Internetpanne : Wie groß ist die Abhängigkeit von Google?

Ein Mitarbeiter legte Google und damit das halbe Internet lahm. Es war nur eine knappe halbe Stunde, die aber gezeigt hat, wie groß die Abhängigkeit von der Suchmaschine schon ist.

Kurt Sagatz,Corinna Visser

Google ist mittlerweile in allen Lebens lagen präsent. Egal, ob es ums Kartenlesen, Termineverwalten, Einkaufen oder Urlaubbuchen geht. Für Marissa Mayer, Vizepräsidentin der Internetsuchmaschine Google, gibt es eine einfache Erklärung dafür, warum Google so viel Einfluss hat. „Die Nutzer suchen freiwillig bei Google. Sie können jederzeit eine andere Suchmaschine nutzen“, sagte sie anlässlich des Europäischen Datenschutz tages am vergangenen Mittwoch. Drei Tage später machte Google ein weiteres Mal Schlagzeilen, als die bekannteste Suchmaschine des Internets fast eine Stunde lang das komplette World Wide Web lahmlegte. Die Panne hat gezeigt, wie groß die Abhängigkeit von der mächtigen Suchmaschine seit ihrer Gründung im Jahr 1998 tatsächlich geworden ist.

Wie konnte es zu dieser Panne kommen?

Ein Mitarbeiter von Google hat an der falschen Stelle von Googles Warnliste für gefährliche Webseiten einen Schrägstrich gesetzt. Das genügte. Plötzlich galten alle Internetseiten als Hochrisikobereich. Bei jedem Treffer stand von 15.30 bis 16.25 Uhr die Warnung: „Diese Webseite kann Ihren Computer beschädigen.“ Die Informationen über gefährliche Seiten erhält Google unter anderem von der nichtkommerziellen Internetorganisation Stopbadware.org. „In einem permanenten Prozess wird unsere Liste aktualisiert. Aber um es klar zu sagen: Die Schuld für den falschen Eintrag lag bei Google“, sagte Unternehmenssprecher Stefan Keuchel dem Tagesspiegel. Jetzt wolle Google mit einem besseren Ver fahren zur Überprüfung der Liste eine Wiederholung des Vorfalls verhindern.

Worin zeigt sich Googles Einfluss?

Betroffen war nach den bisherigen Erkenntnissen in erster Linie die Google-Suche. Andere Bereiche wie die Werbung mit Google Adwords oder die Google- Produktsuche funktionierten laut Keuchel wie gewohnt. Die Dimension, die Google inzwischen erreicht, wird jedoch erst deutlich, wenn man alle Google- Dienste zusammennimmt. Dann würde ein Ausfall des Data Centers in Atlanta schon einen Großteil des Internets lahmlegen. Zumindest müssten sich viele Internetnutzer erheblich umstellen, wenn sie von einer Minute auf die andere ohne Google-Suche für Internet, News, Blogs, Bücher, Produkte ohne Google Mail, Google Calendar, Google Earth oder Google Maps sowie ohne iGoogle, Youtube, Blogger.com und den Bilderdienst Picasa auskommen müssten.

Hatte die Panne auch finanzielle Folgen?

„Ein Ausfall von Google macht sich mit Sicherheit bemerkbar“, sagte Michael Rotert, Vorstandsvorsitzender des Verbands der deutschen Internetwirtschaft Eco. Zahlen kann er jedoch nicht nennen. Und ein Ausfall von einer Stunde sei sicher auch kaum messbar. Dennoch: Google sei eine der Hauptquellen für weitergeleiteten Verkehr im Internet, und ein längerer Ausfall der Seite würde viele Geschäfte beeinflussen, sagte Alex Burmaster vom Marktforscher Nielsen online. Immer mehr Menschen kaufen im Internet ein: 2008 gab es in Deutschland mehr als 30 Millionen Online-Käufer, sie gaben rund 19,3 Milliarden Euro im Netz aus. Viele Internetbesucher nutzen Google als Navigationsseite auch dann, wenn sie gar nicht suchen. „Die Leute gehen zuerst zu Google und vertrauen der Suchmaschine“, sagte Burmaster. Sollte die Seite nicht funktionieren, verzichteten sie womöglich auf eine weitere Recherche. „Google ist ein wesentlicher Teil des Internetökosystems“, sagte Burmaster. Weltweit kommt die Google-Suche auf einen Marktanteil von rund 54 Prozent, in Deutschland liegt er bei fast 90 Prozent. Die beiden größten Konkurrenten Yahoo (22,7 Prozent weltweit) und Microsoft mit Live Search (8,9 Prozent global) kommen einer Erhebung von Webhits.de von Ende 2008 in Deutschland gerade einmal auf 3,3 beziehungsweise 2,2 Prozent.

