Apple-Hype : Finger weg oder her mit dem iPad?

Das iPad ist auf dem Markt, und alle Technikseiten testen es. Trotz der vielen verfügbaren Informationen entscheidet aber wohl vor allem der Bauch: mögen oder nicht.

Kai Biermann

Wenn ein Gegenstand viele Menschen gnadenlos begeistert, wird es mindestens genauso viele geben, die ihn abgrundtief ablehnen; wir sind so. Fanmassen machen uns skeptisch. Siehe iPad. 300.000 verkaufte Geräte am ersten Tag zeugen von nicht zu leugnender Zustimmung, wütende Kommentare andererseits (auch zu Texten von ZEIT ONLINE), von tiefer Skepsis, ja Ablehnung. David Pogue, Technikautor der New York Times, hat das in einem Satz zusammengefasst: "The haters tend to be techies; the fans tend to be regular people." Frei übersetzt: Die Gegner sind häufig Technik-Freaks, die Fans meist ganz normale Leute.

Ob das so absolut stimmt, kann man natürlich bezweifeln, doch hat Pogue versucht, dieser Dialektik in seiner Beurteilung des Gerätes gerecht zu werden. Er schrieb zwei Rezensionen, eine für "Techies" und eine für "alle anderen". Urteil für Erstere: In der Sonne sehe man nicht viel auf dem Schirm, die Tastatur sei nicht wirklich toll und die Glasscheibe dauernd verschmiert. Wenigstens aber habe Apple einen schnellen Prozessor eingebaut. Doch wer bereits ein Laptop und ein Smartphone habe, wolle bestimmt nicht noch ein drittes Gerät rumschleppen. Wer aber noch kein Laptop habe, bekomme ein gutes für weniger Geld als das iPad koste. Finger weg also.

Pogues Urteil für den "Normalnutzer": Der große Schirm sorge für eine völlig neue Erfahrung, das Sichtfeld sei "eher das einer Frontscheibe als das eines Schlüssellochs". Er sei hell und klar, reagiere schnell und sauber und die Bedienung sei leicht verständlich. Der wahre Gewinn aber seien die Apps, die kleinen Zusatzprogramme also, vor allem diejenigen, die originär für das iPad geschrieben wurden. Ob Scrabble spielen oder Zeitung lesen, auf dem iPad mache das einfach Spaß.

Und erst die Filme... "Can you imagine? A thin, flat, cordless, bottomless source of free, great TV shows, in your bag or on the bedside table?" "Kannst du es dir vorstellen? Eine flache, dünne, kabellose unerschöpfbare Quelle für Gratis-Fernsehen in der Tasche oder auf dem Nachttisch? Dabei habe die Batterie im Test ganze zwölf Stunden gehalten, insgesamt sei es für viele Menschen wohl eine "zutiefst befriedigende Erfahrung". Eines aber sei das iPad auf keinen Fall, ein Ersatz für ein Laptop.

Spiegel Online scheint das Konzept zumindest nicht abzulehnen: "Es ist völlig überflüssig – doch nach wenigen Minuten will man ohne es nicht mehr leben", lautet das Fazit des Tests dort. Browser und Prozessor arbeiteten so gut, sie drückten einem "das Internet geradezu in die Hand", die Tastatur sei "gewöhnungsbedürftig", im Vergleich zu der des iPhones aber sehr viel besser. Das spektakulärste Angebot aber sei der virtuelle Buchladen. Noch enthält der nur englische Werke, doch jubelt nicht nur Spiegel Online jetzt schon über ihn. Ebenso gelobt werden die Darstellung von Fotos ("plastisch wie rückbeleuchtete Dias") und die von Musik ("alles viel schöner und feinfühliger als beim kleinen Stiefbruder", gemeint ist der iPod). Ernsthafte Kritik: keine.

Entsprechend der Pogue'schen These klingen die Testberichte der Techie-Seiten etwas anders. Wenn auch nicht alle.

