Internet-Zensur : Web 0.0 in China

Was unter das Schlagwort Web2.0 fällt, ist seit heute in China nicht mehr erreichbar. Die drastische Zensurmaßnahme dürfte mit dem Jahrestag des Massakers auf dem "Platz des himmlischen Friedens" zusammenhängen.

Michael Metzger

Zu den zensierten Internet-Angeboten zählen offenbar Twitter, Flickr, Live.com, Hotmail.com, YouTube, Blogger, und sogar die brandneue Microsoft-Suchmaschine Bing. Das berichten übereinstimmend zahlreiche Branchen-Portale wie Meedia oder Blogs wie Techcrunch.com. Auch die Schnittstelle von Twitter, die unter anderem von TweetDeck, Twhirl und Seesmic Desktop genutzt wird, ist betroffen. Twitter hatte in China zuletzt während des verheerenden Erdbebens in Sichuan stark an Popularität gewonnen. Mit dem sogenannten Micro-Blogging-Dienst können über das Internet kurze Mitteilungen von maximal 140 Zeichen versendet werden.

Die Internet-Zensur hängt offenbar mit dem Jahrestag zum Massaker auf dem "Platz des himmlischen Friedens" zusammen. An diesem Mittwoch vor 20 Jahren hatte das chinesische Militär dort einen friedlichen Protest mit Panzereinsätzen blutig beendet. Von der internationalen Organisation "Reporter ohne Grenzen" wurde das Vorgehen scharf kritisiert.

"20 Jahre nach den Protesten ist es für chinesische Medien immer noch unmöglich, über die damaligen Ereignisse zu berichten: Jeglicher Bezug in den Medien und im Internet auf die mehrwöchigen Demonstrationen sowie auf die gewaltsame Niederschlagung der Protestbewegung durch die Armee wird unterdrückt", sagt ROG-Geschäftsführerin Elke Schäfter. „Die Propaganda-Abteilung und die politische Polizei haben ein extrem striktes Zensursystem geschaffen. Die Nachrichtenkontrolle ist so wirksam, dass viele junge Chinesinnen und Chinesen nichts oder kaum etwas über die Niederschlagung der Proteste wissen.“

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Schon in der Vergangenheit machte die chinesische Regierung häufig von der Internet-Zensur Gebrauch, zuletzt in großem Umfang bei den Olympischen Spielen. Die Webseiten von internationalen Menschenrechtsgruppen oder China-kritische Seiten waren selbst im Hauptpressezentrum gesperrt. Die Regierung selbst verteidigte damals die Zensurmaßnahmen mit der Begründung, die Spiele sollten nicht politisiert werden.

Auch Microsoft und Google selbst haben in den vergangenen Jahren auf Anfrage der chinesischen Behörden Suchmaschinen-Resultate zensiert oder Blogs stillgelegt, obwohl deren Server sich in den USA befinden. Und der Netzwerk-Spezialist Cisco belieferte nach Angaben von Reporter ohne Grenzen nicht China mit Routern, ohne die das gigantische chinesische Zensurprojekt "Golden Shield" gar nicht funktionieren würde.  Zehntausende menschliche Zensoren durckämmen zusätzlich das Internet, um händisch Beiträge zu löschen.

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