Digitale Umgangsformen : Die Wut, die das Netz am Leben hält

Durchs Internet wabern große Gefühle, wahrhaftige und gute - wahrscheinlich ist das Netz empathiefähig, wie kein anderes Medium. Und doch gibt es auch Hass, Ekel, Wut. Doch ein Ende der Shitstorms kann das Internet nicht erleben.

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Die Comic-Figur Hulk kanalisiert Wut - das Internet auch
Die Comic-Figur Hulk kanalisiert Wut - das Internet auchFoto: dpa

Gestern wieder maximal ergriffen vor dem Bildschirm gesessen. Tränchen verdrückt, rasch weggewischt, damit die Bürokollegin am Tisch gegenüber nichts merkt. Grund war der Blog einer Lehrerin, die Kinder in einer Psychiatrie unterrichtet. Auf ihrer Website schreibt sie unter dem Pseudonym „HilliKnixibix“ einfühlsam und verständnisvoll über den Alltag mit ihren Schülern. Viele von ihnen haben schwere Schicksale hinter sich, wurden misshandelt, missbraucht, haben versucht, sich das Leben zu nehmen, oder sind massiv verhaltensauffällig. Unter den Texten von „Hilliknixibix“ stehen oft Leserkommentare, die meisten zeugen von tiefer Betroffenheit: Hatte Gänsehaut. Musste weinen. Alles Gute dir und den Kindern. Wünsche euch viel Kraft.

Das Internet ist empathiefähig, und zwar vermutlich mehr als jedes andere Massenmedium. Wer das nicht glaubt, der soll sich einen Nachmittag lang auf Foren für Schwangere, Kranke, Einsame, Depressive oder Trauernde herumtreiben. Der soll die herzerweichenden Einträge über Schmerz und Leid auf hunderten privater Blogs lesen, der soll die Kommentare auf sich wirken lassen, in denen wildfremde Menschen einander Trost zusprechen. Es gibt eine blühende Kultur des Mitgefühls im Netz. Und eine blühende Kultur der emotionalen Selbstentblößung.

Nicht immer sind diese Texte so literarisch verdichtet wie bei Wolfgang Herrndorf, dessen Blog gerade posthum als Buch erschienen ist. Und nicht immer sind die Themen so anschluss- und konsensfähig wie auf der Webseite von „Hilliknixibix“. Manchmal schreiben Betroffene auch nur für kleine Peergroups. Für andere, die mit ähnlichen Problemen hadern. Das kann von gefühlter Hochbegabung bis zu furchtsamer Sozialphobie, von heimlichen Essstörungen bis offensichtlichen Erziehungsnöten alles sein. Die Chancen, eine verständnisvolle Leserschaft für egal welches persönliche Leidensthema zu finden, stehen jedenfalls nicht schlecht.

Das Internet als Ort der Selbstbekenntnisse will Wahrhaftigkeit

Vielleicht ist das der Grund für den Boom der schonungslosen Selbstbekenntnisse. Das Publikum erwartet keine prosaischen Glanzleistungen, was zählt, sind die Tiefe und Wahrhaftigkeit des vorgetragenen Gefühls. Der bekannte US-amerikanische Autor und Netztheoretiker Jeff Jarvis hat aus dieser Erfahrung eine ganze Weltanschauung zusammengeschweißt: Wer offen sein Leid teilt, der erfährt meistens Gutes. Jarvis selbst hat vor vier Jahren seine Prostatakrebserkrankung im Internet öffentlich gemacht. Und er bekam, was er sich erhoffte, nämlich „nützlichen Rat und warmherzige Unterstützung“. Grund genug für Jarvis, die Privatsphäre-Hysterie der Europäer, allen voran der Deutschen, seither kritisch zu hinterfragen. Warum sollte man sich verstecken wollen, wenn doch die digitale Welt so voller Anteilnahme und Wärme ist?

Die Antwort des kulturpessimistischen Skeptikers liegt auf der Hand: Weil da draußen nachweislich noch ganz andere Netzgefühle lauern. Und die haben mit Warmherzigkeit und Einfühlungsvermögen wenig zu tun. Das Internet ist, auch das ist unbestritten, voller Wut, Hass, Ekel, Abscheu. Voller menschenverachtender Bemerkungen, voller gegenseitiger Beschimpfungen. Es gibt Webseiten, deren Kommentarspalten bekannt sind für ihren aggressiven Ton. Youtube ist nur eine davon, auch auf Facebook und Twitter sind die Nutzer manchmal nicht zimperlich. Wer Dampf ablassen will, kann das an vielen Ort im Netz tun. Bei manchen deutschen Nachrichtenportalen gehört es sogar ausdrücklich zur Kundenbindungsstrategie, dass das Publikum sich verbal abreagieren darf.

Auch Wut, Hass und Abscheu gehören ins Netz - denn Dampf ablassen ist Währung sozialer Kanäle

Doch woher rührt überhaupt die allgemeine Genervtheit? Da ist zum einen natürlich die Blödheit der Welt, von der sich jeder Netznutzer generell provoziert fühlt. All diese Leute mit ihren halbgaren Meinungen. Können die nicht einfach alle mal die Fresse halten! Wen konkret es dann trifft, wer zur Zielscheibe der Masse wird, das ist so zufällig wie unvorhersehbar. Es kann der dickliche Teenager sein, der nur mal ein lustiges Video von sich posten wollte. Es kann die erfahrene PR-Expertin sein, die sich auf Twitter eine Spur zu verächtlich über Aids und Afrika äußert. Oder der Politiker, dem irgendwo ein Nebensatz entgleist.

Gelegentlich lassen sich bei der Entstehung von Shitstorms Muster erkennen: Hochmut wirkt provozierend – und Hässlichkeit. Witzigseinwollen ist ebenfalls ein Risikofaktor, weil Pointen schnell zu Ungunsten des Spaßvogels verrutschen können. Der Grat zwischen köstlichem Sarkasmus und hochnäsig wirkender Häme ist schmal. Genauso wie der zwischen authentischer Innenperspektive und wehleidigem Selbstmitleid. Und am Ende ist es immer das Publikum, das entscheidet, ob der Ton richtig getroffen wurde. Wenn nicht, dann kann die Strafe äußerst grausam sein.

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