Case Modding : Hol’ dir den Design-Computer

Früher waren alle Rechner grau. Das ist vorbei. Wir bauen einen PC nach Maß und versteigern ihn für einen guten Zweck.

Ralf Schönball
WIRECENTER
Schick und leistungsstark: Der Design-Computer aus der Tagesspiegel-Werkstatt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ihren ersten Mac nannte meine Freundin liebevoll „Pizzaschachtel“: Denn der war genauso flach wie die Verpackung der „Tono“, die Antonio am Abend lieferte und deren Verzehr die Vollendung vieler Seminararbeiten erst möglich machte. Der Mac kam mit Maus, Display und grauen Kabeln. Grau war eher unüblich, denn die meisten Bauteile waren beige. Später wurden alle grau. Bis Apple den rundgelutschten, quietschbunten iMac rausbrachte. Da staunte die PC-Gemeinde – und schielte neidisch auf das Kultgerät. Irgendwann in dieser Zeit muss das „Modding“ mausgrauer Rechner Mode geworden sein. Heute kann fast jeder einen bunt-blinkenden PC bauen, in Farbe und Leistung nach Wahl – sogar ein Redakteur des Tagesspiegels.

WINDOWS 7 AN BORD

„Casemodding“ nennt das die PC-Gemeinde – und die Aussteller auf der Ifa unterm Funkturm, die heute beginnt, werden den Hunger der „Schrauber“ mit vielen Neuigkeiten stillen: wild leuchtenden, blinkenden, vielfarbigen Bauteilen oder Rechnern. Und auf vielen wird das neue Windows 7 laufen. Auch das ist ein großes Ifa-Thema: Microsofts Betriebssystem wird schon vor dem Verkaufsstart am 22. Oktober mit Expertenlob überhäuft. Wir haben es aufgesetzt – und der Software-Gigant stellt den Tagesspiegel-Rechner in seiner „Ifa-Lounge“ aus: Weil es ein besonders schönes Beispiel für den Einsatz des neuen Windows 7 auf wohnzimmertauglichen Multimedia-Rechnern ist. Die Ifa-Lounge öffnet Microsoft eigens zur offiziellen Präsentation seines neuen Betriebssystems, für 120 Blogger und Journalisten.

Im Grunde steckt in diesem Rechner die ganze Ifa: Denn es gibt fast nichts, was dieser PC nicht könnte. Hoch aufgelöste Filme von einer BluRay? Selbstverständlich. Überall-TV? Aber natürlich. Design fürs Wohnzimmer? Na klar, der große Lüfter leuchtet auf Wunsch in der am besten zur Einrichtung passenden Farbe. Der freie Blick auf die Bauteile ist ein weiterer Hingucker – und ein technischer Leckerbissen, der Freude macht: Beste Bauteile sorgen für einen Turbostart und beschleunigen die Anwendungen so schnell, wie man es bisher nicht kannte.

TECHNIK FÜR EINEN GUTEN ZWECK

Das Beste aber ist, dieses schöne Stück Technik haben wir für einen guten Zweck montiert: Weil die Hersteller ihre Hardware spenden, können wir das hier vorgestellte Ergebnis unserer Arbeit meistbietend versteigern – und das zu einem guten Zweck. Der Erlös geht an „Hilfe für Menschen“, an den Verein des Tagesspiegels. Bieten Sie mit – Sie bekommen eine Spendenquittung, das mildert die Aufwendungen zusätzlich.

Aber welches Glück und Leid erfährt eigentlich, wer im Selbstversuch die Technik-Highlights seiner Wahl zu einem Rechner zusammenschraubt? Gestillt wird dabei zunächst – wir geben es zu – der gewöhnliche Warenfetischismus. Denn wer seinen Rechner selbst montiert, bekommt zu jedem Bauteil einen coolen Karton. Apple-Freunde machen deshalb das Entpacken zum Kult: „unpacking“ nennen sie es, filmen und stellen es ins Netz. Doch in dieser Disziplin ziehen sie im Vergleich zur PC-Gemeinde den Kürzeren: Modder packen fürs Geringste zehn Päckchen aus. Und sie dürfen die bunten Bausteine sogar selbst ineinander stecken – „wie Legosteine“ sagt ein Kollege.

Aber in jedem Baustein steckt feinste Technik und spektakulär zusammengehalten werden sie dazu auch noch: Denn wir wählten in Anbetracht des PC-Einerleis ein Gehäuse, das mit allen Gesetzen bricht. Keine Schachtel, kein Tower, nicht quadratisch, eckig oder flach: Das Skeleton von Antec ist wie ein Bogen geformt, ähnelt dem Berliner Ludwig-Ehrhardt-Haus von Stararchitekt Nicholas Grimshaw. Es kommt ohne Gehäusewände aus und gibt so sein Innerstes preis. Dort blinkt und schnurrt und leuchtet es, dass es eine Freude ist, denn PC-Bausteine sind heute eine Augenweide – jedenfalls die aus dem oberen Segment des Marktes.