Michael Arrington von Techcrunch beispielsweise schreibt unter der Überschrift "It rocks" euphorisch über das Gerät: "This is a new category of device. But it also will replace laptops for many people. It does basic computer stuff, like email and web surfing, very well. (...) The iPad isn’t just for couch computing when you want to look something up on Wikipedia or send a quick email. It’s a perfectly usable business device." (Das ist eine neue Geräte-Kategorie. Es wird bei vielen Leuten den Laptop ersetzen. Es kann den normalen Computerkram wie E-Mail und Surfen sehr gut. Das iPad ist nicht nur fürs Surfen auf dem Sofa, wenn man bei Wikipedia was nachgucken oder ein E-Mail schreiben will. Es ist ein wunderbares Gerät für professionelles Arbeiten.) Für Arrington also hat es durchaus die Chance, Laptops zu ersetzen und das nicht nur, weil es im Flugzeug weniger Platz wegnähme.

Eine andere Sicht als Arrington vermittelt Geek.com mithilfe der Website  iFixit.com, die sich darauf spezialisiert hat, ausführliche Hilfe beim auseinander nehmen und reparieren von Apple-Produkten anzubieten. Deren Urteil: Vor allem sei das iPad ein umweltfreundliches Gerät, denn das Bildschirmglas enthalte kein Arsen, das LCD-Display kein Quecksilber, die Plastikteile kein PVC, und das Aluminiumgehäuse könne recycelt werden.

Außerdem sei es in dem Gehäuse gar nicht so eng wie befürchtet, was die von einigen erhofften Verbesserungen möglich mache. Zum Beispiel eine Kamera. Der Platz dafür sei bereits vorhanden. Außerdem seien gleich zwei Antennen für die drahtlose Kommunikation eingebaut, was den WiFi-Empfang gut machen müsse. Dem allerdings widersprechen Berichte, nach denen der Empfang mieser ist als beim iPhone.

Es gibt auch Klagen, das Gerät sei nicht in der Lage, die Push-Funktion von E-Mail-Angeboten von Yahoo und anderen zu nutzen – E-Mails also von selbst auf das Gerät zu spielen, wenn sie eintreffen. Das iPad funktioniere damit, schreiben Nutzer im Apple-Support-Forum, eher wie ein iPod Touch als wie ein iPhone.

Und dann ist da noch Jeff Jarvis. Der amerikanische Journalistikprofessor und Autor ist erklärter Google-Fanboy und gegenüber Apple eher skeptisch. "Natürlich wird es (das iPad) dafür sorgen, dass noch mehr Menschen das Internet nutzen", lässt er sich in Bild zitieren. Wirklich überzeugt aber scheint er von dem Gerät nicht: "Actually, it’s rather retrograde. After the web empowered us all as content creators, the iPad is trying to revert us back into audiences: mere consumers." Das iPad sei, schreibt er, ein prima Gerät, um uns mit dem Internet zu verbinden, doch habe es die Idee und die Möglichkeiten dieser Verbindung nicht verstanden, ja sei geradezu ein Rück-, denn ein Fortschritt. Es versuche, die Menschen zurückzuschubsen in eine Zeit, in der sie nur aufnehmen konnten, was ihnen von anderen vorgesetzt wurde. Dank des Internets aber könne nun jeder selbst senden und sich dafür ein Publikum suchen.

Vielleicht aber irrt Jarvis, lässt sich mit dem sehr erfolgreichen iPod doch auch nur Musik hören, nicht aber welche komponieren. Möglicherweise will gar nicht jeder Mensch ein Sender sein, auch wenn er es könnte. Für all jene, die vornehmlich empfangen wollen, könnte das iPad genau das richtige Gerät sein.

Vielleicht aber stimmt auch das so nicht. Zum Verkaufsstart des Gerätes standen beispielsweise bereits eine ganze Handvoll Programme bereit, die aus der Glasscheibe wahlweise ein Klavier, einen Drumcomputer oder ein Mischpult machen.

Deswegen ist wohl auch die Einschätzung von David Pogue die treffendste: Es sei ein Gerät, das von einer Truppe von Perfektionisten entworfen und gebaut wurde. Wer das Konzept möge, werde das iPad lieben. Die einzige Frage sei, ob man das Konzept möge. Wobei man, wenn man es nicht mag, wohl nicht gleich so weit gehen muss wie jene, die nagelneue iPads mit Baseballschlägern oder gar mit Mixern bearbeiteten.

Quelle: ZEIT ONLINE

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