Blogger-Konferenz : „re:publica“ – Ego-Schübe und Gezwitscher

1600 Blogger kamen am Mittwoch nach Berlin in den Friedrichstadtpalast. Zuerst war das Internet weg, und auch später mussten sich die Alphablogger behaupten.

Sylvia Vogt
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Auch ohne Internet-Verbindung: Re:publica-Besucher haben meistens Laptops dabei. -Foto: dpa

Am Anfang funktioniert das Internet nicht: „W-Lan kommt bald“, steht auf der großen Leinwand im Friedrichstadtpalast, wo sich deutsche und internationale Blogger und Netzbewohner am Mittwoch zum Auftakt der Konferenz „re:publica“ versammelt haben. Doch das Motto lautet nicht „shit happens“, sondern „Shift happens“ (auf Deutsch etwa: Der Wandel findet statt). Was damit gemeint ist, erläuterte Organisator Johnny Haeusler in seiner Eröffnungsrede. Als er 1999 versuchte, für ein Internetprojekt einen Kredit zu bekommen, lehnte der Banker ab: „Wer weiß, ob es in ein paar Jahren das Internet noch gibt?“ Aus heutiger Sicht wäre die richtige Antwort gewesen: „Wer weiß, ob es Ihre Bank in ein paar Jahren noch gibt?“ Im Jahr 2009 ist das Internet lebendiger als je zuvor, Johnny Haeusler verdient Geld mit seinem Blog spreeblick.com. Mobiltelefonie und soziale Netzwerke wie Facebook sind im Mainstream angekommen. Auf der Konferenz soll es darum gehen, was diese Veränderungen für die Gesellschaft bedeuten.

Nach einer Schätzung des Dienstes Blogcensus gibt es in Deutschland rund 125 000 Blogs, die regelmäßig aktualisiert werden. Die meisten sind private Onlinetagebücher oder Liebhaberseiten zu Spezialthemen. Blogger, die sich an eine breite Öffentlichkeit wenden und in den etablierten Medien als seriöse Stimme wahrgenommen werden, sind rar. Mit einigen von diesen Alphabloggern diskutierte Thomas Knüwer vom „Handelsblatt“: Stefan Niggemeier (bildblog.de), Markus Beckedahl (netzpolitik.org), Robert Basic (robertbasic.de) und Sascha Pallenberg (eeepcnews.de). Ein gängiges Vorurteil über Blogger ist, dass es sich um eitle Gesellen handelt, die sich vor allem mit Selbstdarstellung beschäftigen, oder damit, sich gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Aber, Überraschung: Die Diskutanten sind erstaunlich selbstkritisch. „Natürlich nimmt sich jeder zu wichtig“, sagt Robert Basic, der vor einiger Zeit mit dem Verkauf seines erfolgreichen Blogs basicthinking.de Aufmerksamkeit erregt hat. Stefan Niggemeier gibt zu: „Es gibt einen unglaublichen Ego-Schub, wenn man von vielen Leuten gelesen wird und ein Feedback bekommt.“ Die größte Veränderung für die Blogosphäre ist der Durchbruch des Microblogging-Dienstes Twitter, da waren sich alle einig. Viele Blogger twittern nur noch, stellen also Kurznachrichten, die nicht länger als 140 Zeichen sein dürfen, ins Netz. Stefan Niggemeier sieht das kritisch. „Die Diskussionen sind kurzatmiger geworden“. Beckedahl glaubt, dass Twitter eine Chance für das Bloggen bedeutet: Gute Artikel würden so noch schneller verbreitet. Sylvia Vogt

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