Internet : Zurück im Ring

Peter Turi setzte alles auf ein Netzprojekt – und scheiterte. Mit einem Branchendienst will er zurück nach oben.

Tim Klimeš

Bei Peter Turi war es ein bisschen wie bei Henry Maske. So sieht es Peter Turi. Das Gespräch mit dem Branchenblogger ist zwei Stunden alt, als der den Vergleich zum Profiboxer anstellt: Nach seinem letzten Kampf, seiner Niederlage gegen Virgil Hill, hätte Henry Maske nicht mehr in den Ring steigen müssen, erklärt der Medienjournalist – „aber er wollte es unbedingt“. Dieser Wille zurückzukommen, das treibt Turi an. Der ehemalige Chef des „Kress-Reports“ will wieder oben mitspielen. Dort wo er schon einmal war. Vor seinem Konkurs. Im Jahr 2000 war Peter Turi beim „Kress-Report“ ausgeschieden. Nach einem Streit mit seinem Geschäftspartner, sagen die einen; weil er etwas Neues machen wollte, sagt Turi. Jedenfalls machte Turi etwas Neues. Nach vier Jahren als Chefredakteur und Koverleger des Branchenblattes versuchte er sich an einem Internet-Startup. Eineinhalb Jahre und zwei versenkte Medienprojekte später war Peter Turi pleite und depressiv.

Heute arbeitet der Medienjournalist jeden Tag aus einem Walldorfer Keller heraus daran, wieder gehört zu werden. Mit wachsendem Erfolg. Sein täglicher Branchenreport „turi2“ erreicht nach eigenen Angaben rund 20 000 Menschen per Mail, rund 5000 User klicken täglich auf seine Seite. Auf „turi2.de“ listet der Journalist morgens und nachmittags neueste Mediennachrichten auf – aus nationalen und internationalen Publikationen. Drei Jahre hat es gedauert, bis sich Turi nach seiner Insolvenz wieder aufgerappelt hatte. Warum es damals zum Aus beim „Kress-Report“ kam? Peter Turi überlegt lange. Sehr lange. „Ich hatte hochfliegende Pläne“, sagt der 47-Jährige, „ich fühlte mich wie der Größte.“ Vom „Kress“-Verlag hatte er sich ausbezahlen lassen, wollte eine Suchmaschine im Internet etablieren. Im Internet fühlte sich Turi als Pionier. Er hatte den „Kress-Report“ fit fürs digitale Zeitalter gemacht, mit „täglichkress“ den ersten täglichen Branchendienst gestartet und dafür den „Deutschen Preis für Medienpublizistik“ erhalten. „Hätte ich meine Idee richtig aufgezogen, müssten Sie heute nicht mit jemandem reden, der aus einem Keller heraus einen Branchendienst macht. Sie könnten mit jemandem reden, der etwas in der Größenordnung von ‚Xing‘ aufgebaut hat.“

Das machten andere. Turi zog sich aus der Branche zurück, machte drei Jahre Pause und eine Psychotherapie. Mit dem Aufkommen des zweiten Internetbooms, dem Web 2.0, versuchte er sich erneut an einem Webprojekt: „turi2.de“. Die „Zwei“ steht für seinen zweiten Versuch, im Internet erfolgreich zu sein. Ein Versuch auch, „wieder zu leben, die Familie wieder ernähren zu können“, sagt Turi. Zehn Jahre nach dem Start von „täglichkress“, ging der Branchendienst am 1. April 2006 an den Start – und liefert mittlerweile tägliche Informationshappen aus der Medienbranche. Turis Konzept ähnelt dem „Altpapier“ der „Netzeitung“, der Kolumne, die seit November 2000 tägliche Mediennachrichten zusammenfasste und kommentierte – bis sie eingestampft wurde. Aus Kostengründen. Jetzt ist der Walldorfer allein auf weiter Flur. Ab fünf Uhr morgens durchforsten Turis acht Mitarbeiter alle relevanten Tageszeitungen und Branchendienste. Zwei Korrespondenten in Asien und Amerika liefern internationale News; ein Mitarbeiter schreibt alles zusammen. Eine Nachricht auf „zwei, maximal drei Zeilen“, sagt Turi. Das sei sein Erfolgsrezept, „schnell und effektiv informieren.“ Für diejenigen, die weiterlesen wollen, verlinken die Mitarbeiter die Quelle der Meldung unter ihrer Zusammenfassung.

