Digitales Leben : Viele Väter lesen lieber aus E-Books vor

„Pippi Langstrumpf“, „Lukas, der Lokomotivführer“, „Räuber Hotzenplotz“: Kann man analog lesen. Doch Lese-Apps machen Bücher für Kinder noch attraktiver - und nicht nur für diese.

Sigrid Fahrer
E-Books können sich durchaus positiv auf das Leseverhalten auswirken - vor allem bei Männern, hat eine Studie der Stiftung Lesen ergeben.
E-Books können sich durchaus positiv auf das Leseverhalten auswirken - vor allem bei Männern, hat eine Studie der Stiftung Lesen...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Was glauben Sie: Wie viele Minuten lesen Sie täglich? Amerikanische Forscher haben für eine Studie Erwachsene über einen gewissen Zeitraum ein Lesetagebuch führen lassen, um diese Frage zu beantworten. Heraus kamen beachtliche 272 Minuten, die täglich mit Lesen verbracht werden. In Stunden: rund viereinhalb.

Gelesen wurden Zeitungen, Zeitschriften, E-Mails, Broschüren, Kataloge, Werbung und noch viel mehr. Das mag auf den ersten Blick gar nicht nach Lesen im landläufigen Sinne aussehen. Denn normalerweise assoziieren wir Lesen mit Büchern, schöner Literatur, Hobby, Entspannung und Freizeit. Weniger mit alltäglichen Informationen, Rechnungen oder Formularen. Doch auch das ist Lesen – allerdings im Sinne eines erweiterten Lesebegriffs. Dieser Lesebegriff umfasst alle Medien und nimmt unterschiedliche Spielarten des Lesens – wie eben das funktionale Lesen – in den Blick mit auf.

Funktionales Lesen geschieht inzwischen weitgehend digital

Gerade funktionales, alltagsintegriertes Lesen geschieht zu einem großen Teil in und mit digitalen Medien. Denn viele der Aktivitäten, für die vor allem Kinder und Jugendliche die digitalen Medien nutzen, erfordern Schreib- und Lesekompetenz: Recherche bei Google, Chatten bei Facebook. Sich dieses alltagsintegrierten Lesens bewusst zu werden, darin liegt eine große Chance – vor allem für die Wenigleser unter den Kindern und Jugendlichen. Sie können sich dadurch selbst als lesende Persönlichkeit wahrnehmen und sich ihrer eigenen Lesekompetenz vergewissern. Das motiviert und stärkt das Selbstbewusstsein – und macht noch mehr Lust auf Lesen.

Es gibt aber noch weitere Aspekte, wie die digitalen Medien das Lesen nicht nur fordern, sondern auch fördern können. Eltern lassen sich zum Beispiel mit interaktiven Geschichten-Apps zum Vorlesen motivieren. Diese Apps funktionieren auf mobilen Geräten wie Tablets oder Smartphones und bieten Geschichten, die mit multimedialen Elementen angereichert sind: etwa einer Vorlesestimme, einer Aufnahmefunktion, mit Spielen und mit komplexeren Animationen, die durch die Wischfunktion des Tablets gesteuert werden können.

Die Vorlesestudie 2012, die gemeinsam von der Stiftung Lesen, der „Zeit“ und der Deutschen Bahn erstellt wurde, zeigt, dass die beschriebenen Geschichten-Apps speziell Vätern den Zugang zum Vorlesen erleichtern. 40 Prozent der Väter, die ihren Kindern etwas vorlesen, tun das lieber mittels elektronischer Medien als mit einem Printbuch. Bei den Müttern sind es allerdings erst 20 Prozent. 18 Prozent der Väter, die selten oder nie vorlesen, könnten sich vorstellen, dies in Zukunft mit digitalen Geschichten öfter zu tun.

Die Vorlesestudie 2012 zeigt außerdem, dass Eltern diese Kinderbuch-Apps äußert differenziert und situationsabhängig nutzen – eher als Ergänzung denn als Konkurrenz zum klassischen Buch. Gerne werden Kinderbuch-Apps auf Reisen oder beim Warten eingesetzt: Situationen, in denen früher vielleicht keine Lesemedien genutzt wurden, um sich die Zeit zu vertreiben. Das Vorlesen beim Zubettgehen wird aber immer noch vom Printbuch bestimmt. Mit dem lässt sich besser kuscheln als mit einem Tablet-Computer.

Auch die Kinder mögen diese digitalen Leseangeboten und können davon profitieren. Die Neugier auf das elektronische Ausgabegerät bietet auch für die Wenigleser einen Lese-Anreiz. Sie lässt Lesemuffel zu längeren Texten greifen, da auf den ersten Blick nicht mehr ersichtlich ist, dass es sich beim gewählten Buch um einen regelrechten „Wälzer“ handelt.

Den weniger geübten Lesern kommen insbesondere die Zusatzelemente zugute, die die interaktiven Geschichten-Apps auszeichnen. Sie veranschaulichen und illustrieren den Text stärker als reine Bilder und regen dadurch auch die Vorstellungskraft von Kindern an, die Schwierigkeiten haben, Wörter in Gedankenbilder umzusetzen – und damit das „Kopf-Kino“ beim Lesen zu aktivieren. Die Geräusche, die kleinen Filmsequenzen, die direkte Ansprache des Lesers und die Aufforderung, mit den Figuren in der Geschichte zu interagieren, erleichtern das Eintauchen in die Geschichte zusätzlich. Diese Faktoren fördern ein emotionales Miterleben, das überaus wichtig für die dauerhafte Lesemotivation ist.

