Geglückte Start-ups : Ein Freund, ein reicher Freund

Unser Autor blickt auf ein Märchen, das leider ohne ihn passiert.

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Tagesspiegel-Redakteur Sebastian Leber
Tagesspiegel-Redakteur Sebastian LeberFoto: Mike Wolff

Ich habe einen Kumpel, der ist schon fast Millionär. Genau genommen macht er vorläufig eine Million Euro Umsatz pro Jahr, aber das kann nicht lange dauern, bis er sich eine Villa baut.

Er ist ein Studienfreund. Hatte dann eine tolle Idee, die ich gar nicht verstanden habe, als er mir das erste Mal beim Bier auf der Urbanhafenwiese davon erzählte. Das zweite, dritte und vierte Mal leider auch nicht. Was mit Internet und mit Firmen, so viel ist klar. Er hat ein Start-up gegründet. Drei Jahre Arbeit, zwischendurch das ganze Startkapital aufgebraucht und fast pleitegegangen, schließlich durch die Decke. Wohnt immer noch im Wedding, hat aber Kunden im Silicon Valley.

Davon träumen Tausende in Berlin: dank Webseite oder App oder beidem zum Großverdiener zu werden. Die Berliner Start-up-Szene entwickelt sich rasant, der Experte vom Wirtschaftsverein VBKI glaubt, dass fünf oder sechs Berliner Start-ups gerade auf dem Weg sind, Milliardenkonzerne zu werden.

Durch das Märchen in meiner direkten Umgebung habe ich vor allem begriffen, wie viele alberne Klischees ich über die Internet-Gründerszene im Kopf hatte. Mein Kumpel ist weder schrill noch schrullig, benutzt weder Flipcharts noch Fachvokabeln wie „Pitschen“, nimmt keine Aufputschmittel, trägt nicht mal Schnauzer. Ich möchte den Herrn nicht diskreditieren, aber: In seiner Freizeit hört er U2.

Offenbar muss man abends nicht im „Monsieur Vuong“ sitzen können, man muss hart schuften und morgens früh aus dem Bett kommen. Bereitschaft zur Selbstausbeutung haben. Das Start-up-Geschäft scheint dem Lebenszyklus eines Schmetterlings zu gleichen: Wer prächtiger Falter werden will, muss erst mal wie eine Made leben.

Ja, in Berlin herrscht Goldgräberstimmung. Solche Phasen gab es schon häufiger in den letzten 15 Jahren, aber diesmal, sagen Experten, ist es keine Blase. Da ist’s ein komisches Gefühl, zu der Generation von App-Erfindern zu gehören, ohne selbst Teil davon zu sein. Sie entwickeln Smartphone-Anwendungen für Tierfutter, Hochzeiten oder das GPS-gesteuerte Auffinden gestohlener Fahrräder. Berliner Programmierer haben eine Motivations-App auf den Markt gebracht, die dabei hilft, die eigenen guten Vorsätze umzusetzen – vom Diätplan bis zum Nikotinentzug. Eine andere hat sich darauf spezialisiert, Zusammenfassungen von Büchern zu liefern! Die Statistik, dass über 90 Prozent aller Gründungen das erste Jahr nicht überleben, rückt in den Hintergrund, wenn man auf jemanden wie meinen Kumpel blickt.

Ich hatte auch eine Idee. Für eine ganz besondere, ausgebuffte Dating-App. Würde sehr wahrscheinlich durch die Decke gehen. Ich habe meinem Freund, dem Sehr-bald-Millionär, davon erzählt. Er sagte, das könne durchaus ein Riesenerfolg werden. Aber natürlich nur in einer Welt, in der es nicht schon tausend andere Dating-Apps gebe.

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