Kinderpornografie : Internet-Sperren: "Bookmarkliste für Pädophile"

Die vom Bundeskabinett beschlossenen Internet-Sperren gegen Kinderpornografie schaden mehr als sie nützen, meint der Internet-Sicherheitsexperte Christoph Fischer. Seine größte Furcht: Die Sperrlisten des BKA könnten als Bookmark-Listen durchs Netz geistern.

Kurt Sagatz

„Wilder Aktionismus, der mehr schadet als er nützt“, so bezeichnet der Karlsruher Internet-Sicherheitsexperte Christoph Fischer den Kabinettsbeschluss zur Sperrung von Kinderpornografie-Seiten auf ausländischen Servern. Zuvor hatte das Bundeskabinett am Mittwoch die Eckpunkte zur Sperrung von kinderpornografischen Internet-Seiten beschlossen. Nach Angaben von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) unterstützen 75 Prozent der Internet-Provider – darunter nun auch die Telekom -  die Regelung und wollen Verträge über die Sperrung der Seiten abschließen.

Nach derzeitigem Stand erhalten die deutschen Internetprovider vom Bundeskriminalamt stetig aktualisierte Listen mit Adressen, die gesperrt werden sollen. Die Aktualisierung dieser „völlig unsinnigen Sperrlisten“ werde dadurch erschwert, dass die Seiten innerhalb weniger Tage zu anderen Domains wanderten und das Bundeskriminalamt bereits jetzt bei der Verfolgung von Internet-Straftaten personell völlig überfordert sei. Zudem habe sich die deutsche Justiz bereits in der Vergangenheit schwer damit getan, ausländische Internetangebote zu sperren – Fischer erinnerte an eine Bombenbauanleitung auf einem holländischen Server, der mit rotierenden Adressen gearbeitet hatte. „Solche Systeme gibt es weiterhin, nur dass sie erheblich besser geworden sind“, sagte Fischer dem Tagesspiegel.

Aber auch das Vorschalten einer „Stop“-Seite beim Aufruf einer als kinderpornografisch bewerteten Adresse lässt sich unterlaufen. Wird die Seite nicht direkt, sondern über einen Anonymisierungsdienst aufgerufen, der zudem noch im Ausland sitzt, bleibt die Sperre ebenfalls wirkungslos. „Mit diesen Listen wird kein Kind vor Missbrauch geschützt und kein Täter der Justiz zugeführt. Und die Nutzer mieten sich für wenige Euro einen VPN-Tunnel ins Ausland“, befürchtet Fischer. Die größte Gefahr sei aber, dass die Liste des Bundeskriminalamtes in Umlauf gelange und in der Szene wie eine Bookmark-Listen mit den besten Favoritenseiten getauscht werde. Wirkungsvoller als die technischen Sperren sei es, bei den Zahlungsabwicklungen anzusetzen. Wenn die Bezahlung nicht mehr funktioniert, brechen die Seiten schnell zusammen, glaubt Sicherheitsexperte Fischer. Kurt Sagatz

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