Internet : Facebook versucht sich an eigenem Maildienst

Das soziale Netzwerk will Kommunikationskanäle wie E-Mail und SMS verschmelzen. Das verschärft die Konkurrenz zu Yahoo und Hotmail. Vor allem aber die zu Google.

Kai Biermann

Das Schreiben von E-Mails ist noch immer die wichtigste Tätigkeit für jene, die sich im Netz bewegen. Ganz zu schweigen von Werbern und Kriminellen – es gibt Studien, die gehen davon aus, dass 95 Prozent aller Mails Spam sind. Mails also sind wichtig. Noch. Denn schon seit Jahren zeichnen sich zwei Dinge ab:

E-Mail ist erstens etwas für Oldies. Unter Jugendlichen verliert dieser Dienst rapide an Fans. Zweitens wird E-Mail von sozialen Netzwerken wie Facebook verdrängt.

Insofern ist es nur konsequent, dass Facebook-Gründer Marc Zuckerberg E-Mail als eigenständige Kommunikationsform abschaffen will. So hat er das nicht gesagt, aber er plant als Angebot innerhalb Facebook einen neuen Dienst, in dem E-Mail als System langfristig aufgehen soll: universal inbox, das universelle Postfach, lautet das Prinzip, das schon andere verfolgt haben.

Denn, wie Zuckerberg bei der Präsentation sagte, E-Mails seien als Form der Kommunikation "zu langsam", "zu formell" und mit ihrer Struktur der Antwort auf Antwort "zu archaisch".

Der neue Dienst soll E-Mail, SMS, Instant Massaging, Facebook-Postings und Chat-Nachrichten zusammenführen. Bereits in der vergangenen Woche hatte das Technik-Blog TechChrunch über das geheime Projekt namens Titan berichtet. Intern wurde es angeblich als "Gmail-Killer" bezeichnet.

Wird den Nutzern eine Nachricht an ihre Facebook-Adresse geschickt, können sie entscheiden, über welchen der jeweiligen Kanäle sie antworten. Und wie eine abgeschickte Nachricht den Empfänger erreicht, entscheiden die verfügbare Technik und deren Voreinstellungen. Der Schreiber soll sich darüber keine Gedanken mehr machen müssen.

Außerdem kann nun jeder Facebook nach dem Muster name@facebook.com als Mailadresse nutzen.

Weiter sollen die Nutzer ihre Nachrichten leichter durchsuchen können, als es bisher auf Facebook möglich war, unbegrenzte Speicherfrist und Platz in nicht genannter, aber erheblicher Höhe inbegriffen. Zuckerberg kündigte auch an, dass der Dienst  Informationen aus dem sozialen Umfeld verwenden wird, um Nachrichten von engen Kontakten zu priorisieren und Spam auszusortieren.

Das klingt alles sehr nach Google und soll es auch. Beide Firmen konkurrieren mit ihren kostenlosen Angeboten um Kunden und Aufmerksamkeit, und beide Firmen nutzen als Vermarktungsvehikel die Informationen, die sie von ihren Nutzern bekommen.

Ein integrierter Nachrichtendienst ist ein guter Weg, um zum einen ein attraktives Instrument anzubieten und zum anderen mehr über seine Verwender zu erfahren. Google nutzt ihn seit Jahren: Gmail gilt als praktisch und gut. Es bietet nahezu unbegrenzt Speicherplatz und eine gute Suchfunktion.

Vor Kurzem installierte Google eben jene Möglichkeit, dass das Programm entscheidet, welche Mails wichtig sind und welche nicht. Es verwendet dafür – wie nun auch Facebook – als Filter die soziale Umgebung, also die Präferenzen der Kontakte des Nutzers.

Und Google versuchte in diesem Jahr, seinen Maildienst mit anderen Kommunikationsformen zu verschmelzen. Buzz allerdings, wie man das Produkt nannte, ist derzeit eher ein Flop.

Nun versucht sich Facebook an der gleichen Idee.

"Es ist kein E-Mail-Killer. E-Mail ist nur ein Teil dieses Nachrichtensystems", sagte Zuckerberg. Und auch Gmail wolle man nicht angreifen, sagte er und lobte den "guten Dienst". Was aber wohl mehr als Bestätigung zu verstehen ist, dass Facebook genau diesen Angriff plant.

Bislang waren die Facebook-Nutzer auf andere E-Mail-Anbieter angewiesen, um das Netzwerk nutzen zu können. Nun können sie ihre Nachrichten auch lesen, ohne sich auf der Plattform einzuloggen. 

Facebook könnte mit dem neuen Angebot schlagartig zum größten Maildienst im Netz werden. Die Nutzerzahlen von Googles Gmail werden auf 193 Millionen geschätzt, während Yahoo-Mail über 273 Millionen und Hotmail über 361,7 Millionen Nutzer verfügt.

Allerdings würde Facebook in der Wahrnehmung vieler Beobachter damit auch zum größten Staubsauger persönlicher Informationen und würde Googles Image in diesem Punkt weit in den Schatten stellen. Ein Imageproblem dieser Art kann auch Milliardenunternehmen gefährlich werden.

Und es steht durchaus nicht fest, dass die Verschmelzung auch angenommen wird. E-Mails immerhin können viel: Abwesenheitsnotizen, Filterregeln, Weiterleitungen – rund um die unscheinbaren Nachrichten ist eine ganze Kultur gewachsen, die immer noch sehr viele Menschen gern nutzen. Dazu gehört auch der von Zuckerberg als veraltet betrachtete formelle Charakter, den beispielsweise Unternehmen schätzen.

Facebook will es trotzdem wissen und wird seinen Maildienst in den nächsten Monaten schrittweise per Einladung einführen.

Gelingt es, wird das Angebot noch einen weiteren Trend verstärken, der längst zu beobachten ist: den Trend zu geschlossenen Bezirken im Netz, sogenannten walled gardens. Bereits jetzt verlassen viele Nutzer das Land Facebook nicht mehr und bewegen sich nur noch darin. So offen sich Facebook auch gibt und so viele Angebote das Netzwerk auch integriert, genau das ist das offensichtliche Ziel.

Geschlossene Gesellschaften aber, so groß sie auch sein mögen, haben Nachteile. Der größte: Die dort gesammelten Informationen sind nur jenen zugänglich, die sich hinein begeben. Wer diese Hürde nicht überwinden will oder kann, hat nichts von ihnen.

Quelle: Zeit online

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