Zum Beispiel die Hauptplatine, auch Mainboard genannt (Gigabyte GA-EX58-UD5P): Sie ist das Fundament des Rechners und sieht aus wie eine Stadt voller Brücken (North- und Southbridge) und Straßen, mit Ampeln und Warntafeln. Das ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch nützlich: Bleibt der Rechner hängen, kann man sogar ohne Bildschirm eingrenzen, woran es hapert: Zwei digitale Ziffern auf dem Board zeigen einen Fehlercode an. Praktisch auch: Auf der Platine gibt es blau leuchtende Tasten für Neustart und Wiederherstellung von Werkseinstellungen (Cmos-clear) – da drückt man drauf, wenn man das Gerät beim Tunen falsch eingestellt hat und löscht so auf die Schnelle die falsch gewählten Angaben.

ARBEITSBEREIT NACH 30 SEKUNDEN

Auf die Platine befestigten wir einen der schnellsten Prozessoren am Markt: Intels Core i7 965, dazu drei Arbeitsspeicherriegel von Kingston (HyperX) und eine „Festplatte“ der neusten Generation: eine „Solid State Disc“ (SSD) von Supertalent (Masterdrive SX). Dieses Dreigespann macht das möglich, was wir seit Jahren vermissten: arbeitsbereit ist dieser Rechner eine gute halbe Minute nach dem Einschalten, schneller geht’s kaum. Das liegt am rasanten Zugriff der SSD-Festplatte auf die dort gespeicherten Windowsbefehle, deren rasche Übertragung an Arbeitsspeicher und Zentralprozessor, wo sie im Eiltempo verarbeitet werden. So macht das Bearbeiten von Videos und Fotos Spaß, und deren einst langwierige Umwandlung wird nun zu einem Vergnügen.

Was noch fehlt? Ohne Grafikkarte kein Bild. Hier bestimmte nicht Leistung allein die Wahl, sondern Innovation. Atis 4770-Modell (Saphire) ist die erste Karte, die in einer neuen stromsparenden Fertigung gebaut wird. Besonders bei starker Belastung macht sich das bezahlt. Die Leistung reicht für Spiele natürlich aus – und wer in die absolute Oberklasse vorstoßen will, steckt eine zweite baugleiche Karte auf die Platine – zusammen feuern („Crossfire“) sie so schnell wie fast keine andere am Markt.

Ein starkes Netzteil mit 750 Watt (PC Power&Cooling) und ein Sony-Laufwerk (AW 300), das die brandneuen Blu-Ray-Discs mit hoch auflösenden Filmen abspielt, kommen hinzu. Für einen Multimedia-Rechner Pflicht außerdem: Eine TV-Karte (Hauppauge WinTV Aero), hier im praktischen USB-Format mit der kleinen integrierten Teleskopantenne: Die kann auch mal auf Reisen gehen, ins Laptop eingesteckt. Dann noch Tastatur (diNovo) und Maus (MX1100) von Logitech angeschlossen – fertig ist das Paket.

JEDER COMPUTER EIN UNIKAT

Nun sind wir schon fast am Ziel unseres „Casemodding“-Projektes. Dieses Wort ist eine Abkürzung aus den beiden englischen Vokabeln für Gehäuse (Case) und Modifizieren. Als Modding ging früher schon der Einbau eines durchsichtigen Seitenfensters durch. Damit ist heute auf der „Deutschen Casemod Meisterschaft“ nichts zu holen. Und auf der Spieleshow „Gamescom“ gab es Rechner in Form eines Käselaibs, einer Mülltonne oder eines menschlichen Brustkorbes zu bewundern. Die Modder setzen Holz, Metall, Kunststoff oder Glas ein. Sie lassen es leuchten und blinken. Angesagt ist zurzeit auch „Airbrushing“. Hierfür braucht es eine Spritzpistole und Farbe nach Wahl. Am Ende stehen je nach Talent Farbmuster oder ganze Gemälde. Wir beschränkten uns auf den Einsatz bestehender Bauteile, die ihren Reiz durch das offene Gehäuse entfalten.

Und unser Bauteil-Puzzle ist leicht zu stecken. Wo was hingehört, wie es anzuschließen ist, steht auch im Handbuch, das ist im Netz sogar in deutscher Sprache zu finden. Dann kommt der große Augenblick: Netzteil einschalten, Startknopf drücken – und freuen! Der Rechner schnurrt und rennt, wie man es sonst nicht kennt. Betriebssystem rauf und Software. Fertig ist das Unikat.

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