Killerspieldebatte : Counterstrike - die Innenminister schlagen zurück

Die Innenministerkonferenz möchte gewalttätige Spiele verboten sehen. Experten halten das für Unsinn, Jugendliche für eine Kriminalisierung ihrer Kultur.

Kai Biermann
Counterstrike
Counterstrike bleibt umstritten. -Foto: dpa

BerlinDie Intel Friday Night Games (IFNG) sind – was auch immer man von ihnen halten mag – eine Sportveranstaltung. Mit allem, was dazu gehört: Profispieler, Fans, Finalkämpfe, Sponsoren, Preisgeld. Der Sport allerdings, der dabei betrieben wird, ist vielen Politikern in Deutschland suspekt, geht es doch nicht um Fußball, sondern um Computerspiele. Und wenn Politikern etwas seltsam und bedrohlich erscheint, gibt es schnell Probleme.

Welche, das ist derzeit im Kleinen und im Großen gut zu beobachten. Zuerst einmal zum Kleinen: Durch neun große Städte zieht jedes Jahr die Electronic Sports League mit ihrer Showtour IFNG. Die besten Spieler und Teams dieser elektronischen Bundesliga treten dabei gegeneinander in Turnieren an. Der Sieger bekommt zum Schluss immerhin 130.000 Euro. Gekämpft wird in den Disziplinen Action, Simulation und Strategie, gespielt werden Counterstrike, Warcraft III, Fifa 09 und Call of Duty 4.

Zumindest zwei davon sind Kriegs- oder - wenn es sein muss - auch "Killerspiele", geht es doch darum, das gegnerische Team mit Hilfe von Schusswaffen auszuschalten, also zu töten. Auch bei Warcraft III, einem Strategiespiel, dreht sich alles um Kampf und Krieg, allerdings nicht in seiner fotorealistischen Variante. Allen gemeinsam ist, dass sie im Team gewonnen werden, Mannschaft gegen Mannschaft. Wie, sagen wir, ein Fußballspiel.

Man könnte nun den Teamgedanken betonen und anerkennen, dass der eSport ein Weg ist, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sowieso sitzen, vor dem Computer, und ihnen in sportlichem Ambiente ein paar Werte wie Fairness zu vermitteln. Man kann sich aber auch darauf beschränken, die gespielten Spiele abzulehnen.

Letzteres ist die Meinung, der sich vor allem die Union verschrieben hat. Und das längst nicht nur in der CDU-Fraktion im Karlsruher Gemeinderat. Die hatte sogar den eigenen Oberbürgermeister unter Druck gesetzt, um das Games-Turnier aus der Stadt zu verjagen. Heinz Fenrich hatte die Veranstaltung ursprünglich genehmigt, war dafür aber kritisiert worden. Letztlich waren es die Gamer, die genug hatten von der "unsäglichen Diskussionen im Gemeinderat" und die Show absagten.

Das Gerangel darum allerdings bescherte der Stadt nun den Aufstand der Jugend. Am heutigen Freitag – dem ursprünglichen Termin der Show – wird in der Stadt gegen die Absage demonstriert. Ein Bündnis aus Gamern und Politikern hatte dazu aufgerufen. Darunter der SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss, der selbst gerade mit der Staatsgewalt in Konflikt kam.

Es ist ein Rückzugsgefecht. Die Liga war schon in zwei anderen Städten unerwünscht und könnte es bald gar im ganzen Land sein. Just am Tag der Demo vereinbarten die Innenminister der Länder auf ihrer jährlichen Frühjahrskonferenz (IMK), gewalttätige Spiele sollten so schnell wie möglich verboten werden.

In dem Abschlussprotokoll heißt es, die Innenminister sähen es als erforderlich an: "für Spiele, bei denen ein wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung die virtuelle Ausübung von wirklichkeitsnah dargestellten Tötungshandlungen oder anderen grausamen oder sonst unmenschlichen Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen ist (Killerspiele), ein ausdrückliches Herstellungs- und Verbreitungsverbot so schnell wie möglich umzusetzen".

Das bedeutet nichts, die Innenminister der Länder haben weder fachlich noch formal die Kompetenz, Gesetze einzubringen oder Verbote auszusprechen. Schon gar nicht, wenn sie für das Thema nicht zuständig sind. Es sei nur eine "Positionsbestimmung", heißt es aus einem Landesinnenministerium, ein Appell an die Fachministerien, mehr nicht. Und Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf (FDP) lässt sich zitieren mit dem Satz: "Keiner weiß, wie es nachher durchgesetzt werden kann."

Im Zweifel gar nicht. Schon 2007 hatte die IMK ein solches Verbot gefordert, damals noch mit der Formulierung "virtuelle Killerspiele". Es war rasch in der Versenkung verschwunden, da der Bundestag keine Notwendigkeit zum Handeln sah und Experten immer wieder formulieren, die Verbotsdebatte verstelle nur den Blick auf die eigentlichen Probleme jugendlicher Gewalt. Außerdem gibt es in Deutschland eine funktionierende Selbstkontrolle bei Spielen, und besonders grausame Varianten sind verboten und können indiziert werden. Ein Verbots-Gesetzentwurf, den Bayern im Bundesrat eingebracht hatte, versank in den Schubladen.

Doch das Gehampel der Karlsruher CDU-Fraktion und die IMK-Forderung zeigen, wie hilflos der Umgang der Politik mit der Jugend ist. Immerhin war bei der IFNG-Show nicht nur ein Computerturnier geplant, sondern auch das dabei inzwischen übliche Eltern-LAN. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung können Eltern dort "jugendliche Medienwelten" kennen lernen – selbst spielen also.

Ein interessanter Ansatz. Vor allem im Angesicht einer zweiten Forderung der Innenminister. Sie sehen es vor dem Hintergrund des Amoklaufes von Winnenden als erforderlich an, "die Medienkompetenz bei erziehungsbeteiligten Personen sowie Kindern und Jugendlichen weiter zu stärken". Mit Verboten dürfte das schwierig werden.

SPD-Politiker Tauss formulierte sein Urteil zu dem Beschluss daher recht direkt: "Das ist ein Höchstmaß an Inkompetenz und Bevormundung. Das ist lächerlich."

ZEIT ONLINE

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