Frischzellenkur für alte Hardware : Sag Android zum Notebook

Enthusiasten haben das Smartphone- und Tabletsystem von Google so angepasst, dass es älterer Hardware neues Leben einhaucht. Ein Test von Android-X86 für Notebooks und Netbooks.

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Vor sieben Jahren galt der EeePC von Asus wegen seines geringen Preises als Alternative zum teuren Notebook, doch dann kamen die Tablets. Deren Betriebssystem Android bringt nun in die Jahre gekommene EeePCs wieder auf Trab.
Vor sieben Jahren galt der EeePC von Asus wegen seines geringen Preises als Alternative zum teuren Notebook, doch dann kamen die...Foto: dpa

Ein i7-Prozessor der fünften Generation von Intel, schnelle HD-Grafik und große SSD-Festplatten, das alles bieten aktuelle Notebooks aus der 900-Euro-Klasse. Wer seinen Mobilcomputer vor vier, fünf Jahren gekauft hat, kann davon nur träumen. Vielleicht ruckelt auf dem Gerät noch ein altes Windows Vista, Spaß machen solche Geräte jedenfalls nicht mehr. Es sei denn, man verpasst ihnen eine Frischzellenkur. Im besten Fall ist diese nicht nur kostenlos, sondern zudem noch technologisch interessant, so wie die Verbindung eines Notebook-Oldies mit dem Betriebssystem Android.

Google hat Android für den Betrieb von Smartphones und Tablets optimiert. Android basiert auf einem Linux-Kern, der für die mobilen Endgeräte stark angepasst wurde. Zu den wichtigsten Eigenschaften von Android gehört, dass es auch auf weniger leistungsstarken Geräten eine anständige Performance liefert und dabei den Akku schont. Damit eignet es sich bestens, um alten Notebooks oder den vor einigen Jahren sehr beliebten Netbooks neues Leben einzuhauchen.

Inspiriert von einem Beitrag der Computerzeitschrift „c’t“ (Heft 19/2015) haben wir den Praxistest gemacht. Denn schließlich muss man die Android-Katze nicht im Sack kaufen: Bevor das X86-Android (http://www.android-x86.org/) auf dem eigenen Computer dauerhaft installiert wird, sollte man es zuvor möglichst ausführlich testen. Dazu besorgt man sich die Installationsdatei, die entweder auf eine CD/DVD gebrannt oder auf einen USB-Stick kopiert wird. Wichtig ist: CD/DVD oder USB-Stick müssen als Bootmedium eingesetzt werden können, damit der Computer sie als Start-System nutzen kann. Wie das geht, beschreibt die Projektgruppe auf ihrer Webseite. Auch andernorts findet man Anleitungen, auch auf Deutsch. Beim Start kann der Nutzer dann auswählen, ob er das Computer-Android nur testen oder installieren will. Vor dem eigentlichen Start wird Android eingerichtet und dabei unter anderem mit dem Google-Konto des Nutzers (so bereits vorhanden) verbunden. Danach können alle Funktionen ausprobiert werden, um unter anderem zu prüfen, ob tatsächlich alle benötigten Schnittstellen wie zum Beispiel die W-Lan-Karte oder eine Bluetooth-Verbindung funktionieren.

Zudem sollte man probeweise die für den jeweiligen Nutzer wichtigsten Apps aus Google Play installieren. Weil der Computer nach dem Herunterfahren des Live-Androids alle Einstellungen vergisst, sollte man sich für den Test ausreichend Zeit nehmen.

In unserem Test haben wir das X86-Android in der Version 4.4 auf einem sechs Jahre alten Dell Latitude E4300 installiert und waren positiv überrascht, wie gut das Zusammenspiel von Notebook und Smartphone-Betriebssystem läuft. Der Bildschirm strahlt in voller Auflösung, Lautsprecher und Mikrofon arbeiten einwandfrei, selbst die Hardwaretasten für Bildschirmhelligkeit, Lautstärke oder den Standby-Betrieb können wie gewohnt genutzt werden. Das Touchpad funktioniert zwar, aber die Scroll-Leiste steht unter Android nicht zur Verfügung.

