Datenschutz : Im Netz ist niemand ungestört

Mit vier Videos will die Kampagne "watch your web" Medienkompetenz bei jungen Nutzern von sozialen Netzwerken fördern. Dieses Wissen bräuchten aber nicht nur Jugendliche.

Kai Biermann

Wer bislang nach dem Begriff "watch your web" suchte, fand vor allem Instrumente, um die Nutzer von Internetseiten genauer auszuforschen. Eine Kampagne zweier deutscher Ministerien würde das gern ändern und den sogenannten Claim umdeuten. Denn, so Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner bei der Vorstellung der gleichnamigen Aktion: "Der Schulhof des 21. Jahrhunderts ist mittlerweile im Internet zu finden." Nun allerdings könne die ganze Welt zuhören, was dort über andere geredet werde. Daher sei es wichtig, Kindern und Jugendlichen bewusst zu machen, dass es riskant sein könne, zu viele private Informationen dort preiszugeben.

"Watch your web" – pass auf, was du im Internet tust. Internet meint vor allem die sozialen Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder auch Flickr. 84 Prozent aller deutschen Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren würden sich im sogenannten Web 2.0 bewegen, sagte Aigner. Mehr als 60 Prozent dieser Altersgruppe seien täglich online, ergänzte Gerd Hoofe, Staatssekretär im ebenfalls beteiligten Familienministerium.

Beide waren daher angetreten, vor Gefahren wie Cyberbullying und Cybergrooming zu warnen – vor Mobbing und Missbrauchsversuchen im Netz. Mehr Sensibilität will die Kampagne bei den Jugendlichen wecken und auch mehr Eigenverantwortung. Man solle besser nur die Dinge in Netzwerken veröffentlichen, sagte Aigner, "die man auch über sich selbst lesen will".

Vier Botschaften hat die Aktion: Das Internet vergisst nichts; was einmal dort steht, kann sich schnell verbreiten; Virtuelles ist real und im Internet ist man nicht immer ungestört. Vermittelt werden sollen die Botschaften über das Internet selbst, mit Hilfe von Videos, einer Website und Werbung in den sozialen Netzwerken.



Einfach allerdings dürfte es nicht werden, diese Gedanken zu verankern. Widersprechen sie doch dem Kommunikationsverhalten der "digital natives", wie sie immer mal wieder genannt werden – derjenigen also, die mit dem Netz aufwachsen. Wer heute dazugehören will, wer cool sein will, der muss seine Freunde und Bekannte auch im Netz treffen. Das aber heißt, in den VZ-Netzwerken oder auch bei Youtube aktiv zu sein, im IRC zu chatten, sich via Skype zu verabreden. Ist es doch der billigste Weg, Kontakt zu halten.

Wer mitreden will, muss auch etwas preisgeben. Das ist im Netz nicht anders als auf dem Schulhof. Kein Problem, solange es im Freundeskreis bleibt. Die Kontrolle darüber hat im Internet allerdings niemand, und so kann fast jeder Schüler inzwischen Geschichten von mitgelauschten Geheimnissen oder erschlichenen Zugängen erzählen. Verbote bringen wenig. Umso wichtiger ist es, dass Jugendliche den Umgang mit sozialen Netzwerken und der Öffentlichkeit im Netz lernen.

Sollte diese Medienkompetenz nicht auch in der Schule vermittelt werden? "Ich glaube, dass es an vielen Schulen in Lehrpläne eingebaut wird", sagt Ilse Aigner. Genau wisse sie das aber nicht. Außerdem seien die Schüler beim Thema Internet doch längst viel fitter als ihre Lehrer. Das dürfte wohl Teil des Problems sein. Es wird nicht genügen, nur den Jugendlichen Medienkompetenz zu vermitteln. Hoofe vom Familienministerium sagte daher mehrfach, dass die Kampagne nur ein Baustein sei und es viele solcher Angebote gebe.

Was ist mit der Verantwortung derjenigen, die zum Erfolg der Kulturtechnik soziales Netzwerk am stärksten beitragen? StudiVZ, bei der Aktion ein wichtiger Partner, hatte seinen für das operative Geschäft zuständigen Geschäftsführer entsandt: "Netzwerke haben nichts davon, dass die Nutzer ihr Privatleben vor aller Welt ausbreiten", verteidigte Malte Cherdron seinen Dienst. Sie hätten aber etwas davon, dass jeder "sicher" mit seinen Freunden und Verwandten kommunizieren könne.

Dabei gibt es genau diese Sicherheit im Netz nicht, nirgends – wie die Kampagne vermitteln will: "Freunde im Netz sind etwas anderes als Freunde im wirklichen Leben", heißt es in einer der vier Kernbotschaften. "Privates bleibt hier nicht immer privat – es bekommt schnell Beine." Gerade die Netzwerke nehmen diese Verantwortung nicht wahr und klären ihre Nutzer nicht genügend über solche Gefahren auf, finden Kritiker. Vorhanden seien entsprechende Einstellungsmöglichkeiten zwar, nur genutzt würden sie zu wenig, weil nicht eindringlich genug auf Gefahren hingewiesen werde.

Wie anders ist es zu erklären, dass laut der Studie "Jugend im Internet plus" nur die wenigsten Nutzer solcher Netzwerke ihre Konten privatisiert haben, damit eben nur Freunde den Inhalt finden können?

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