Die Wirtschaft hat das Potenzial erkannt

Die Wirtschaft hat das Potenzial längst erkannt: Mittlerweile gibt es viele digitale Leseangebote für Kinder. Das Angebot reicht von interaktiven Geschichten und Lern-Apps bis hin zu buchbegleitenden Spielewelten. Besonders dieser Mix aus Lese- und Spielelementen hat großes Potenzial für die Leseförderung. Er wertet das Image des Lesens auf, das bei Kindern und Jugendlichen häufig nicht mehr sonderlich gut ist. Sie verbinden Lesen oft mit Schule, eher langweiliger Klassenlektüre und Notendruck.

Dennoch erfordert der Umgang mit digitalen Lesemedien ein gewisses Maß an Medienkompetenz. Kinder und Jugendliche müssen sich diese erst aneignen. Jüngere Kinder sollten die digitalen Lesewelten deshalb nur in Begleitung von Erwachsenen erkunden. Außerdem gilt es zu erfahren, dass die Nutzung – unabhängig davon, ob es sich um digitale oder gedruckte Medien handelt – zeitliche und räumliche Grenzen hat, die akzeptiert werden müssen. Neben dem Einschaltknopf liegt der Ausschaltknopf. Auch technisches Wissen ist nötig – ebenso wie das Erkennen multimedialer Lesestrategien. Gerade dieses Wissen macht es möglich, die multimedialen Elemente in einen Bezug zum Text zu setzen und die Kernaussagen aus den unterschiedlichen Darbietungsformen herauszufiltern. Geübt werden kann das beim gemeinsamen Vorlesen und Entdecken von interaktiven Geschichten und Kinderbuch-Apps zu Hause mit den Eltern. Auch Kitas und Schulen steigen vermehrt auf digitale Lesekonzepte um.

Denn besonders im Rahmen von schulischen Projekten lassen sich die digitalen Lesemedien produktiv nutzen, etwa wenn mit entsprechenden Apps Comics gestaltet und Blogs verfasst werden oder die Schüler sogar Programmieren lernen. Neben dem Spaß am Entdecken der eigenen Kreativität kann dadurch auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Medienvorlieben und dem persönlichen Medienkonsum angeregt werden. Letzteres kann auch ein Anstoß für den Austausch zwischen den Generationen sein. Denn auch wenn Opa und Enkel unterschiedliche mediale Vorlieben haben und sich Ältere gerne noch als „Generation Buch“ verstehen, sind doch beide Altersklassen medial geprägt und sozialisiert. Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Sozialisierung bieten dennoch Chancen für Begegnungen zwischen Jung und Alt. Die digitalen Lesemedien sind für diesen Brückenschlag besonders prädestiniert, denn sie verbinden Elemente aus beiden Welten – und schaffen so neue Zugänge für beide Seiten.

Und: Das klassische Bücherlesen leidet keineswegs unter der Nutzung digitaler Lesemedien, wie oft behauptet wird. Trotz des steigenden Medienangebots ist der Anteil der Jugendlichen, die täglich oder sogar mehrmals pro Woche zu Büchern greifen, seit 1998 stabil bei 40 Prozent geblieben. Die oft beschworene Kluft verläuft nicht etwa zwischen Digital- und Printmedien, sondern zwischen denjenigen, die das gesamte Medienensemble kompetent nutzen können, und denjenigen, denen das aufgrund von Armut oder schlechterem sozialen Status verwehrt bleibt. Die digitale Kluft gibt es also so gar nicht. Es handelt sich vielmehr um eine generelle Wissenskluft.

Mittlerweile gibt es daher Beratungs- und Projektangebote für alle Zielgruppen, die unter anderem von der Stiftung Lesen angeboten werden. Dadurch soll die analoge und digitale Chancengleicheit in Bezug auf Lesemedien erhöht werden. Interessierte können sich beispielsweise am 25. November auch auf der Fachtagung „Digitale Medien: Chancen für das Lesen“ informieren, die im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2014 in Berlin stattfindet.

Glossar: Digitales Lesen

Fast jeder vierte Deutsche liest mittlerweile digital. Will heißen: Er benutzt einen E-Book-Reader oder einen Tablet-PC um sich den neuesten King, Grisham oder Nele Neuhaus zu Gemüte zu führen. Belletristik ist laut Verkaufsstatistik auch im E-Book-Segment am beliebtesten und macht 82 Prozent des Umsatzes aus. Viele Leser finden digitale Romanausgaben auch deshalb besonders attraktiv, weil ein E-Book meist deutlich billiger ist als sein gebundener Print-Kollege aus der Buchhandlung. Zudem versprechen sich Bücherfreunde von einem E-Book logistische Vorteile: Ein schmales Kindle oder Tolino nimmt wesentlich weniger Raum ein als analoge Ausgaben. Denn wahlweise lassen sich auf einem E-Book-Reader zwischen 1000 und 3000 Bücher speichern, die keinen Zentimeter Platz im Regal brauchen. tke

3 Kommentare

Neuester Kommentar