Internet : "Google weiß viel über die Gegenwart"

Die Suchmaschine kann schneller als andere vorhersagen, wofür sich Menschen weltweit interessieren, sagt Googles Chefökonom Hal Varian. Was hat sie mit dem Wissen vor?

Hongkong
Wie viele Menschen wollen in diesem Moment nach Hong Kong reisen? Google gibt vor, es prognostizieren zu können. -Foto: dpa

ZEIT ONLINE:

Herr Varian, das Magazin Newsweek hat unlängst Erstaunliches behauptet: Google, so heißt es, könne jetzt auch in die Zukunft schauen. Wir sind beeindruckt.

Varian: Ich würde nicht behaupten, dass Google die Zukunft vorhersehen kann. Über die Gegenwart aber wissen wir viel.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Varian: Mithilfe der Suchanfragen unserer Nutzer. Wir haben festgestellt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Häufigkeit, mit der Nutzer bei Google nach einer Sache suchen, und realen Ereignissen. Steigt etwa die Arbeitslosigkeit in einer bestimmten Region, geben mehr Personen Begriffe wie "Arbeitsagentur" oder "Arbeitslosigkeit" ein. Der Zusammenhang ist bemerkenswert robust. Das Ganze funktioniert bei vielen Themen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Varian: Wir haben kürzlich die Verkaufszahlen des Autoherstellers Honda und die Häufigkeit, mit der Menschen nach "Honda" suchen, verglichen. Beide Größen korrelierten sehr stark. Wir haben das Experiment für einen Reiseanbieter wiederholt, der wissen wollte, wie sich die Zahl der Reisenden nach Hong Kong entwickeln würde. Je mehr Menschen nach "Hong Kong" suchten, desto stärker war die Nachfrage nach Reisen in diese Stadt. Die Daten gaben erstaunlich gut wieder, wie sich das Interesse in der Realität entwickeln wird.

ZEIT ONLINE: Wem nutzt das?

Varian: Vielen. Nehmen wir an, Sie betreiben eine kleine Firma und wollen eine Werbekampagne für ein neues Produkt in – sagen wir – Milwaukee starten. Mithilfe des Google-DienstesInsights for search  können Sie herausfinden, wie erfolgreich Sie waren. Immobilienagenturen können herausfinden, wo die Nachfrage nach Immobilien am größten ist. Große Ketten können feststellen, ob die Nachfrage nach einem Produkt in einer bestimmten Region steigt oder fällt. Die Daten sind zudem enorm aktuell. Regierungsstellen brauchen Wochen, um die offiziellen Arbeitslosendaten zu ermitteln. Firmen brauchen ebenso lange, um Verkaufszahlen zu erheben. Google hat die Daten in Echtzeit. Ich denke, wir haben gerade erst begonnen, den Wert dieses Datenmaterials zu entdecken.

ZEIT ONLINE: Verdient Google damit Geld?

Varian: Wir stellen die Informationen kostenlos ins Netz. Unternehmen, Studenten, think tanks, Regierungsorganisationen – jeder kann sich dort die Informationen besorgen und sie für Studien verwenden.

ZEIT ONLINE: Klingt ehrenhaft. Aber was hat Google davon?

Varian: Unser Geschäftsmodell basiert auf Werbung. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass unsere Kunden zufrieden sind. Die Daten sind ein Service. Und ein Anreiz: Wenn ein Unternehmen sieht, dass viele Menschen etwa bei Google nach ihrem Produkt suchen, ist Google auch der natürliche Ort, um für dieses Produkt zu werben.

ZEIT ONLINE: Kritiker unterstellen ihnen etwas anderes: Unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit bereiten Sie die Öffentlichkeit darauf vor, dass sie Daten an Dritte weiterreichen. Irgendwann wird dann damit Geld verdient.

Varian: Wie Sie schon richtig sagen, ist das eine Unterstellung. Wir haben noch nie Daten an Dritte weitergegeben und werden es auch nicht tun. Abgesehen davon, dass die Vermutung abwegig ist, macht es gar keinen Sinn, Daten an einzelne Unternehmen zu verkaufen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Varian: Weil sie dann die anderen als Werbekunden verlieren würden. Das wäre keine gute Idee.

ZEIT ONLINE: Das heißt, alle Firmen bekommen die gleichen Daten?

Varian: Alle Firmen und alle Nutzer. Alles andere wäre nicht hilfreich.

ZEIT ONLINE: Dann geben Sie doch allen Unternehmen gleich viele, bessere Informationen, die mehr über ihre Nutzer verraten, über ihre Wünsche und Vorlieben. Google besitzt das Wissen.

Varian: Selbst wenn wir dieses Wissen besitzen würden, wäre es für Googles Insights for Search nicht notwendig.

ZEIT ONLINE: Welche der Daten verwenden Sie denn?

Varian: Wir geben nur aggregierte Daten weiter, die nicht auf einzelne Nutzer schließen lassen. Sie müssen sich das vorstellen wie eine gewaltige Umfrage: Erst wenn wir 50 Suchanfragen zu einem Begriff von verschiedenen IP-Adressen erhalten, wird die Information öffentlich sichtbar. So stellen wir sicher, dass keine einzelnen Daten weiter gegeben werden.

ZEIT ONLINE: Ist es ausgeschlossen, dass die Firmen immer genauere Informationen über potenzielle Käufer haben wollen, wenn sie einmal Zugang zu den Google-Daten haben?

Varian: Sie meinen, dass die Firmen süchtig nach unseren Daten werden?

ZEIT ONLINE: Ja.

Varian: Sehen Sie: Das Problem ist doch nicht, dass Google diese Daten besitzen könnte. Wir leben in einer Ökonomie, in der diese Informationen dadurch entstehen, dass sich Menschen im Netz bewegen: Auch Konkurrenten verfügen über die Informationen, über die wir sprechen. Sie können auch auswerten, nach welchen Begriffen die Nutzer von Twitter oder Microsofts MSN suchen.

ZEIT ONLINE: Google ist mächtiger.

Varian: Wir sind in einer guten Position, was unsere Suchmaschine betrifft. Falsch aber ist zum Beispiel, dass wir den Markt für Onlinewerbung dominieren würden. Je nach Schätzung entfallen nur rund 30 Prozent der Online-Marketing-Budgets und sogar nur drei Prozent der gesamten Werbeausgaben auf uns.

ZEIT ONLINE: Ist das Netz nicht dennoch ein sogenannter winner-takes-all-Markt, in dem der größte Anbieter – etwa Google – seinen Vorsprung immer weiter ausbaut?

Varian: Nein. Jeder Wettbewerber ist nur einen Klick entfernt. Es gibt keine Exklusivität. Jeder, der eine bessere Idee hat, wird in Zukunft mehr Nutzer haben. Das ist der Grund, warum Google sich ständig weiter entwickeln muss. Tun wir das nicht, wird es uns in zehn Jahren nicht mehr geben.

Die Fragen stellte Philip Faigle.

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