Assange TV : Wikileaks-Gründer interviewt Hisbollahführer

Im Januar verkündete Julian Assange, der Gründer von Wikileaks, dass er eigene Fernsehsendung plane. Am Dienstag wurde nun die erste Folge von Assanges Interviewserie "The World Tomorrow" im russischen Fernsehen ausgestrahlt.

Christa Roth
Einander freundlich gesinnt: Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah und Wikileaks-Gründer Julian Assange
Einander freundlich gesinnt: Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah und Wikileaks-Gründer Julian AssangeFoto: AFP

Jetzt hat er sogar seine eigene kleine Talkshow. Zu Hintergrundmusik von einem Dubstep-Instrumentalstück stellt Julian Assange erstmal seine Weltsicht dar. Nach eigener Aussage fühlt sich das bekannteste Gesicht von Wikileaks von den "mächtigen" USA zu Unrecht attackiert. Doch auch 500 Tage Hausarrest könnten ihn und seine Mitstreiter von der "Suche nach revolutionären Ideen, die die Welt von morgen verändern können" nicht abhalten. Dass Assange sich im recht fühlt, ist nichts Neues. In den restlichen 27 Minuten der knapp halbstündigen Sendung gelingt ihm allerdings tatsächlich ein Coup: Als Interviewpartner hat sich der 39-Jährige den Hisbollah-Führer, Sayyid Hassan Nasrallah, ausgesucht - "eine der herausragendsten Persönlichkeiten aus dem Nahen Osten", wie es Assange formuliert.

Assange hat sein Büro zu einem kleinen Heimstudio umfunktioniert. Im Hintergrund sind ein Bücherregal und CD-Spieler zu sehen, aber Assange gegenüber ist eine Kamera aufgebaut, das sein Bild in den Libanon überträgt.

Nasrallah wird "aus einem geheimen Ort im Libanon" per Video zugeschaltet. Er blickt Assange aus einem Bildschirm heraus direkt an. Es ist das erste Interview, dass der Generalsekretär der schiitischen Bewegung der westlichen Welt - repräsentiert durch den gebürtigen Australier Assange selbst - steht zum ersten Mal nach sechs Jahren Rede und Antwort. Assanges Ziel ist es, herauszufinden, warum Millionen Menschen Nasrallah für einen "Freiheitskämpfer" halten, während genauso viele ihn als "Terrorist" bezeichnen. Mit Hilfe von zwei Übersetzern stellt Assange Nasrallah thematisch weit gestreute Fragen. Dabei ist das Spektrum so bunt, wie erwartbar: Von Israel über einen von Wikileaks aufgedeckten Korruptionsskandal unter Hisbollah-Unterstützern bis hin zur fehlenden Unterstützung der syrischen Opposition durch die islamistische Organisation, die auch an der libanesischen Regierung beteiligt ist.

Nasrallah verteidigt das syrische Regime, erklärt, Assad strebe "radikale Reformen" an. Die Hisbollah hätte Gespräche mit der syrischen Opposition geführt und zum Dialog mit Assad geraten. Dies sei jedoch abgelehnt worden. Auch er befürchte einen Bürgerkrieg im Nachbarland, falls dort kein Dialog stattfinde. Nasrallah schloss jedoch nicht aus, dass die Hisbollah in Syrien vermitteln könne. Man würde gerne die Rolle des Mittlers übernehmen, falls man gebeten werde, so Nasrallah.

Wikileaks und Julian Assange
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Kritische Nachfragen stellt Assange dem "Freiheitskämpfer" kaum. Der 1960 geborene Hisbollah-Führer kann sämtliche seiner Positionen unhinterfragt darlegen. "Wir vermeiden, soweit es geht, in bewaffnete Konflikte involviert zu werden. Unsere Priorität ist immer noch die Befreiung und der Schutz unseres Landes vor der israelische Bedrohung. Denn Libanon wird immer noch bedroht", sagt Nasrallah.

Anschließend verfallen die beiden in ein privat anmutendes Geplauder über Nasrallahs Kindheit. „Ich lebte in einer armen Nachbarschaft“, erzählt der Hisbollah-Führer. Um die Israelis mit ihren Abhörgeräten auszutricksen, hätten sie Dorfslang benutzt. Auch Wikileaks hätte die geheimen Codes nicht dechiffrieren können, scherzt Nasrallah.

Gegen Ende des Gesprächs stellt Assange Nasrallah eine "provokative Frage" hinsichtlich dessen totalitärer Auffassung von Gott. Weil wir von Gott gegebene Instinkte hätten, wüssten wir Gerechtigkeit und von Unrecht zu unterscheiden, antwortet Nasrallah und fügt hinzu: "Andere anzugreifen, ihr Blut zu vergießen ist furchtbar". Gegen das hegemoniale System der USA und die israelische Besatzung zu kämpfen, sei instinktiv richtig und damit moralisch. Das letzte Wort hat der bärtige Chef der Hisbollah. "Wir kämpfen aber nicht dafür, anderen unseren Glauben aufzuzwingen", sagt Nasrallah ernst und lächelt anschließend freundlich in die Kamera.

Insgesamt zwölf Sendungen dieser Art sind geplant. Die Lizenz dafür hat der staatlich finanzierte, englischsprachige Sender Russia Today, der die Sendung "The World Tomorrow" am Dienstag exklusiv ausstrahlte. Das wöchentliche Format ist auch im Internet zugänglich. Die Macher hinter den Sendung, zu denen die britische Produktionsfirma Dartmouth Films gehört, wollen nach eigener Auskunft den Dialog mit "Politikern, Revolutionären, Intelektuellen, Künstlern und Visionären" forcieren.

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