Den Hardware-Test besteht Android jedenfalls mit Bravour und auch der App-Test fällt insgesamt positiv aus, wenn auch mit kleineren Abstrichen. Die meisten Apps von Google – GMail, Google Earth, Youtube, der Play-Store mit Apps und Musik, Google Drive, die Programme für Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation, Google Maps – bestanden die Prüfung auf Anhieb. Bloß die Foto-App bricht beim Aufruf eines Bildes immer mit dem Hinweis „Fotos wurde beendet“ aus unerklärlichen Gründen ab. Die Galerie und ein Fremdprogramm zum Aufruf der eigenen Picasa-Fotos arbeiten hingegen wie gewohnt. Auf die Bestanden-Liste schafften es zudem die Apps für Facebook, Twitter, Google+ genauso wie für Wikipedia, Instagram, das Standard-Mail-Programm oder die App des Tagesspiegels. Kein Glück hatten wir hingegen mit den Apps von Sky, Watchever sowie den Mediatheken von ARD und ZDF, obwohl Youtube ohne Einschränkungen funktioniert.

Das Beste aus beiden Welten - Android mit Tastatur und Maus

Laufen tatsächlich alle wichtigen Programme und Schnittstellen und erfüllt das Computer-Android auch sonst die Erwartungen, geht es im nächsten Schritt an die Installation. Genau wie Linux lässt sich auch Android parallel zum vorhandenen Windows installieren. Beim Start des Computers kann dann jedes Mal neu entschieden werden, mit welchem System man arbeiten möchte. Weil Android selbst im besten Fall nicht alle Funktionalitäten von Windows abbildet, sollte man das Microsoft-System in jedem Fall auf dem Rechner belassen und Android in einem getrennten Bereich auf der Festplatte installieren. Ferner benötigt der Computer ein Programm, das diese Option beim Start ermöglicht. Hierbei handelt es sich um einen sogenannten Boot-Loader. Das X86-Android fragt bei der Installation nach, ob dieses Programm installiert werden soll. Das Kopieren der Android-Dateien selbst ist danach eine Sache von wenigen Minuten.

Besser nicht NTFS als Dateisystem benutzen

Wichtig ist der Schritt, der darauf folgt. Dabei will Android wissen, wie groß die Datei sein soll, in der nachher die Anwendungsdaten gespeichert werden. Hier sollte unbedingt der maximal mögliche Platz – in unserem Test waren dies zwei Gigabyte – angegeben werden. In diese Datei, die von Android wie eine Festplatte genutzt wird, gelangen auch die aus dem App Store heruntergeladenen Programme. Selbst bei zwei Gigabyte kommt man schnell in die Verlegenheit, dass man neue Apps nur dann installieren kann, wenn man zuvor andere entfernt. Das Problem tritt allerdings nur bei einer Partition mit dem Windows-Dateisystem NTFS auf. Wird die Android-Partition mit dem für Linux-Systeme gebräuchlichen Dateisystem ext3 eingerichtet und formatiert, steht der gesamte Platz für Android zur Verfügung. Eine Partition von acht Gigabyte sollte selbst für Fans von Spielen absolut ausreichend sein. Apropos Spiele: Die auf Touchscreens mögliche Mehrfingersteuerung - auch zum Zoomen - ist nicht mit allen Notebook-Touchpads möglich.

Nach der Installation und der nachfolgenden Ersteinrichtung mitsamt W-Lan-Anschluss und Google-Konto muss nur noch das Tastaturlayout auf Deutsch umgestellt werden. Danach werden die vorhandenen Apps aktualisiert und die gewünschten eigenen Apps installiert. Fertig. Sollte eine App vom Querformat ins Hochformat wechseln, muss man ebenfalls nicht verzweifeln. Um das Bild wieder gerade zu rücken, beziehungsweise um zu verhindern, dass es auf der Seite liegt, gibt es die kostenlose App Ultimate Rotation Control.
Fazit: Das Notebook-Android erzielte in unserem Test zwar nicht die Bestnote, doch gerade ältere Hardware läuft mit dem ressourcenschonenden Mobilsystem deutlich flüssiger. Bei Apps müssen allerdings Abstriche gemacht werden, zudem muss man bei der Installation einige kleinere Hürden nehmen. Dafür wird der Nutzer jedoch belohnt mit einem Notebook, das die Vorteile des flotten Smartphone- und Tabletsystems Android mit der einfacheren Eingabe über Tastatur und Touchpad verbindet.

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