Internet : Wenn Online-Werbung versagt

Der Werbedienst Adsense von Google stellt automatisch Anzeigen auf Hunderttausende Webseiten. Sie sollen zum Inhalt passen, doch wenn Banner von Rechtsextremen oder dubiosen Versandhäusern geschaltet werden, ist der Ärger groß - auch bei Tagesspiegel Online.

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"Kostenlos jeden Samstag per EMail Objektiv über die NPD informieren" - diese krude Anzeige mit Link zu einer Webseite der rechtsextremen Partei geistert seit vergangenem Oktober über zahlreiche Nachrichtenportale - und war kurze Zeit auch auf Tagesspiegel.de zu sehen. Seitdem fragen sich Leser, wie das System funktioniert und wie Verlage damit umgehen.

Wer Adsense in sein Online-Angebot integriert, überlässt es dem Suchmaschinenriesen, passende Anzeigen zu finden. "Google analysiert den Textinhalt nach Schlüsselwörtern, Textzusammenhängen und Seitenthematiken, die zu den gebuchten Keywords der Anzeigenkunden passen", erklärt Pressesprecherin Lena Wagner. Bei jedem Klick auf eine Anzeige verdient der Webseitenbetreiber einige Cent.

Suchmaschine trifft die Anzeigenauswahl

Leider wissen die Autoren nie, welche Wörter aus dem Text gezogen werden. Schreibt ein Redakteur über ein neues Auto, werden im Normalfall Gebrauchtwagenmärkte und Versicherungen verlinkt. Doch es wirkt taktlos, wenn die Anzeige am Rand einer Nachricht über einen Flugzeugabsturz für Urlaubsflüge in das Unglücksland wirbt.

Noch schwerer wiegen Fälle, in denen kritisch über eine Sache berichtet wird, die dann unverhohlen über Anzeigen beworben wird. So schrieb der Tagesspiegel über die Gefahren von Laserpointern, mit denen Jugendliche Flugzeuge an Berliner Flughäfen geblendet hatten. Prompt erschien die Anzeige eines Versands, der eben diese Geräte anbietet.

Ähnlich erging es dem Betreiber des NPD-kritischen Weblogs "NPD-Blog.info", wo offenbar ohne dessen Wissen via Adsense Anzeigen für einen rechten Bekleidungsversand geschaltet wurden. Die Werbetreibenden brauchen nur bestimmte Wörter als Schlüsselwort zu buchen, schon verteilen Hunderttausende Kunden ihre Botschaften in die Öffentlichkeit.

"Google ist eine neutrale Werbeplattform"

Kaufen kann die "Adwords" jeder, der sich mit den Nutzungsrichtlinien des Programms einverstanden erklärt. Diese verbieten beispielsweise Anzeigen gegen "geschützte Gruppen" und Werbung, die sich "gegen eine Organisation, Person oder Personengruppe" ausspricht. Doch wer annimmt, dies sei Grund genug, Anzeigen von Rechtsextremen aus dem Programm herauszuhalten, irrt. "Google ist eine neutrale Werbeplattform, die grundsätzlich jedem offen steht, der sich bei seiner Werbung an die Gesetze und unsere Werberichtlinien hält", sagt Sprecherin Wagner. Da die NPD nicht verboten sei, könne man die Partei nicht ausschließen. Ähnlich verhält es sich offenbar mit Versandhäusern, die am Rande der Legalität operieren.

Was lässt sich also tun, außer das System abzuschalten? Robert Stephan, Ad-Manager von Tagesspiegel Online, setzt auf eine lange Liste von gesperrten Adressen, die ständig erweitert wird. "Falls ein geblockter Anbieter erneut Anzeigen unter einer anderen Adresse bei Adsense bucht, stellt sich das Problem aber von Neuem", schränkt er ein. Seit einigen Wochen können auch Kategorien gesperrt werden, die Rubrik Parteien hat Stephan daraufhin vorerst abgeschaltet. Im Januar hat er noch keine Ausrutscher registriert. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Anmerkung: Bei Tagesspiegel Online erscheinen Google-Anzeigen zurzeit unter Artikeln in Rotation mit anderen Bannern.

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