18 Karat Zeit : Die Apple Watch wird jetzt ausgeliefert

18 Karat Gelbgold für 18.000 Euro mit 18 Stunden Laufzeit: Mit der Auslieferung der ersten Apple-Digitaluhren wird der US-Konzern endgültig zur Luxusmarke. Und in Berlin standen die Interessenten Schlange.

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Die Apple-Watch: Zwischen 38 Modellen kann gewählt werden. Die Preise bewegen sich zwischen 400 und 18000 Euro.
Die Apple-Watch: Zwischen 38 Modellen kann gewählt werden. Die Preise bewegen sich zwischen 400 und 18000 Euro.Foto: picture alliance / dpa

Dieser 24. April ist Datum eines denkwürdigen Ereignisses. Von diesem Freitag an werden Menschen wie einstmals in vorelektronischen Zeiten wieder Uhren tragen, die nicht einmal einen Tag lang die Zeit anzeigen. Wenn der Akku der Apple Watch erst einmal durch das Anzeigen von Aktienkursen oder das Blättern in iMessages, E-Mails oder Twitter-Timelines leergesaugt ist, hilft anders als bei den klassischen Uhren zum Aufziehen kein Drehen an der Funktions-Krone. Wenn ein Tag doch einmal mehr als 18 Stunden hat, ist diese Uhr nur noch ein nett aussehendes Schmuckstück am Handgelenk seines Besitzers.

Ohne iPhone ist die Apple Watch kaum mehr als eine normale Digitaluhr

Mit der ersten Apple Watch wird es nicht viel anders sein als mit dem ersten iPod, iPhone oder iPad: Vor lauter Verzückung über die netten neuen Funktionen werden andere Unzulänglichkeiten gerne übersehen. Bislang waren Uhren etwas zeitloses, besonders teure Exemplare wurden vererbt. Ob das für die Apple Watch gilt, ist fraglich, schließlich will das Unternehmen Jahr für Jahr neue Produkte verkaufen. Trotz aller Ingenieurskunst und künstlerischer Eleganz ist die Apple Watch 1 ohne iPhone zudem kaum mehr als eine Digitaluhr mit kurzer Laufzeit. Ohne gekoppeltes Apple-Telefon in der Nähe gibt sie im Wesentlichen die Uhrzeit an, man kann sich die auf der Uhr gespeicherten Songs über einen Bluetooth-Kopfhörer anhören und sie zählt Schritte. In Verbindung mit einem iPhone ab Version 5 aber steht dem Besitzer ein Funktionsumfang zur Verfügung, der mit jedem Tag und mit jeder neuen App zunimmt. Während des Lokführerstreiks wäre beispielsweise der DB-Navigator mit seinen alternativen Zugverbindungen hilfreich. Aber dieser Streit macht am Freitag bekanntlich Pause.

Viele Marktbeobachter erwarten darum auch, dass mit der Apple Watch der endgültige Durchbruch der smarten Uhren einhergehen wird. Die weltweiten Vorverkaufszahlen für Apples neuestes Prestigeprodukt sollen sich weltweit auf zwei Millionen Stück belaufen. Derzeitige Wartezeit für Neubestellungen: Juni. Ohnehin ist es der verrückteste Produktlaunch der letzten Apple-Jahre, denn der Erstverkauf findet ausschließlich online statt. In den Apple Stores wie am Berliner Kurfürstendamm dominieren dennoch die Großformatfotos der Uhren die helle große Halle. In aller Ruhe kann man sich dort die Apple Watch ansehen, montiert auf einem interaktiven Verkaufsberater, der die wichtigsten Funktionen der Apple Watch und die Preise der verschiedenen Kollektionen erklärt. Auf Wunsch kann die Uhr auch anprobiert werden, dafür sind genügend Modelle mit den verschiedensten Armbändern in den Schubladen vorhanden. Sobald man dem Apple Genius seine Apple-ID mitgeteilt hat, kann man sich sein Wunschmodell – beispielsweise im Business-Look mit Milanaise-Armband aussuchen. Die Preise bewegen sich zwischen 399 Euro für eine Watch Sport in der Damengröße (38 Millimeter) über eine Apple Watch mit klassischem Lederarmband in der Herrengröße (42 Millimeter) für 799 Euro bis zu der Watch Edition mit verschiedenen Edelmetall-Modellen wie der Variante mit 18 Karat Gelbgold und Bright-Red-Lederarmband für 18.000 Euro.

