Digitales Schmökern : Schöne, neue Bücherwelt

E-Books liegen im Trend, da die Lesegeräte weitgehend ausgereift sind. Doch die Abschottungspolitik einiger Anbieter ist wenig verbraucherfreundlich.

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Die elektronische Tinte der E-Book-Lesegeräte erlaubt ein gestochen scharfes Schriftbild. Zudem hält der Akku bei dieser Technik mehrere Wochen durch. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Die elektronische Tinte der E-Book-Lesegeräte erlaubt ein gestochen scharfes Schriftbild. Zudem hält der Akku bei dieser Technik...

Walter Isaacsons Biografie von Steve Jobs, das Buch „Zug um Zug“ von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück, der vierte Teil der Fantasy-Reihe „Eragon“ und „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge: Die meisten Titel der aktuellen Bestseller-Liste des „Spiegel“ gibt es auch als digitales E-Book. Vier von fünf der am besten verkauften Bücher hat der E-Book-Händler Amazon in seinen virtuellen Regalen, Konkurrent Libri.de kommt in der Belletristik auf 95 Prozent, in der Sachbuch-Top 50 sind 70 Prozent verfügbar. Amazon und Libri verkaufen inzwischen mehr E-Books als Taschenbücher, denn der Umgang mit den E-Book-Lesegeräten ist inzwischen beinahe ebenso einfach wie das Umschlagen einer gedruckten Buchseite – dass die neue Technik dennoch einige Nachteile hat, kann da schnell übersehen werden. Denn woher soll der Verbraucher auch wissen, dass ein Digitalbuch aus dem iBook-Store von Apple nicht auf dem Kindle-Reader geöffnet werden kann und dass Amazon-E-Books nicht mit dem offenen Standard des deutschen Buchhandelssystem kompatibel sind.

DIE GERÄTE

Das Besondere an den E-Book-Readern sind die Displays. Sie arbeiten mit einer sogenannten elektronischen Tinte. Die für die Darstellung der Schrift benötigten Pixel bleiben so lange schwarz, bis eine neue Seite aufgerufen wird. Dadurch wirkt die Schrift wie gedruckt, zudem verbraucht das E-Ink-Display nur beim Seitenwechsel Strom. Da der Bildschirm ohne Hintergrundbeleuchtung auskommt, hält die Akku-Ladung so selbst bei täglichem mehrstündigen Lesen über einen Monat. Die Speicher der Lesegeräte bieten zudem Platz für viele hundert Digitalbücher.

Wir haben uns zum einen das Kindle-Lesegerät von Amazon genauer angesehen. Es handelt sich dabei um die vierte Generation dieses E-Book-Readers. Das Sechs-Zoll-Gerät (99 Euro) kommt ohne Tastatur aus, die Steuerung erfolgt über eine zentrale Schaltwippe sowie mehrere Tasten unter anderem für den Home-Bildschirm. Die Texteingabe gestaltet sich etwas kompliziert. An der linken und rechten Seite des Kindle befinden sich zwei Tasten, um in einem Buch vorwärts und rückwärts zu blättern. Dank einer speziellen Beschichtung auf der Rückseite lässt sich das Gerät angenehm halten. Das bevorzugte Format der E-Books für den Kindle-Reader ist das hauseigene System AZW, aber auch PDF-Seiten gibt dieses Lesegerät wieder. Das offene Epub-Format wird hingegen nicht unterstützt.

Das zweite Gerät, das wir getestet haben, ist der Sony-Reader PRS-T1WC. Er wird von Libri für 149 Euro angeboten. Das Lesegerät ist etwas länger als der Kindle und verfügt ebenfalls über mehrere Tasten auf der Frontseite. Zum Blättern, zur Texteingabe oder zum Scrollen durch den Shop oder eine Internetseite wird allerdings das berührungsempfindliche Touch-Display genutzt, was den Umgang mit dem Sony-Reader erheblich vereinfacht. Beide Reader können indes auf mitgelieferte Wörterbücher zurückgreifen, mit dem Sony-Reader können markierte Passagen aber auch schnell bei Google oder Wikipedia nachgeschlagen werden. Da das Sony-Lesegerät das offene Epub-Format unterstützt, kann sein Besitzer Bücher aus diversen E-Book-Shops beziehen. Amazons AZW-Format und das besonders kopiergeschützte Epub-Format von Apple lassen sich nicht öffnen.

DIE SHOPS

Den bequemsten E-Book-Einkauf bietet nach wie vor Amazon. Das Lesegerät wird so vorkonfiguriert, dass der neue Besitzer direkt loslegen kann. Bücher lassen sich bei bestehender Wireless-Lan-Internetverbindung entweder direkt über das Gerät kaufen oder am PC über das Amazon-Shopsystem. Wird der 1-Click-Einkauf versehentlich betätigt, kann die Bestellung storniert werden. Die Übertragung der E-Books – Amazon bietet erstaunlich viele rechtefreie Bücher kostenlos an – erfolgt für den Nutzer automatisch im Hintergrund über die sogenannte Whispersync-Technik. Ist der Reader mit dem Internet verbunden, befindet sich das E-Book wenige Sekunden später im Speicher des Kindle – ohne einen einzigen zusätzlichen Klick des Nutzers. Insgesamt stehen im Kindle-Shop über 950 000 E-Books, darunter 50 000 deutschsprachige Titel. Der Libri-Shop kommt auf rund 400 000 E-Books, davon gut 140 000 deutschsprachige Digitalbücher. Drei Viertel davon stehen als PDF zur Verfügung, die restlichen als Epubs.

