Internet : Doku-Portale im Test

Dokumentarfilme erleben seit Jahren einen ungeheuren Boom. Kassenschlager wie "Bowling for Columbine“ oder “Eine unbequeme Wahrheit” erreichten ein Millionenpublikum und beeinflussten öffentliche Debatten. Auch im Internet gibt es immer mehr Portale, auf denen man Dokumentarfilme in voller Länge kostenlos sehen kann.

Torsten Wenzel

Gibt man den Suchbegriff "Dokumentarfilm“ bei Google ein, springt einem gleich eine sehr verheißungsvolle Seite ins Auge: "Die besten Dokumentarfilme online sehen – Alle Dokus auf Deutsch!“ Mit diesem Slogan wirbt dokumentarfilm24.de. Voller Vorfreude klicke ich den Link an. Die Aufmachung der Seite ist übersichtlich. Die neuesten Dokus sind mit einem kurzen Einführungstext auf der Startseite zu sehen. Am rechten Rand kann man außerdem Filme nach Kategorien oder Stichwörtern suchen.

Hier kommt aber auch schon der erste Wehrmutstropfen. Nicht einmal 40 Filme sind in dem Portal versammelt. Bei den meisten handelt es sich um Fernsehdokumentationen, die irgendwann bei ARD, ZDF oder Arte zu sehen waren. Das Themenspektrum reicht von globalisierungskritischen Filmen z.B. "Kindersklaven in Indien“, Biografien u.a. über Obama bis hin zu wissenschaftlichen Dokus über das Cern-Experiment. Die technische Qualität der Filme schwankt von Beitrag zu Beitrag. Die meisten Filme sind über Youtube und Google-Video eingebunden. Ein Vollbildmodus ist leider nicht möglich. Auch inhaltlich können die Filme nicht überzeugen. Wirkliche Highlights oder Meilensteine des Dokumentarfilmgenres sind nicht darunter.

Suche nach Dokus im Internet aufwendig

Ich suche weiter und stoße auf die Seite getdocued.net. Der Aufbau der Seite ähnelt  dokumentarfilm24.de. Auf der linken Seite finden sich Rubriken wie Geschichte, Kultur, Politik etc., am rechten Seitenrand gibt es tags. Das Angebot an Dokumentarfilmen ist jedoch weitaus größer als bei der Konkurrenzseite. Auch viele englischsprachige Filme können angeschaut werden. Jedoch handelt sich auch hier in erster Linie um TV-Dokumentationen, vorwiegend vom ZDF und Al Jazeera, die als Youtube-Clips verfügbar sind. Autoren-Dokumentarfilme fehlen leider auch hier. Das Urheberrecht setzt den Betreibern des Portals einmal mehr Grenzen.



Das Portal mit dem umfangreichsten Angebot an Dokumentarfilmen ist sicher archive.org. Neben aktuellen Filmen, die zum Beispiel auf dem globalisierungskritischen "Globians Doc Fest" liefen (globians.com), können vor allem zahlreiche Filmklassiker gesehen oder herunter geladen werden, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind - eine Fundgrube für Cineasten.

Auch auf den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender vermute ich ebenfalls ein breites Spektrum an Dokumentationen. Doch der erste Eindruck trügt. Zwar ist die technische Qualität bei ARD, ZDF und Arte hervorragend, Streams mit hoher Auflösung und Vollbildmodus sind selbstverständlich. Aufwendig produzierte Dokumentarfilme in voller Länge sind jedoch die Ausnahme und zudem nur schwer zu finden, da es nur unzureichende Filter bei der Suchfunktion gibt. Dies gilt vor allem für ARD und ZDF, die auf ausgewählte Inhalte in Form kürzerer Clips setzen.

Videotheken schlagen das Internetangebot

Empfehlenswerter ist die Arte-Mediathek, bei der Dokumentarfilme bereits auf der Startseite hervorgehoben werden. Jedoch ist auch hier das Angebot beschränkt und die Filme maximal sieben Tage kostenfrei abrufbar. Danach muss man entweder bezahlen oder auf eine erneute Ausstrahlung warten.

Fazit: Dokumentarfilme sind im Internet nur bis zu einem gewissen Grad frei und kostenlos verfügbar. Ein Blick auf die vorgestellten Portale lohnt sich trotzdem, da die oder andere Perle entdeckt werden kann. Insbesondere archive.org ist in diesem Zusammenhang empfehlenswert. Neuere Kinoproduktionen sucht man dort wie anderswo jedoch vergeblich. Hier hilft nur der Gang in die Videothek, der Kauf per Video on Demand oder die Hoffnung auf eine baldige TV-Ausstrahlung.


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