Facebooks "Timeline" : All unsere schönen Daten!

In Samuel Becketts Stück "Das letzte Band" wühlt der 69-jährige Schriftsteller Krapp in den Schubladen seiner Vergangenheit. Heranwachsende Generationen haben dafür Facebook. Moritz Rinke über unvorstellbare Datenmengen und deren historische Relevanz.

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Facebook stellt sich vor, dass die Nutzer ihr ganzes Leben in ihrer Timeline bis ins letzte Detail dokumentieren.
Facebook stellt sich vor, dass die Nutzer ihr ganzes Leben in ihrer Timeline bis ins letzte Detail dokumentieren.Foto: dpa

Er öffnet Schachteln mit Tonbändern, die vor vielen Jahren von ihm besprochen wurden, und er hält sein Ohr an das Abspielgerät, um sich zu erinnern. „Mein Gott ... ah! Das kleine Luder“, dann hält er sich ein anderes Tonband ans Ohr: „Ah! Die kleine Range (...) Ein unvergleichlicher Busen (...) Leichte Besserung der Darmtätigkeit (...) Schauerlich diese Ausgrabungen. Eintausendsiebenhundert Stunden von den achttausendundsoundsoviel verflossenen ausschließlich bei Facebook verplempert ...“

„Facebook“ steht bei Beckett nicht, das habe ich eingefügt. Bei Beckett heißt es „Kneipe“ statt „Facebook“, aber ich kann mir schon vorstellen, wie jetzt der Facebook-Nutzer Maximilian Schrems, ähnlich wie der alte Krapp, über seinen Daten sitzt.

Der 24-jährige Schrems ist der erste Nutzer, der über die irische Datenschutzbehörde eine CD anforderte mit allen Daten, die Facebook über ihn gesammelt hat. Es sind ausgedruckt 1200 Seiten, und bestimmt sind Schrems’ Seiten schon umfangreicher als Krapps letztes Band.

Wie das wohl sein wird, wenn die heute 20-Jährigen irgendwann auf ihr Leben zurückschauen? Werden sie dann bei der irischen Datenschutzbehörde anfragen und eine CD mit 12 000 000 000 000 Druckseiten bekommen?

„30. Oktober 2011, vor 5 Minuten: Ich esse Pommes!“ 27 Personen gefällt das. „2. November 2012, vor 3 Minuten: Ich bin gerade in Lüdenscheid!“ 48 Personen gefällt das. „25. Juli 2013, vor 2 Minuten: Ich hab jetzt i-phone 55. Damit kann man sich sogar die Haare föhnen.“ 98 Personen gefällt das. „26. Juli, vor einer Minute: Endlich Wochenende!“ Gefällt mir! Gefällt mir! Gefällt mir! Gefällt mir! ... Etc. ...

Nicht auszudenken, vor welchen Dimensionen von historisch relevanten Dateimengen wir stehen werden! Und nichts wird mehr mit der kommenden „Timelime“ zu löschen sein, wenn bald ALLES FÜR ALLE per Livestream übertragen wird: jede Bewegung, jeder Dialog im Netz, jeder angeklickte Link, jede virtuelle Regung, jedes „Gefällt mir.

Berühmt geworden sind „Samuel Pepys geheime Tagebücher“, weil der Staatssekretär Pepy nicht nur über die Restaurationsepoche unter König Karl II. von England berichtete, sondern auch über seinen Stuhlgang, seine Puderungen und seine sonstigen Neigungen. Nur was machen wir schon bald mit Datenmengen von 800 Millionen Pepy-Nachfolgern? Pepy brachte zehn Bände heraus auf 3000 Seiten, da schaffen die künftigen Facebook-Pepys doch bestimmt jeder tausend Bände?

Irre wird auch sein, wie wir später die Biografien der Politiker oder Dichter verfassen. Bei Martin Walser oder Christa Wolf schreiben die Forscher wahrscheinlich schon jetzt ehemalige Geliebte an, ob sie nicht noch alte Briefe des Dichters oder der Dichterin hätten; bei Benedikt Wells zum Beispiel oder Helene Hegemann wird man sich an die irische Datenschutzbehörde wenden müssen.

Und werden die Dichterinnen und Dichter dann überhaupt noch selbst wissen, ob die intensivsten Begegnungen ihres Lebens in der analogen oder in der digitalen Welt stattfanden?

Bei Krapp lautet die schönste Stelle der Bänder: „Wir trieben mitten ins Schilf und blieben stecken. Wie sich die Rohre seufzend bogen unterm Bug! Ich sank auf sie nieder... Nie erlebte ich eine solche Stille...“ Vielleicht sind das die Krapps von morgen: Millionen, die über ihren Daten aus Irland sitzen werden und darüber rätseln, was sie „draußen oder drinnen“ erlebt haben, und ob sich die Rohre doch eher digital seufzend bogen.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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