Kampf der Giganten : Prinzip Plaudertäschchen

Relevant ist nur das, was Freunde empfehlen: Wie Google mit seinem neuen Dienst Buzz den Konkurrenten Facebook attackiert

Tim Klimeš

Wenn in einem guten halben Jahr der Film „The Social Network“ über das Leben von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in die Kinos kommt, kann es gut sein, dass eines der wichtigsten Kapitel seiner Karriere darin fehlt. Das Kapitel, in dem Zuckerberg die Rangordnung des Internets durcheinanderwirbelt – und Google um seine Vormachtstellung im Web bringt.

Es ist eine Vision, die Zuckerberg schon Jahre mit sich herumträgt. Geht es nach ihm, soll Facebook nicht nur ein soziales Netzwerk sein, sondern der Ausgangspunkt für alle Aktivitäten im Netz. Eine Plattform, von der aus man kommuniziert, sich informiert, sich unterhalten lässt. Facebook soll der Dreh- und Angelpunkt des Webs werden – ein Login für alles. Die Vision von Zuckerberg grenzt an Größenwahn. Und Suchmaschinenriese Google nimmt sie ernst. Sehr ernst.

Es soll kein kampfloser Sieg werden, und deshalb lud Google ausgewählte Pressevertreter in seinen Hauptsitz im kalifornischen Mountain View und stellte seine neueste Entwicklung vor: Google Buzz, eine Erweiterung des Mail-Dienstes Gmail – die zugleich der Erweiterung zu einem sozialen Netzwerk entspricht. Durch Google Buzz lassen sich Bilder, Videos und Statusmeldungen in Echtzeit an sämtliche Freunde verschicken; User können Einträge bewerten, verschicken und kommentieren. Buzz ist Facebook für Google. Buzz soll Mark Zuckerbergs Vision zerstören.

Im offiziellen Firmenblog von Google verkündet der Entwickler von Google Buzz, Todd Jackson: „Die große Herausforderung der heutigen Zeit ist es, die soziale Information im Netz zu ordnen.“ Es gehe darum, „Relevanz im Lärm des Netzes zu finden“. Es ist die logische Weiterentwicklung der Google-Idee – und ein Paradigmenwechsel. Vor zwölf Jahren wurde die Suchmaschine durch ihre mathematischen Algorithmen groß, mit denen Links nach unterschiedlicher analytischer Relevanz ausgewertet werden. Buzz funktioniert ohne Mathematik. Hier ist das relevant, was die eigenen Freunde empfehlen. Es ist das Follower-Prinzip. Das Facebook-Prinzip.

„Zuckerberg träumt von einem personalisierten, menschlichen Netz“, schrieb Journalist Fred Vogelstein neulich im „Wired Magazine“. „Ein Netz, in dem unser Netzwerk aus Freunden, Kollegen und Familie unsere bevorzugte Quelle für Informationen ist.“ So, wie im echten Leben.

„Facebook könnte der weltweit größte Nachrichtensammler werden“, hieß es Anfang Februar auf dem US-Techblog „ReadWriteWeb“. Es klang wieder nach einer großspurigen, größenwahnsinnigen Vision. Doch diesmal gab es Zahlen: Der US-Marktforscher Hitwise veröffentlichte die Top-Fünf der Seiten, durch die die meisten User auf Nachrichtenportalen landen. Facebook lag an vierter Stelle, zwar hinter Google, Yahoo und MSN – aber vor Google News, der automatisch generierten Übersichtsseite zu relevanten Nachrichten im Netz. Es war ein Sieg im Kampf Mensch gegen Maschine. Mehr als doppelt so viele Links auf die gängigen Nachrichtenseiten kamen von Facebook, zusammengestellt von seinen Usern.

In einem privaten Blogeintrag schrieb der Silicon-Valley-Entwickler Paul Buchheit im April 2008, er rechne fest damit, dass von Nutzern weitergegebene Links in Zukunft wertvoller sein werden, als Links, die lediglich durch einen Algorithmus errechnet wurden. Ein Jahr zuvor hatte sich der ehemalige Google-Entwickler mit drei weiteren Kollegen selbstständig gemacht. Die vier Top-Programmierer aus Silicon Valley setzten eine Website auf, die die Inhalte aller sozialen Netzwerke in einem Feed unterbrachte und die sich eigenständig aktualisierte. „Friendfeed“ beendete das händische Zusammensuchen aller Online-Kommunikation. Nach einer Weile orientierte sich Facebook an der Seite, entwickelte seinen News-Feed, die Leiste mit den Aktivitäten aller Freunde, nach diesem Prinzip.

Im August 2009 kaufte Mark Zuckerberg „Friendfeed“ auf. Seitdem hat er sowohl die beste Technik als auch die besten Mitarbeiter für seine Vision von einem menschlichen Web – und er hat sie vom Konkurrenten Google.

Der Suchmaschinenriese will jetzt unbedingt nachziehen. Doch die Einführung von Googles sozialem Netzwerk Buzz am vergangenen Dienstag ist schlecht gelaufen. Seit der Vorstellung riss die Kritik daran nicht ab. Datenschützer monierten die Durchlässigkeit des Programms, Nutzer kritisierten die bevormundenden Funktionen. Buzz-Entwickler Jackson entschuldigte sich noch am Wochenende im Firmenblog. Ob der schlechte Start noch wettzumachen ist, bleibt abzuwarten.

Bei Facebook wird indes, kann man den Gerüchten aus Silicon Valley glauben, bereits am nächsten Frontalangriff gegen Google gearbeitet. Unter dem Projektnamen „Titan“ soll ein Mail-Programm entwickelt werden. Die Vermutung liegt nahe, dass auch „Friendfeed“-Einkauf Paul Buchheit daran mitarbeitet. Er war derjenige, der Gmail für Google entwickelte.

Aus Anlass der Eröffnung des ersten Facebook-Büros in Deutschland in Hamburg skizzierte Sheryl Sandberg, die verantwortliche Managerin für das Tagesgeschäft, das Ziel des Unternehmens: Die bisherigen 400 Millionen Nutzer weltweit seien zwar nett, sagte Sandberg, aber noch lange nicht genug. „Wir wollen die gesamte Welt vernetzen“, so das ehrgeizige Ziel der Managerin. Die 38-Jährige hat bereits bewiesen, dass sie weiß, wie man im Netz erfolgreich ist. Bis Anfang 2008 leitete Sandberg die Anzeigenabteilung eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt: Google.

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