Betriebssystem Chrome : Google verzettelt sich im PC-Markt

Das Netbook-Betriebssystem Chrome kommt erst Mitte 2011. Und die Software für die gefragten Tablet-PC ist auch noch nicht fertig.

Axel Postinett
Google-Chef Eric Schmidt
Google-Chef Eric SchmidtFoto: Reuters

Andy Rubin mühte sich redlich, den Hype um Googles Ambitionen im PC-Markt aufrechtzuerhalten. Am Montag, dem ersten Tag der „D: Dive Into Mobile“-Konferenz in San Francisco, präsentierte er das neue Google-Smartphone „Nexus S“. Am Dienstag zog der Google-Manager einen Tablet-PC aus der Tasche, den der Konzern mit der neuesten Version seines Betriebssystems Android bestückt.

Einziges Problem: Es handelte sich um eine frühe Version. Details wollte Rubin nicht nennen, und schon gar keinen genauen Starttermin.

Selbst Google wird inzwischen von der Schnelligkeit der Internet-Trends überholt. Egal ob berührungsempfindliche Tablet-PCs oder die kleinen Netbooks – der Online-Riese hinkt hinterher. Mitte 2009 kündigte Google an, das Betriebssystem Chrome für Netbooks auf den Markt zu bringen. Der Konzern braucht aber noch Monate bis zur Marktreife – und wird schon jetzt von der Realität überholt.

Seit der Einführung von Apples iPad ist das Wachstum im Netbook-Markt zum Erliegen gekommen. Mitte 2011, wenn die ersten Net- oder Notebooks mit Chrome voraussichtlich auf den Markt kommen werden, könnte die Nachfrage bereits deutlich zurückgehen.

Anders Tablet-PCs: Laut dem Marktforscher Gartner wird der Absatz von 19,5 Millionen Geräten in diesem Jahr auf mehr als 54 Millionen 2011 hochschnellen. „Netbooks werden davon am schwersten getroffen“, warnt Gartner-Analystin Carolina Milanesi. Vor allem, wenn die derzeit noch recht hohen Tablet-Preise massiv sinken werden.

Deshalb setzen viele Hardware-Firmen ihre Hoffnung lieber auf Googles ursprünglich für Handys konzipiertes Betriebssystem Android. Trotzdem ist die Verwirrung groß: Viele fragen sich, warum Google in Zeiten der Verschmelzung von Smartphone und PC weiter zwei Betriebssysteme entwickelt.

Konzernchef Eric Schmidt betont, dass Chrome für Hardware mit physischer Tastatur optimiert sei, Android für Geräte mit Bildschirm-Tastatur. Warum das so wichtig ist, leuchtet nicht allen Beobachtern ein: „Chrome und Android werden verschmelzen“, prognostiziert Analystin Milanesi.

Hersteller wie Samsung, die Tablet-Rechner mit dem Android-System angekündigt haben, drängen Google dazu, endlich zu liefern. Sie fürchten, dass Konkurrent Apple mit seinem seit April erhältlichen iPad davonzieht. Im Februar, so spekuliert die Branche, wird der Konzern das iPad 2 vorstellen. Die Gerüchte berufen sich auf ungenannte Lieferanten aus Taiwan, die angeblich schon fertigen.

Der Rückstand wird immer größer, weil selbst Google vom Einsatz der aktuellen Android-Versionen 2.2 oder 2.3 auf Tablets abrät. Rubin, der die Entwicklung der Software verantwortet, hält sich bedeckt, was den Start des Honeycomb getauften Tablet-Prototypen angeht: „Irgendwann nächstes Jahr“, lautet sein Kommentar.

Auch das Geschäftsmodell muss überarbeitet werden
Der Grund: Gleichzeitig mit Honeycomb wird Google weitreichende Veränderungen im Geschäftsmodell vornehmen. Rubin sieht in Zukunft nicht mehr eine unkontrollierte Vielfalt von Hardware, wie sie derzeit bei den Smartphones möglich ist. Stattdessen werde es strengere Vorgaben seitens Google geben. Dadurch solle verhindert werden, dass sich der Markt für die Apps atomisiere. Denn immer häufiger passiert es heute, das die Programme nur auf einigen Telefonen laufen, weil die anderen unterschiedliche Bildschirmgrößen haben oder bestimmte Hardware-Voraussetzungen fehlen.

Vor Google hatte bereits Microsoft erkannt, dass das so nicht weitergehen kann, denn der Softwareriese kämpfte mit dem gleichen Problem. Mit dem neuen Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 und standardisierter Hardware hat Microsoft die Schwierigkeiten überwunden. Google hat diese Arbeit noch vor sich.

GOOGLE-SYSTEME
Chrome: Es soll das PC-Betriebssystem der Generation Cloud-Computing werden. Beim Cloud Computing werden Programme und Daten nicht auf der Festplatte sondern im Internet gehalten und ausgeführt. Chrome OS wäre die Weiterentwicklung des Google Browsers, der rund 120 Millionen Nutzer hat.

Android: Das Betriebssystem basiert auf dem offenen Linux-Betriebssystem für den Einsatz auf mobilen Internet-Zugangsgeräten. Jeder Hersteller darf Android beliebig umgestalten. (Quelle: Handelsblatt)

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