Internet : Bald gibt es mehr als ein Wikileaks

Nicht nur ein Wikileaks, sondern Tausende hatte sich Wikileaks-Aussteiger Domscheit-Berg gewünscht. Es sieht so aus, als würden er und andere an dieser Vision arbeiten.

Kai Biermann
Kristinn Hrafnsson ist ein Sprecher von Wikileaks.
Kristinn Hrafnsson ist ein Sprecher von Wikileaks.Foto: AFP

Das Projekt Wikileaks könnte bald Gesellschaft bekommen: Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf damit vertraute Mitarbeiter berichtet, arbeiten ehemalige Wikileaks-Unterstützer an einer Website, um künftig ebenfalls die Möglichkeit zu bieten, anonym Geheimdokumente zu veröffentlichen.

"Es gibt einige Hinweise, dass Daniel oder andere ehemalige Mitarbeiter ein vergleichbares Angebot aufsetzen und wir wünschen ihnen Glück", zitiert die Zeitung Kristinn Hrafnsson, einen Sprecher von Wikileaks. Mit Daniel ist Daniel Domscheit-Berg alias Daniel Schmitt gemeint.

Das nach Julian Assange prominenteste Wikileaks-Mitglied hatte der Seite nach internen Meinungsverschiedenheiten vor Kurzem den Rücken gekehrt, und er ist nicht der einzige, der das Projekt in den vergangenen Monaten verlassen hat.

Das WSJ überschreibt seinen Artikel mit: "Neue Konkurrenz für Wikileaks". Laut Hrafnsson sehen die Betreiber das aber ganz anders, sie begrüßten solche Projekte. "Es wäre gut, wenn es mehrere Organisationen wie Wikileaks gäbe", sagte Hrafnsson demnach.

Wikileaks ist ohnehin nicht die einzige Seite dieser Art. Schon seit 1996 ist Cryptome.org von John Young erreichbar. Lange vor Wikileaks gab es dort brisante Unterlagen zu sehen, beispielsweise eine Liste mit den Namen von 276 Agenten des britischen Geheimdienstes MI6 in aller Welt.

Auch das Blog Secrecy News beschäftigt sich mit vertraulichen Regierungsdokumenten. Außerdem planen in China offensichtlich Menschenrechtsaktivisten ein Projekt, das Wikileaks ähnelt.

Nach seinem Ausstieg bei Wikileaks hatte Daniel Domscheit-Berg in einem Spiegel-Interview gesagt, es brauche nicht eines, sondern "tausend Wikileaks". Er wolle auch weiter an der Idee einer Whistleblower-Plattform arbeiten. Bestrebungen, eine solche aufzubauen, gibt es einige. So arbeiten in Deutschland Datenschutz-Aktivisten daran, ein eigenes Angebot zu starten.

Material gibt es genug. Domscheit-Berg sagte nach seinem Ausscheiden in verschiedenen Interviews, Wikileaks habe sich zu stark auf die Kriege in Afghanistan und im Irak konzentriert und dabei viele Dokumente aus aller Welt vernachlässigt, die vielleicht nicht ganz so brisant, aber mindestens ebenso wichtig seien.

Auf Cryptome findet sich ein Text, im dem diskutiert wird, was sich aus dem Projekt Wikileaks lernen lässt und wie solche Plattformen künftig aufgebaut sein müssten. Dort heißt es unter anderem: Könnten verbotene Informationen direkt durch die Quelle verbreitet werden, gäbe es kein angreifbares und kompromittierbares Zentrum – wie es Wikileaks derzeit ist. Auch sollte es nicht ein kleiner Zirkel sein, der Informationen verbreitet, sondern eine Vielzahl von Menschen, denn das erschwere ebenfalls die Kontrolle. In dem Text heißt es, man müsse neue Wege der medialen Verbreitung finden, unabhängig von den bisherigen wie Websites und klassischen Medien.

Wikileaks hatte seine beiden letzten Veröffentlichungen über Afghanistan und Irak gemeinsam mit großen Medienhäusern wie dem britischen Guardian oder dem deutschen Spiegel geplant. Zur Begründung hieß es, um möglichst vielen einen Zugang zu dem komplexen Material zu ermöglichen, brauche es die klassischen Medien.

Ursprünglich hatten die Macher Medienkontakte gemieden und Wert auf Unabhängigkeit zu klassischen Angeboten gelegt. Die jüngsten Aktionen waren denn auch durchaus umstritten, ihnen hafte der Ruch an, der PR für die Plattform zu dienen.

Neben Netzseiten betätigen sich traditionelle Medien nach wie vor als Sprachrohr von Geheimnisträgern. Allerdings erlaubt es die Gesetzeslage in vielen Ländern nicht mehr, für Anonymität und Sicherheit der Quellen ausreichend Sorge zu tragen. Möglicherweise ändert sich das hierzulande ein wenig: Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) arbeitet derzeit an einem "Gesetz zur Stärkung der Pressefreiheit", das dieser Tage zur Lesung in den Bundestag kommen soll.

Quelle: Zeit Online

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