Wie riskant ist diese Abhängigkeit?

Ein Vorteil ihrer Seite ist laut Google, dass man als Nutzer immer nur die Werbung zu sehen bekommt, mit der man etwas anfangen kann. Doch darin liegt zugleich auch die Gefahr. Denn Google unternimmt wirklich alles, um das Nutzungsverhalten der User genauestens zu er gründen. So werden die Suchanfragen neun Monate gespeichert, zusammen mit IP-Adresse und Browser-Typ des Nutzers. Und auch die Mails und Dokumente in den Google-Diensten werden nach relevanten Wörtern für personalisierte Werbung durchsucht. Für Kritik sorgt auch der Google-Street-View -Dienst mit seinen Aufnahmen von Gebäuden und davor parkenden Fahrzeugen. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, fordert für diesen Dienst enge gesetzliche Regeln und plädiert für eine Einwilligung durch die Betroffenen.

Die Sammelwut betrifft jedoch nicht nur die personalisierte Werbung. Über die Gesetze zur Terrorabwehr – unter anderem den Patriot Act in den USA – könnten auch staatliche Stellen auf Nutzerdaten zugreifen. Auf diese Hintertüren für die Geheimdienste geht Google-Sprecher Keuchel nicht direkt ein. Er räumt aber ein, dass sich Google in den jeweiligen Ländern innerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegt, „so wie jedes andere Unternehmen auch“. Aber: „Wir unternehmen alles, um die Herausgabe von Daten möglichst zu vermeiden.“ Als alle Suchmaschinen im Rahmen einer Aktion des US-Justizministeriums gegen Kinderpornografie die Daten zu Millionen von Suchanfragen herausgeben sollten, habe sich Google gerichtlich gewehrt – mit Erfolg.

Welche wirtschaftliche Macht hat Google?

Im Jahr 2008 stieg der Google-Umsatz um 31,3 Prozent auf 21,79 Milliarden Dollar (rund 17 Milliarden Euro). Der Gewinn legte nach einer Milliardenabschreibung lediglich um 0,5 Prozent zu. Das waren immer noch knapp 4,23 Milliarden Dollar. Ende des Jahres saß das Unternehmen auf einem Cash-Polster von knapp 16 Milliarden Dollar. Relevant für die Wirtschaftswelt ist Google aber auch deshalb, weil es den Markt für Online-Werbung beherrscht. Einerseits verlagern Unternehmen einen immer größeren Anteil ihres Werbebudgets ins Internet, andererseits sind Google-Werbeanzeigen auf der eigenen Internetseite auch eine Einnahmequelle für die Unternehmen.

Wie kann man die Abhängigkeit verringern?

Christian Hallerberg vom Hightech-Verband Bitkom sieht keine Abhängigkeit. Die Alternativen seien nur einen Klick weit entfernt. „Wenn die Nutzer nicht mehr zufrieden sind, dann geht die Abwanderung im Internet ganz schnell“, sagte er. Burmaster von Nielsen online ist skeptischer. Google dominiere die Internetsuche so stark, dass ein anderer Wettbewerber nicht nur viel besser sein müsse als Google, sondern auch massiv Geld investieren müsse, um die Menschen zu überzeugen. Dabei gibt es Alternativen. So kann beispielsweise über die Metasuchmaschine Metager.de der Leibniz-Universität Hannover gleich auf die Ergebnisse von mehr als einem Dutzend verschiedener Suchdienste zugegriffen werden.

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