Der Einstieg in das Web 2.0 war nicht einfach für Turi. Die Suche nach dem „Warum“ führt zu alten Kollegen wie seinem „Kress“-Geschäftspartner Thomas Wengenroth. Turi sei zu „Kress“-Zeiten vielen auf die Füße getreten, sagt der heute. In der Branche wird Turi immer wieder Schlampigkeit und Ungenauigkeit vorgeworfen. Ein früherer Auftraggeber des Medienjournalisten berichtet, wie der ihm einst erklärte, er stehe nicht für investigative Recherchen zur Verfügung – er sei nicht der Typ dafür. Stefan Niggemeier, Medienjournalist und ehemaliger „Kress“-Mitarbeiter, schrieb in Richtung Turi: „Würden wir bei ‚Bildblog‘ so arbeiten wie er, hätte uns Springer in Grund und Boden geklagt.“ Niggemeiers Kritik zielt meist auf falsche Tatsachenbehauptungen von Turi. Mehrmals soll der ihm Zitate in den Mund gelegt, einmal behauptet haben, Niggemeier habe auf einer Veranstaltung Gerüchte verbreitet, auf der Niggemeier, nach eigener Angabe, gar nicht war.

Als das Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“ im April 2007 die eigene Webseite mit Blogs bestückte, war Turi als Experte dabei, mit Medienblog. Die Zusammenarbeit wurde nach kurzer Zeit wieder beendet. Offiziell, weil Turi aufgrund seines privaten Blogs kaum Zeit für den der „Vanity Fair“ blieb. Der eigentliche Grund soll aber ungenaue Arbeit und eine juristische Auseinandersetzung mit dem Blogger „Don Alphonso“, alias Rainer Meyer, gewesen sein. Meyer sagt, Turi sei damals einer falschen Tatsachenbehauptung aus dem Internet über seine familiäre Situation aufgesessen – und diese „übergeigt“. Der Blogger habe Turis Firma sowie die Online-Tochter von „Condé Nast“ erfolgreich abgemahnt. Zwei Monate nach dem Start war der Medienblog der „Vanity Fair“ geschlossen.

Doch Turi wird noch immer gelesen. Dass viele Abonnenten zusammengefasste Nachrichten und nicht die Originalquellen lesen, erkennt er als große Verantwortung. Zeilen wie die nach dem Abgang von „Condé Nast“-Chef Bernd Runge sieht er mittlerweile kritisch: Runges „Baby ‚Vanity Fair‘, für den Verlag ein Millionen-Verlustbringer ohne Gesundungsperspektive, dürfte dem Tod geweiht sein“. Trotzdem: Das Team leiste sich den Luxus, eine Meinung mitzuliefern, sagt Turi. Das habe Günther Kress auch gemacht. Das habe funktioniert. Jetzt funktioniere es bei ihm. Und so wird der Erfolg von Turis Konzept kaum noch in Frage gestellt. Für Wengenroth setzt Turi „wieder Standards“. Und Niggemeier schrieb in der Dezember-Ausgabe des „Medium Magazins“ über die „außerordentliche Aufmerksamkeit“, die Turis Medienlese in der Branche genieße. „Angetrieben nicht durch große Investitionen, sondern die Leidenschaft und (den) Ehrgeiz seines Namensgebers. Über die Qualität seiner Zusammenfassungen lässt sich streiten.“ Den Satz ließ sich Niggemeier nicht nehmen.

Turis Branchendienst „für Medienmacher“listet mehrmals am Tag die neuesten Schlagzeilen aus der nationalen und internationalen Medienbranche auf. Nicht nur für Print-, Fernseh- und Radio-Interessierte ist das die erste Website am Tag – und nach der Einstellung des „Altpapiers“ der Netzeitung zum Ende des Jahres ziemlich alternativlos in der Medienrepublik. Peter Turi, 47, Journalist und Unternehmer, hat von 1996 bis 2000 für den Kress-Report gearbeitet und beschäftigt nun acht Mitarbeiter für die tägliche Branchen-Auslese.

Im Internet: turi-2.blog.de

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