Das Samsung Gear S: Ein Telefon am Handgelenk

Apple ist bei Weitem nicht der einzige Hersteller von smarten Uhren. Andere waren früher da. Uns stand zum Test unter anderem die Samsung Smartwatch Gear S zur Verfügung. Über den ästhetischen Wert der rund 300 Euro teuren Uhr lässt sich streiten. Das große, leicht gebogene Display ist gewöhnungsbedürftig, aber ein echter Hingucker. Der Bildschirm ist groß genug, die Position abzulesen, auch für andere Funktionen wie das Lesen von Nachrichten oder das Aufrufen mobiler Webseiten beispielsweise mit dem Opera-Browser. Es gibt zwar auch ein paar Armbänder zur Auswahl, aber anders als die Apple Watch ist die Gear S kein Schmuckstück. Anders als die Apple Watch kann die Gear S dank Mobilfunk-Modul als Telefon am Handgelenk genutzt werden. Auch ohne gekoppeltes Smartphone – unterstützt werden Samsung-Modelle wie das aktuelle S6, aber auch das schon etwas betagtere S4 mini – können mit der Gear S Telefonate entgegengenommen oder SMS empfangen werden. Über einen Mini-Lautsprecher kann sogar die auf der Uhr gespeicherte Musik direkt angehört werden. Der App Store zur Uhr ist inzwischen einigermaßen gut sortiert. Besonders praktisch sind kleine Helfer wie die App „Find my car“. Sobald man geparkt hat, wird die aktuelle Position gespeichert. Und da der Gear-S-Akku in jedem Fall länger als einen Tag hält, findet man sein Auto zuverlässig immer wieder.

Warten auf die Apple Watch: Interessierte in Berlin am Freitagmorgen.
Warten auf die Apple Watch: Interessierte in Berlin am Freitagmorgen.Foto: rtr

Die Pebble-Watch: Die Fünf-Tage-Uhr

Nach einem ganz anderem Konzept funktionieren die Pebble-Uhren. Ihre Entwicklung wurde mit Crowdfunding-Mitteln finanziert, das sichert ihnen die Unabhängigkeit von einzelnen Unternehmen. Wir haben die Uhr sowohl mit einem iPhone als auch einem Android-Handy ausprobiert. Selbst der Wechsel zwischen den Plattformen funktioniert reibungslos. In Kürze kommen die ersten Pebble-Uhren mit Farbdisplay auf den Markt, die auf der Mobile World Conference in Barcelona vorgestellt wurden. Uns stand das aktuelle Modell mit monochromem E-Paper-Display zur Verfügung. Die Steuerung der Uhr mutet beinahe analog an, denn bei Pebble heißt es Taste statt Touch. Über vier Knöpfe lassen sich alle Funktionen der Uhr erreichen. In Kombination dieser beiden Besonderheiten hält der Akku mehrere Tage. Wie jede anderen Smartwatch ist die Pebble aber nur so gut wie der dazugehörige App Store. Noch ist dieser sehr überschaubar. Möglicherweise ändert sich das mit den Farb-Pebbles.

Neue Zeiten, neue Regeln?

Fazit: Nach einige Tagen mit den smarten Uhren bleibt haften: Für noch ein Gerät wird Platz in der Steckerleiste benötigt. Gravierender ist jedoch das penetrante Heischen der Uhren nach Aufmerksamkeit. Bei jeder neuen Nachricht oder Mail, bei Anrufen, Breaking-News, Facebook-Posts blinken die Bildschirme kurz auf und lenken kurzzeitig ab. Mehrere hundert Ereignisse kommen über den Tag schnell zustande. Auf die neuen Uhren könnten schnell neue Regeln folgen, in Schulen, im Straßenverkehr oder beim Dinner zu zweit. Fest steht: Mit den smarten Uhren beginnen neue Zeiten, auf den 24. April werden weitere Verkaufsstarts – dann möglicherweise wieder mit Schlangen vor den Stores – folgen. Wie an diesem Freitag in Berlin:

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