Internet-Piraterie : Aus der virtuellen Welt verschwunden

Im Rahmen einer Großrazzia wurden neun Online-Portale für Video-Streams zeitgleich aus dem Netz entfernt. Server wurden konfisziert und Bankkonten eingefroren.

Florian Zimmer-Amrhein
Geschlossen. Diese Meldung war auf den betroffenen Seiten zu lesen.
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Die Internet-Community ist in Aufruhr. Wer sich in diesen Tagen in Insider-Foren umschaut, liest nichts als verzweifelte Klagen. „Was soll ich denn jetzt tun?! Wo schaue ich von nun an meine Lieblingsserien?“, schreibt beispielsweise ein User, der sich popaddict nennt. Ein anderer stimmt nostalgische Töne an: „Alle schönen Dinge haben ein Ende… RIP Free TV.“ Aus den Blogger-Kommentaren spricht Trauer und Unverständnis über das, was US-Vize-Präsident Joe Biden bereits bei einem Pressetermin vor zwei Wochen angekündigt hatte: ein kompromissloser Kampf gegen Internet-Piraterie. Mit dieser Kampfansage machten die amerikanischen Behörden vergangene Woche ernst. Im Rahmen einer Großrazzia mit dem Namen „Operation in Our Sites“ wurden neun Online-Portale für Video-Streams zeitgleich aus dem Netz entfernt. In elf US-Bundesstatten und in den Niederlanden fanden Hausdurchsuchungen statt, Server wurden konfisziert und Bankkonten eingefroren. Über 100 Beamte aus drei verschiedenen Behörden seien im Einsatz gewesen, berichteten amerikanische Medien. Wie viele Verdächtige festgenommen worden sind, sei unklar. Seit der Razzia gibt es jedenfalls kaum mehr Lebenszeichen von den Administratoren der illegalen Streaming-Portale, die bis dato auch in Blogs und Foren aktiv waren. Sie sind, genau wie ihre Web-Seiten, aus der virtuellen Welt verschwunden.

Stream-Anbieter im Visier

Die amerikanischen Ermittler hatten vor allem Stream-Anbieter im Visier, die neue Kinofilme und TV-Serien zur Verfügung stellen. Damit haben die Behörden ihren Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen den neuen Gegebenheiten im Netz angepasst. Bisher hatten sich die staatlichen Interventionen maßgeblich gegen sogenannte Peer-to-Peer-Netzwerke gerichtet - Tauschbörsen wie Napster, Emule oder PirateBay, von denen man Filme und Musik herunterladen konnte. Diese Form der Raubkopieverbreitung ist jedoch durch den Video-Stream wie TVShack.net oder Ninjavideo.net verdrängt worden. Das Herunterladen einer Datei ist dabei nicht mehr möglich. Auf den nun gesperrten Internetseiten konnten Nutzer aktuelle Blockbuster wie „Robin Hood“ oder „Twilight – Eclipse“ bereits vor dem offiziellen Kinostart direkt anschauen, ohne lange Downloadzeiten. Alles, was dafür benötigt wird, ist kostenfreie Software. Portale, die nun gesperrt wurden, wurden mittlerweile täglich von Millionen Menschen weltweit genutzt.

Streit ums Urheberrecht

Dementsprechend verängstigt und entsetzt zeigt sich jetzt die Filehoster-Community. Der Blogger Daniel Walters befürchtet „die Rückkehr kalter, dunkler Vorzeit, als man TV-Inhalte noch bezahlen und auch wirklich auf einem Fernseher schauen musste.“ In einschlägigen Kreisen hatte wohl niemand geglaubt, dass auf die Drohgebärden der Regierung auch wirklich Konsequenzen folgen würden. Nun tobt wieder der Streit um das Urheberrecht, das viele in der einschlägigen Gemeinschaft für überholt halten. Der Staat schlage sich auf die Seite der Filmstudios, heißt es immer wieder, und beraube Millionen von Menschen der Möglichkeit, auf Medien und Inhalte zuzugreifen, die ihnen ansonsten gänzlich verschlossen blieben. Die Video-Stream-Portale seien potentielle Marketingplattformen für Fernsehsender. Die Studios und Produktionsfirmen seien nur zu kurzsichtig, diese Chance zu sehen.

Hollywood und Washington sind da natürlich anderer Meinung. „Die kriminelle Missachtung des Urheberrechts findet massiv über das Internet statt und kostet die amerikanische Wirtschaft Milliarden von Dollar“, stellte kürzlich der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara fest. Die Behörden argumentieren, dass es darum gehe, das Urheberrecht zu schützen, das in der Verfassung verankert ist und den Kunst- und Kulturschaffenden das Einkommen sichere.

Ob mit groß angelegten Aktionen wie dieser die Internet-Piraterie eingedämmt werden kann, ist unklar. Für jede aus dem Netz genommenen Anbieter von Video-Streams kamen bisher Dutzende neue nach. Großen Anbieter mit den entsprechenden finanziellen Mitteln weichen kurzerhand auf andere Domains aus und sind innerhalb weniger Stunden wieder online. Auch Ninjavideo.net und TVShack.net haben sich mittlerweile regeneriert und machen unter anderer Adresse weiter. Diesmal hat es allerdings einige Tage gedauert, bis sich die Internetpiraten neu formieren. In der Welt des Internets eine erstaunlich lange Zeitspanne.

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