Demokratiekongress 2011 : Schneller, fundierter, kritikfähiger? Journalismus im Internet

Tagesspiegel.de-Chef Markus Hesselmann beschreibt für den Demokratiekongress der Konrad-Adenauer-Stiftung, wie das Internet die Journalisten zum Umdenken zwingt. Und was erwarten Sie von den Journalisten im digitalen Zeitalter?

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Erfolgreich, aber auch nicht jedermanns Sache: Journalismus auf Facebook.
Erfolgreich, aber auch nicht jedermanns Sache: Journalismus auf Facebook.Screenshot: Jan Garcia

Auf dem diesjährigen Demokratiekongress der Konrad-Adenauer-Stiftung am Mittwoch in Berlin wird es unter anderem um die Folgen der Digitalisierung für die Medien gehen. Der Tagesspiegel ist bei den Diskussionen als Impulsgeber dabei. Meinen Kongressbeitrag zum Thema Digitalisierung und Medien möchte ich hier vorab der Internet-Community des Tagesspiegels zur Debatte stellen. Ich sammele dann Ihre Kommentare, liebe Leserinnen, liebe Leser, und bringe sie auf dem Demokratiekongress in die Diskussion ein.

Beschleunigung, Interaktivität, Technisierung: Das sind drei der wichtigsten Herausforderungen, vor die das Internet uns Journalisten heute stellt. Wer sich darauf einlässt - mit kühlem Kopf und ohne blinde Euphorie -, für den ergeben sich große Chancen, die Qualität seiner Arbeit nicht zuletzt durch das kritische Feedback der Community zu verbessern, mehr Leserinnen und Leser zu erreichen sowie im Gegenzug aus der Internet-Community mehr Anregungen und Impulse für neue Themen und Recherchen zu bekommen.

Dass dies für Journalisten alles nicht so einfach ist, wie es für deren Leserinnen und Leser womöglich klingt, hat soeben - und wohl erfahrungsgesättigt - Stefan Plöchinger, Chef von Sueddeutsche.de, in einer klugen Reflexion angemerkt. "Die meisten Journalisten lieben Revolutionen, wenn sie darüber berichten dürfen", schreibt der gelernte Printjournalist und frühere Spiegel-Online-Redakteur Plöchinger. "Die meisten Journalisten hassen Revolutionen, wenn sie selbst deren Gegenstand sind."

Sich selbst zu hinterfragen, verlangen Journalisten zwar routinemäßig von denen, über die sie schreiben und die sie in ihren Kommentaren kritisieren. Wenn aber plötzlich sie selbst und ihre Arbeit durch die interaktiven Möglichkeiten des Netzes schleunigst und ständig hinterfragt werden - im Forum des eigenen Mediums, in Watchblogs, auf Facebook und in anderen Social Media sowie nicht zuletzt auf einmal verstärkt auch von denen, über die sie schreiben -, dann kommen viele Journalisten damit nicht so leicht klar.

Über die Verärgerung über zuweilen als anmaßend, unberechtigt und fundamental aufgefasste Kritik vernachlässigen nicht wenige die Chancen der Digitalisierung und schützen Klischees vor, nach denen das Internet an sich eine neue Oberflächlichkeit begünstigt sowie unzulässige Zuspitzung und Verkürzung - kurz: Boulevardisierung - befördert.

Die Klickstatistiken unserer Online-Seite können dies nicht bestätigen: Es sind großenteils die langen und fundierten Analysen, Reportagen und Kommentare, die am häufigsten aufgerufen werden. Leserinnen und Leser sind auch im Internet nicht so dumm, wie es sich mancher gern zurechtlegen würde.

Schnelligkeit und Qualität - ein Widerspruch?

Eins aber ist unabweisbar: Das Internet beschleunigt unsere Arbeit. Vor allem klassische Printjournalisten müssen wohl oder übel schneller werden. Niemand kann im Jahr 2011 noch tatenlos zusehen, wenn die Konkurrenz ein wichtiges Thema bereits fröhlich beackert, das auf der eigenen Online-Seite noch nicht auftaucht.

Gleichzeitig aber ist zu viel Hektik gefährlich: Der Ruf eines Qualitätsmediums, sein höchstes Gut, die Glaubwürdigkeit, steht mit jeder überhasteten Veröffentlichung auf dem Spiel. Noch mehr als je zuvor gilt im Internetzeitalter die klassische Formel: Get it first, but get it right first. Der gelungene Coup des Regisseurs Jan Henrik Stahlberg, der die Deutsche Presse-Agentur und mit ihr unzählige andere Medien, vor allem Online-Redaktionen, mit einer gefälschten Meldung über einen angeblichen Terror-Anschlag im kalifornischen Städtchen Bluewater kunstvoll narrte, brachte das Dilemma der Redakteure, sich zwischen Schnelligkeit und Genauigkeit sekundenschnell entscheiden zu müssen, unlängst drastisch ans Licht.

Dabei wird fundierte Eigenleistung im Internet honoriert. In den sozialen Netzwerken sind Hunderttausende Tag und Nacht auf der Suche nach spannenden, originellen und exklusiven Informationen und Denkanstößen. Wer hier dauerhaft bestehen und expandieren will, kann dies nicht mit dem x-ten Aufguss einer Agenturmeldung. Sogar die Vielen suspekte, große Google-Maschine ermuntert Journalisten zur eigenständigen Leistung. Ein exklusiver Text hat auch beim Suchmaschinen-Algorithmus bessere Chancen, vorn zu stehen, als eine umgeschriebene Agenturmeldung, die ohnehin so oder ähnlich auf unzähligen Online-Seiten steht.

Mehr Aufwand, weniger Erlöse

Eines der Haupthindernisse für viele Journalisten, sich auf die Digitalisierung begeistert und nachhaltig einzulassen, aber ist die Technisierung ihrer Arbeit. Der Journalist des 21. Jahrhunderts muss sich viel stärker mit – ebenfalls immer wieder beschleunigten – technischen Entwicklungen vertraut machen als seine Vorgänger in früheren Jahren.

Plötzlich sollen passionierte Schreiber sich auch mit Bild-, Video- und Audiodateien auskennen. Und dazu noch mit dem jeweils aktuellsten Content-Management-System sowie Facebook, Twitter, Google plus ... Schon in der Ausbildung wird so ein höherer Aufwand vorausgesetzt. Und auch danach hält der Druck zu ständiger Fortbildung an.

Und das alles bei schwindenden finanziellen Möglichkeiten. Denn das digitale Netz mit seinen größtenteils kostenlosen Informationen und immer noch vergleichsweise niedrigen Werbeerlösen gefährdet zunächst einmal die wirtschaftlichen Grundlagen der klassischen Journalismus-Genres Zeitung, Radio und Fernsehen, ohne dass ein neues digitales Geschäftsmodell bereits ausreichend funktionieren würde. Ressourcen-Knappheit darf sich aber nicht auf die Qualität der Recherche und Analyse auswirken, wenn die Medien ihrer Funktion als „vierter Gewalt“ auch weiterhin gerecht werden sollen.

Und was meinen Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser? Welche Chancen und Risiken bietet die Digitalisierung der Medien aus Ihrer Sicht? Was erwarten Sie von den Journalisten im digitalen Zeitalter? Werden die Medien ihrer Funktion in der Demokratie noch gerecht? Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, was könnte verbessert werden? Kommentieren und diskutieren Sie mit. Nutzen Sie dazu bitte die einfach zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten auf dieser Seite.

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