Interview : "Verbote eröffnen erst den Schwarzmarkt"

Im Koalitionsvertrag steht: "Killerspiele" sollen verboten werden. Doch was ist damit gemeint? Tagesspiegel Online hat Jörg Tauss, den SPD-Medienexperten gefragt.

Achim Fehrenbach

Was muss man sich unter dem Begriff "Killerspiele" vorstellen?



Ich bin gespannt, wie die Abgrenzung zu anderen Computerspielen aussehen wird. Was ist denn nun eigentlich ein "Killerspiel"? Ist das jedes Ballerspiel? Als Kind habe ich Räuber und Gendarm gespielt, das war auch ein "Killerspiel", weil immer einer tot umfiel. Die Abgrenzung ist verdammt schwierig. Der Passus wurde auf Betreiben von Frau Böhmer (stellv. Fraktionsvorsitzende der Union, Anmerk. der Red.) in den Koalitionsvertrag hineingeschrieben. Gleichzeitig wurde aber auch eine Verbesserung der Alterskennzeichnung vereinbart. Das halte ich für sinnvoller. Ähnlich wie bei Filmen würde es eine Abstufung für 12, 14, 16 oder 18 Jahre geben.

Wie wahrscheinlich ist ein generelles Verbot von "Killerspielen"?

Für ein generelles Verbot sehe ich erhebliche verfasssungsrechtliche Probleme. Da müsste man einem Erwachsenen ein Spiel verbieten, weil man Jugendliche schützen will. Ich halte die Verbotsinitiative für eine ziemlich gut gemeinte Veranstaltung, die aber in der Praxis sehr schwer realisierbar ist.

Frau Böhmer ist der Meinung, dass durch Spiele wie Doom oder Counter-Strike "Gewalt eingeübt und imitiert" werde. Außer Kampf würden keine anderen Konfliktlösungen aufgezeigt. Sind Sie da anderer Meinung?

Tatsache ist, dass es höchst unerfreuliche Computerspiele gibt. Für die haben wir aber schon das Mittel der Indizierung. Die Verbotsdiskussion ist nicht neu, wir hatten sie bereits nach dem Schulmassaker von Erfurt. Damals ging es um "Counter-Strike", das der Amokläufer Robert Steinhäuser gespielt haben soll. Wenn man bei "Counter-Strike" genauer hinschaut, kann man es schon als "Killerspiel" bezeichnen. Wobei die Leute, die das spielen, eine ganz interessante Szene sind. Denen würde ich nun wirklich nicht zutrauen, dass sie marodierend durch die Straßen ziehen.

Sie werden zitiert, sie hätten Counter-Strike selbst gerne gespielt, wenn auch nicht mit großem Erfolg.

Als ich das damals gesagt habe, waren viele Leute sehr verwundert, auch mein Kanzler. Aber ich bin ja nicht mordend durch die Gegend gelaufen. Wie gesagt, es gibt absolute Abscheulichkeiten, die nicht auf den Markt gehören. Aber ich habe immer ein Problem mit Computerspiel-Verboten, weil ich mir im Videofilm-Bereich noch ganz andere Verbote vorstellen könnte. Aber da zeigte es sich bereits: Solche Verbote sind nicht durchsetzbar.

Die Alternative?

Ich bin dafür, modernen Jugendschutz zu praktizieren, wozu dann auch gehört, vernünftige Computerspiele mit auf den Weg zu bringen. Deutschland ist ein Land, das Computerspiele überhaupt nicht fördert, wir beschreiben nur ständig die Gefahren. Dabei sind Computerspiele ein Weltmarkt, der vom Umsatz her fast schon an die Filmindustrie heranreicht. Aber anstatt zu fragen: "Wie können wir uns beteiligen? Was ist wünsch- und machbar?", diskutieren wir über Verbote.

Würden Verbote überhaupt Wirkung zeigen?

In meiner Jugendzeit gab es in meiner Heimatstadt vor der katholischen Kirche einen Schaukasten. Dort hinein hängte der Pfarrer eine Liste von Filmen, die die gläubige Gemeinde nicht anschauen sollte. Das war für uns Jungs natürlich eine Empfehlung, genau diese Filme anzuschauen. Ich fürchte, dass durch Verbote erst ein Schwarzmarkt für solche Computerspiele eröffnet wird. Umgekehrt sollten wir fragen: Wie kommen wir in Deutschland zu sinnvollen Spielen, möglicherweise auch mit einer ökonomischen Komponente? Verbote sind der bequemere Weg, aber sie sind auch der fundamentalistische Weg von einigen Jugendschützern, die meinen, auf diese Weise bestimmte Probleme bewältigen zu können.

Nun sind nicht nur Frau Böhmer oder Herr Beckstein für ein solches Verbot, sondern zum Beispiel auch Ihre Parteigenossin Herta Däubler-Gmelin.

Sicher, da könnte ich noch einige nennen. Wenn ich aber mal mit denen ins Detail gehe und zu diskutieren versuche, wird es schwierig. Früher wurde ich beschuldigt, im Internet einen rechtsfreien Raum schaffen zu wollen. Das ist Quatsch: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Wenn gefordert wird, eine 23-Uhr-Grenze für jugendgefährdendes Material einzuführen, kann ich nur antworten: Irgendwo auf der Welt ist immer 23 Uhr. Das ist zwar gut gemeint, man verwendet aber die falschen Instrumente.
In den USA besteht zu diesem Thema eine völlig andere Einstellung. Und wenn mir einer erzählt, wir schaffen es, den Markt hier abzuschotten durch ein Verbot im nationalen Bereich, würde ich das symbolische Politik ohne Wert nennen.

Wie könnte eine solche Computerspiel-Förderung in Deutschland aussehen?

Die Filmproduktion wird ja bereits gefördert. Ich könnte mir Entsprechendes auch für Computerspiele vorstellen. Dass wir sagen: Wir möchten Computerspiele zu einem deutschen Exportartikel machen. Bislang nehmen wir überhaupt nicht an diesem milliardenschweren weltweiten Markt teil. In Deutschland könnten tausende von Arbeitsplätzen entstehen. Das wird ignoriert, und es wird ständig nur in negativem Zusammenhang diskutiert.

Aber in der öffentlichen Diskussion haben Sie gegen Schlagworte wie "Killerspiel" (Beckstein) kaum eine Chance ...

Das war ja schon nach dem schrecklichen Schulmassaker in Erfurt so. Dort wurden sofort simple Zusammenhänge konstruiert. Dass der Attentäter Robert Steinhäuser damals Ballerspiele gespielt hat, hat sicher nicht zu einer besonderen Persönlichkeitsbildung beigetragen. Aber dass er Amok gelaufen ist, lag wahrscheinlich viel mehr daran, dass wir in diesem Bundesland ein verheerendes Schulgesetz hatten, das ihm jede Chance auf einen Gymnasialabschluss genommen hat. Ich habe etwas gegen vereinfachende Erklärungsmuster.

Haben denn kreative Computerspiele gegen die Faszination der "Killerspiele" überhaupt eine Chance?

Die haben sie. Zum Beispiel das russische "Stalker", das auf dem Gelände des ehemaligen Atomreaktors Tschernobyl spielt und auf dessen Veröffentlichung die Fans schon sehnsüchtig warten.

Aber das ist auch ein Spiel mit Zombies und Blut ...

Das stimmt, aber ich bin gespannt, wie dieses Spiel beurteilt werden wird. Auch hier wird die Abgrenzung sehr schwierig sein.

Jörg Tauss, MdB, ist Sprecher für Bildung, Forschung und Medien der SPD-Bundestagsfraktion.

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