Der Einkauf ist bei den Geräten mit dem Epub-System etwas komplizierter als bei Amazon oder Apple, da die Reader nicht nur mit einem, sondern vielen Shop-Systemen funktionieren müssen. Bei Thalia.de wird zum Beispiel zur Zeit der Oyo-Reader für 119 Euro angeboten. Buecher.de hat derzeit einen Trekstor-Reader für rund 60 Euro im Angebot, allerdings bietet sein LCD-Display nicht die Vorteile der E-Ink-Bildschirme. Um die urheberrechtlich geschützten E-Books auf einem Epub-Lesegerät öffnen zu können, wird zum Beispiel der Sony-Reader beim Einkauf des ersten E-Books fest mit dem Besitzer verknüpft. Dies geschieht über das Rechtemanagement von Adobe. Die für das Herunterladen und Verknüpfen nötige Software befindet sich bereits im Speicher des Lesegeräts und kann von dort auf dem PC installierte werden. Weitere digitale Bücher können dann dann sowohl mit dem Computer als auch direkt mit dem Reader gekauft und geladen werden.

DAS ÖKOSYSTEM

Die wachsende Beliebtheit von E-Books hat unter anderem damit zu tun, dass ihre Nutzung immer flexibler wird. Ein digitales Buch kann sowohl auf einem E-Reader als auch mit der entsprechenden Software auf dem Computer gelesen werden und inzwischen auch auf einem Tablet-PC oder einem Smartphone. Sowohl für das Amazon-Format als auch für Epubs gibt es entsprechende Apps für Apples iOS-System und Android-Geräte. Die Bücher aus dem iBook-Store stehen allerdings nur auf Apple-Geräten zur Verfügung. Die parallele Nutzung der Bücher auf PC, Reader und App ist äußerst komfortabel, wobei derzeit das Ökosystem von Amazon am besten funktioniert: Eine Internetverbindung vorausgesetzt, kann beim Wechsel von PC zu Reader zu Smartphone immer an der passenden Stelle weitergelesen werden, weil das zentrale System die zuletzt gelesene Stelle gespeichert hat. An ähnlichen Techniken arbeitet auch die Konkurrenz.

FAZIT:

Die Geräte, die Shops und die umfassenden Ökosysteme sind bereits sehr weit entwickelt. Wer heute einen Reader kauft oder verschenkt, schmeißt sein Geld sicherlich nicht zum Fenster hinaus. Weil neue Funktionen per Software-Update nachgeliefert werden können, muss zudem nicht auf einen bestimmten Moment gewartet werden. Preis und Leistung der Geräte stehen in einem gesunden Verhältnis, zumal aktuelle E-Books um bis zu 20 Prozent unter den Preisen gedruckter Werke verkauft werden. Bei manchen Preisen kommt sogar bereits so etwas wie Grabbeltisch-Stimmung auf.

Technisch liegen die Systeme von Amazon und den Epub-Konkurrenten inzwischen nahezu gleichauf. Einiges mag bei Amazon eleganter gelöst sein. Auf dem Kindle lassen sich die Seiten besonders individuell darstellen, selbst der Zeilenabstand kann verändert werden. Dafür begibt man sich mit dem AZW-Format von Amazon, aber auch mit Apples Kopierschutz in eine bedenkliche Abhängigkeit zu einem Anbieter. Welche Nachteile das hat, lässt sich am alten Mobipocket-Format erkennen. Es lebt zwar im neuen Amazon-Format weiter, wer aber seine Mobipocket-Bücher bei Libri gekauft hatte, kann sie auf dem neuen Sony-Reader nicht mehr lesen.

Überhaupt gibt es am E-Book-System einiges zu verbessern: Noch ist es nicht möglich, gebrauchte E-Books weiterzuverkaufen. Zudem bieten Verlage und Shops noch keinen Weg an, wie man E-Books temporär verleihen kann, obwohl die öffentlichen Bibliotheken mit Online.net zeigen, dass dies technisch längst funktioniert. Hier sollte dringend nachgearbeitet werden, um den ehrlichen E-Book-Käufer nicht zu bestrafen. Je komfortabler und preislich fairer ein System ist, desto geringer ist die Gefahr, dass die Buchwirtschaft in die Napster-Falle der Musikindustrie gerät. Dort hat man inzwischen erkannt, dass Vertrauen in die eigenen Kunden gepaart mit digitalen Wasserzeichen eine für beide Seiten gelungene Verbindung ist. Beim Buch sind Verlage und Verbände offensichtlich noch nicht so weit.

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