Im Dauertest : iPad: Wo, bitte, geht’s zum Ö?

Ein iPad-Besitzer muss improvisieren können. Denn Apples Tablet-PC hat nicht nur mit deutschen Umlauten seine Probleme.

von und Christian Mentzel
Zur iPad-Faszination gehört, wie exakt man den Tablet-PC mit den Fingern steuern kann und wie fließend Anwendungen oder Internetseiten reagieren. Foto: dpa
Zur iPad-Faszination gehört, wie exakt man den Tablet-PC mit den Fingern steuern kann und wie fließend Anwendungen oder...Foto: dpa

Wie wie kommt denn nun das „ö“ auf das iPad? Selbst mit der extra dazugekauften iPad-Textverarbeitung Pages, die eigentlich zum Lieferumfang gehören müsste, lässt die Tastatur nur ein „oe“ zu und kein „ö“. Auch die Suche unter den Sonderzeichen bleibt erfolglos. Doch nach drei Wochen Dauertest schreckt auch diese Hürden den iPad-Fan nicht. Um auf Apples extrem dünnen tastaturlosen Tablet-Computer ein „ö“ zu schreiben, muss man das „o“ auf der virtuellen Bildschirm-Tastatur nur etwas länger drücken. Dieses Prinzip funktioniert freilich auch mit den übrigen Umlauten – nur eben alles recht langsam.

Von Freitag an kann man den neuesten Apple-Computer auch in Deutschland kaufen. Seit dem Verkaufsstart in den USA zu Ostern gingen über eine Million Geräte über die Ladentische. Wie viele andere Deutsche haben wir uns Anfang Mai einen iPad Wi-Fi besorgt und wissen nun, dass sich iPad-Nutzer vor allem durch zwei Eigenschaften auszeichnen: Sie werden zwangsläufig sehr kommunikativ, denn egal ob im Café oder im ICE bildet sich schnell eine Traube von Technikfans um den Besitzer eines solchen Geräts. Der einzige Weg, das zu verhindern, würde darin bestehen, auf die neue Mobilität zu verzichten und das iPad zu Hause zu lassen. Aber wer will das schon. Die zweite Eigenschaft des iPad-Freundes besteht in seiner Fähigkeit zum Improvisieren. Zum Beispiel, wenn es ihm nicht gelingt, im Hotel oder andernorts den Zugang zum Wireless Lan zu nutzen, weil sich die Aktivierungsseite nicht öffnet. Auch in diesem Fall sind iPad-Besitzer findig. Wer sich für die UMTS-Version entschieden hat, ist ohnehin fein raus. Aber auch mit einem „einfachen“ iPad muss auf Highspeed-Internet unterwegs nicht verzichtet werden. MiFi heißt das Zauberwort. Dabei handelt es sich um kleine Boxen, die per Akku betrieben werden eine mobile Mini-Wlan-Basisstation darstellen, die mit einem UMTS-Stick vom Discounter an allen von Steve Jobs auferlegten iPad-Beschränkungen vorbeifunken. Ganz davon abgesehen, dass sich Videos, Musik, Fotos und Ebooks auch ohne Internet auf dem großen Display genießen lassen – außer in praller Sonne, dort funktioniert nur Amazons Kindle.

In den meisten Fällen sieht das Improvisieren jedoch deutlich weniger dramatisch aus. Zwar ist Display alles andere als fettabweisend. Und da Apple nicht zuletzt an einem hübschen Microfasertuch zum Säubern des Bildschirms gespart hat, müssen häufig andere Kleidungsstücke zum Putzen herhalten, vorzugsweise das Hemd oder der Pullover.

Überhaupt: Das iPad ist vor allem eine Frage der Haltung und nicht nur der Einstellung gegenüber technischen Neuerungen. Einhändig lässt sich die PC-Tafel nur für kurze Zeit halten, danach beginnt der Daumen zu erlahmen, was vor allem die Freude an der gemütlichen Bettlektüre mit dem iPad trübt. Allerdings ist es damit ohnehin noch nicht allzu weit her, da im deutschen iBook-Store außer dem Gutenberg-Projekt – fast ausnahmslos rechtefreie Bücher von Autoren, die mindestens 70 Jahre tot sind – vor allem gähnende Leere herrscht. In jedem Fall landet das iPad sowohl beim Lesen als auch beim Surfen im Internet oder der App-Nutzung sehr schnell auf dem Schoß des Besitzers oder besser noch gut gepolstert auf einem Kissen. So gebettet bietet die PC-Tafel eine grandiose Surferfahrung. Der Umgang mit einem Multitouch-Display ist so intuitiv wie sonst nur das Schreiben mit Stift und Papier. Man tippt einfach dort, wo sich der Internetverweis befindet, oder zieht zum Beispiel den PDF-Fahrplan der BVG stufenlos und ruckelfrei mit zwei Fingern.

So wird das iPad zum ständigen Begleiter – neben der Zeitung, um schnell etwas nachzuschlagen, unterwegs für Musik, Filme und Bücher, auf dem Schreibtisch als Adressbuch oder Kalender. Bei mehrwöchiger Nutzung des iPads fallen viele verbesserungswürdige Details auf. Einiges nervt mehr (man glaubt gar nicht, wie viele Internetseiten Flash einsetzen), anderes weniger (iTunes kommt längst nicht mit allen Musik- und Videoformaten zurecht, die Anschaffung eines Konvertierungsprogramms lohnt sich in jedem Fall). Dabei gerät leicht in den Hintergrund, was alles auf Anhieb funktioniert (fast immer das Einloggen in ein Wlan-Netz nur durch Angabe des Passwortes) und wie unkompliziert ein technisches Gerät ist, dessen Akku auch in der Praxis die angegebenen zehn Stunden durchhält. Einen Großteil dieser Zeit fressen die vielen iPhone-Apps, die ebenso auf dem iPad laufen, sowie die neu für das Tablet programmierten Apps auf.

Erfahrene Computernutzer mögen am iPad das offene Betriebssystem, Speichererweiterungen, Anschlüsse und vielleicht auch das CD-Laufwerk vermissen. Aber darum geht es beim iPad nicht. Dieses Gerät will kein Computer sein. Da man ohnehin einen PC oder einen Mac benötigt, um das iPad mit Inhalten zu füllen, werden viele Aufgaben auch in Zukunft dort verbleiben. Dennoch können sich laut Branchenverband Bitkom immerhin drei Millionen Deutsche vorstellen, absehbar ein iPad oder einen anderen Tablet-PC zu kaufen. Christian Mentzel, Kurt Sagatz

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