Interview : "Sag’ mir, wo du dich bewegst“

Bei den Erkundungstouren ins Internet und die Social Communities kommen Kinder nicht ohne die Hilfe ihrer Eltern aus.

Ostermann
Sandra Ostermann arbeitet als Medienpädagogin an der Universität Hamburg. -Foto: Promo

Frau Ostermann, was ist eigentlich neu an diesem Thema. Dass es für Kinder und Jugendliche nicht ratsam ist, in Social Communities wie SchülerVZ oder bei wer-kennt-wen allzu offen über Lehrer oder Chefs zu schreiben, ist doch bekannt. Wozu braucht es da noch eine Initiative wie „Schau hin“?



Viele Jugendliche sind für die Gefahren des Internets in den letzten Jahren tatsächlich sensibilisiert worden. Das gilt allerdings nicht für die jüngeren Kinder und deren Eltern. Bei den Elf- oder Zwölfjährigen, die jetzt ihre ersten Erfahrungen in den sozialen Netzwerken machen, ist das Thema nämlich noch längst nicht angekommen. Dort ist Aufklärung ganz wichtig.

Zumal die Kinder immer früher den Zugang zum Internet finden.


Das stimmt. Zwar liegt das Einstiegsalter zum Beispiel bei SchülerVZ offiziell bei zwölf Jahren. Einige machen sich aber älter, um sich anmelden zu können. Daneben gibt es andere Netzwerke für jüngere Kinder. Und auch dort muss über die Gefahren aufgeklärt werden.

Welche Gefahren werden am ehesten unterschätzt?


Bei unserem Workshop in der vergangenen Woche in einer Hamburger Schule, wo wir eine sechste Klasse eines Gymnasiums besucht hatten, war erneut festzustellen, dass die Schüler nicht wissen, was mit ihren Daten passieren kann. Sie waren der festen Überzeugung, dass ihre Einträge nur für Freunde sichtbar wären. Dass Einträge ausgedruckt oder abgespeichert werden können und dass die Freunde wieder Freunde haben, denen die Einträge gezeigt werden, so weit wird nicht gedacht. Auch dass sich jemand mit einer falschen Identität einloggt, der vielleicht ein Erwachsener ist, ist ihnen nicht bewusst. Den Kindern fehlt das Gespür, wer alles ihre Daten im Internet sehen kann.

Und vielleicht auch dafür, welche Kommunikationsformen gefährlich oder weniger gefährlich sind. An viele Dinge wie Instant Messenger oder soziale Netzwerke hat man sich gewöhnt. Worauf sollten sich Kinder auf gar keinen Fall einlassen?

Zu den Seiten, die absolut nicht für Kinder gemacht sind, gehören insbesondere die Massen-Chats der großen Anbieter, die sich vor allem an Erwachsene richten.

Gibt es so etwas wie Gütesiegel für Kinderseiten, bei denen man keine Bedenken haben muss?

Eine tolle Adresse ist Seitenstark.de. Dort werden nur geprüfte Kinderseiten aufgenommen. Ein weiteres Gütesiegel ist der Erfurter Netcode (www.erfurter-netcode.de). Dieses Siegel erhalten ebenfalls nur Seiten, die für Kinder geeignet sind. Eine weitere gute Adresse für Kinder, die etwas im Internet suchen, ist Frag Finn (www.fragfinn.de).

Kann man sich dort auch über soziale Netzwerke informieren?


Dafür würde ich in jedem Fall die Aufklärungsmaterialien von „Schau hin“ (www.schau-hin.info) empfehlen.

Wie können Eltern ihren Kindern helfen, sich im Internet zu schützen, wo sich doch der Nachwuchs häufig besser im Netz auskennt und sich nicht von Erwachsenen über die Schulter schauen lassen möchte?

Den Eltern muss man vermitteln, dass die Kinder gerade in einem Abnabelungsprozess stecken. Diese Freiräume muss man ihnen lassen. Dennoch sollten sich die Eltern dafür interessieren, auf welchen Internetseiten ihre Kinder unterwegs sind. Man muss sicher einerseits Vertrauen haben. Es ist aber auch wichtig zu sagen: ,Sag’ mir, wo du dich bewegst‘. Damit das Kind, wenn es unsicher ist und von einem Erwachsenen angesprochen wird, auch ohne schlechtes Gewissen zu den Eltern kommen kann.

Bei welchen Signalen sollten Eltern in jedem Fall aufhorchen?

Wenn mein Kind überhaupt nichts über seine Internetaktivitäten erzählen möchte, sich also total abschottet, sollte man ganz genau hinschauen. Aber auch, wenn das Kind überhaupt nichts mehr mit seinen Freunden unternimmt oder in der Schule schlechter wird.

Das Interview führte Kurt Sagatz.


0 Kommentare

Neuester Kommentar