbruch gelungen, erklärte der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen am Donnerstag. Bislang haben Technologie-Streitigkeiten vor allem zwischen den öffentlich-rechtlichen Anstalten und der Kirch-Gruppe die Entwicklung des digitalen Fernsehens nachhaltig behindert. Das soll Vergangenheit sein: Sender und Hersteller werden ihre gezielt inkompatiblen Geräte und Programme aussortieren. Wer schon ein Gerät wie die d-box für Kirchs Abo-Fernsehen Premiere World hat, muss es technisch nachrüsten lassen. Unabhängig vom Hersteller bietet MHP für alle Dienste künftig eine offene Schnittstelle. Und das nicht nur in Deutschland, sondern Schritt für Schritt in der gesamten Europäischen Union. Bisher haben sich für das digitalen Fernsehen noch keine zehn Prozent des Publikums erwärmt.

Mit Digital-TV können mehr Programme in zudem besserer Qualität empfangen werden. Der zusätzliche "Kick" ist die Interaktivität. An Spielesendungen kann per Schirm teilgenommen werden, Werbeprogramme verknüpfen sich mit E-Commerce, bei Dokumentationen können Hintergründe über die Fernbedienung abgefragt werden. MHP vereint das digitale Fernsehen mit interaktiven Datendiensten, Internet und E-Mail.

Erste Fernsehgeräte mit integrierter MHP-Technik soll es bereits ab November geben. Die Set-Top-Boxen mit MHP-Unterstützung sollen etwa 590 bis 980 Mark kosten. Die Geräteindustrie wurde von den Sendern und den Medienanstalten aufgefordert, rechtzeitig zum Einführungsdatum die Empfänger "zu verbraucherfreundlichen Preisen" im Fachhandel anzubieten. Bis zum Jahre 2010 sollen alle TV-Geräte in Deutschland auf digitalen Empfang umgerüstet sein.

Kundenjagd ist eröffnet

Um die Rolle als digitales Drehkreuz in Privathaushalten buhlen freilich nicht nur die Rundfunkanbieter. Auch PC-Hersteller und Software-Anbieter von Apple mit Mac OS X über Microsoft mit dem neuen Windows XP bis zum freien Betriebssystem Linux wollen die Kunden mit allen digitalen Geräten an ihr jeweiliges System binden. Die Kirch-Gruppe rechnet für ihre defizitäre Pay-TV-Tochter mittelfristig mit einem Schub bei der Ergebnis- und Kundenentwicklung. Durch MHP fielen bei Premiere World Infrastrukturkosten in deutlich dreistelliger Millionen-DM-Höhe pro Jahr weg, sagte Peter Mihatsch, Kirch-Geschäftsführer für den Bereich Technik. Wie sehr die schwierige Lage bei Premiere das Unternehmen umtreibt, zeigt sich auch in der Trennung von Manfred Puffer, der als Premiere-World-Chef nach Angaben des Medienkonzerns wegen Differenzen über die Geschäftsausrichtung ausscheidet. Premiere World werde künftig von dem Trio Ferdinand Kayser (Sprecher), Michael Börnicke und Hans Seger geleitet.

Ehe jedoch die Mehrheit der Fernsehzuschauer von den MHP-Segnungen profitieren kann, wird noch einige Zeit vergehen. Ohne ein technisch aufgerüstetes Breitband-Kabelnetz und milliardenschwere Investitionen der privaten Haushalte in neue Technik wird MHP ein Nischenangebot bleiben. Die Medienwirtschaft wittert bei MHP neue Chancen für das, was ihr im Internet weitgehend misslang: Gebühren für den Abruf bestimmter Dienste zu kassieren. Die neue Digitaltechnik bietet ja die Möglichkeit, die Angebote zu verschlüsseln. Abseits der Jubelchöre eines "free flow of information" oder eines Fernsehens ohne Grenzen drohen die verstärkte Separierung und die weitere Kommerzialisierung von Angeboten.

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