Fifa 06 : Langeweile in der Torfabrik

Sei dein eigener Ronaldinho, Podolski oder Rooney: Die Fußball-Simulation "Fifa 06" von EA Sports wirbt mit den drei Superstars auf ihrem Cover. Kann der Inhalt mit der schnittigen Verpackung mithalten?

Achim Fehrenbach

Computerspieler warten stets sehnsüchtig auf die Fortsetzung "ihres" Spiels. Die Monate bis zur Release können gar nicht schnell genug vergehen, und bis es so weit ist, verschlingen die Fans alle Trailer, Screenshots, Previews und Demos, die ihnen vor die Nase kommen. Ähnlich ging es unserer Fußball-Fangemeinde mit der Fußball-Simulation "Fifa 06". Der Gedanke daran, welche Verbesserungen es gegenüber "Uefa Champions League 04/05" (Uefa CL) geben würde, trieb uns wohlige Schauer über den Rücken. "Geilere Grafik", "bessere Tricks", "weniger Vorhersehbarkeit" und "sinnvolle Kommentare" standen auf der Wunschliste ganz oben. Bis es so weit war, zockten wir in wachsendem Trennungsschmerz das alte Spiel.

Erste Zweifel

Die ersten echten Zweifel tauchten bei mir mit der Demo-Version auf. So viel besser sah Fifa 06 nun auch nicht aus. Die Torhüter segelten zwar prächtig durch die Luft, aber sonst wirkte das Ganze immer noch ein bisschen wie Rasenschach: Querpass, tiefer Pass, langes Eck. Tore fielen immer noch. Das sedierte.

Wie es das Schicksal wollte, brachte Konkurrent Konami sein "Pro Evolution Soccer 5" (PES5) ein paar Tage früher auf den deutschen Markt. Bis zu diesem Zeitpunkt war PES5 von unserer Fußball-Gemeinde fleißig ignoriert worden. Nur einer hatte immer wieder die Vorzüge des Spiels gepriesen und war dafür belächelt worden. Jetzt platzierte er PES5 geschickt in die Aufmerksamkeitslücke zwischen den beiden EA-Spielen. Und siehe da, alles wurde anders.

In den ersten PES5-Partien schoss ich keinerlei Tore. Dann eines, vielleicht auch mal zwei. Dann kam Fifa 06 raus, ich spielte es, und die Tore fielen wieder wie reife Früchte, aber ich fühlte keine Befriedigung. Tore sind nicht alles, wurde mir schlagartig klar. "Ran" und die Beckmann-Sportschau haben unsere Gehirne gewaschen und vom Wesen des Fußballs entfremdet. Ich will konkreter werden: Ein 0:1 bei PES5 kann mehr Spaß machen als ein 5:0 bei Fifa 06. Denn schon zwei Spiele später kann ich mich an keines der fünf Fifa-Tore mehr erinnern, das PES5-Gegentor sehe ich aber noch genau vor mir. Ein Alptraum, wie der abgefälschte Ball über die Linie trudelte. Aber wunderschön.

Ackern im Mittelfeld

Es ist durchaus anerkennenswert, dass EA Sports zumindest versucht hat, in Fifa 06 die langweilige Vorhersehbarkeit aus dem Vorgängerspiel einzudämmen. In Uefa CL waren sogar die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter vorhersehbar, ungefähr jedes dritte Mal entschieden sie falsch. Das hat sich gebessert. Bei Fifa 06 kommen die Pässe jetzt auch nicht mehr wie mit der Schnur gezogen an. Das Mittelfeld lässt sich nicht mehr blind in zwei Stationen überbrücken, dort muss nun ordentlich geackert werden. Auch die Ball-Adressaten lassen sich nicht mehr per "off the ball control" steuern, stattdessen gibt es (wie in der Vor-Vorgänger-Version) wieder eine Radar-Karte als Orientierungshilfe.

In Uefa CL konnte man im Mittelfeld ungehindert taktisch foulen, um den Spielfluss des Gegners zu unterbrechen. Nur in Strafraumnähe musste man vorsichtig sein, weil die Freistöße mit hoher Wahrscheinlichkeit Erfolg brachten. Das ist bei Fifa 06 ebenfalls anders geworden: Die Schiedsrichter sind nun kleinlicher, Grätschen von hinten geben schnell einmal Rot. Dafür sind jetzt Fouls am Strafraum ein probates Mittel, weil die Freistöße so schwer geworden sind.

Schüsse mit Torgarantie

All diese Änderungen sind prinzipiell begrüßenswert, weil sie das Spiel wieder "organischer" machen. Wäre da nicht die Sache mit den Toren. Hier hat EA Sports keinerlei Versuch unternommen, die Vorhersehbarkeit zu reduzieren. Schüsse von der äußeren Strafraumgrenze gehen fast immer an den Pfosten, Kopfbälle aus der Mitte landen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Tor. Bei Nachschüssen verhält sich der Keeper immer noch genauso trottelig wie in Uefa CL. Fast schon eine Torgarantie abgeben kann man für Schüsse aus stumpfem Winkel von der Strafraumgrenze. Schema F funktioniert prima, man kommt sich vor wie in einer Torfabrik. "Traumtore", wie sie das neue schreckliche Kommentatoren-Duo Thomas Herrmann und Patrick Wasserzieher permanent beschwört, sind keine darunter. Nach dem bereits erwähnten 5:0-Sieg musste ich mir übrigens anhören, mein Torwart sei der "Matchwinner" gewesen. Na denn ...

Fazit: Punkten kann das EA-Spiel mit der übersichtlichen Menüführung und einem erstklassigen Soundtrack von Röyksopp bis Oasis. Die Gesänge der Fans sorgen für eine gewohnt dichte Atmosphäre. Im Meisterschaftsmodus von Fifa 06 ist ein kleiner Fußball-Manager integriert, der für etwas Abwechslung sorgt. Größtes Plus gegenüber PES5 sind die rund 10.000 Lizenzen auf Fußballer- und Vereinsnamen: "Kahn" heißt nun einmal "Kahn" und nicht "Kalm". All das kann aber nicht aufwiegen, was Fifa 06 gegenüber dem Konkurrenzprodukt fehlt: Abwechslungsreichtum und Realitätsnähe.

Titel: Fifa 06
Genre: Sport
Wertung: Befriedigend
Hersteller: EA Sports
Publisher: EA Sports
System: PS2, PSP, Xbox, Gamecube, PC

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