Lese-Kultur : Von Phantásien nach Digitalien

Das Internet fordert seinen Tribut: Das Überfliegen von Texten hat bei jungen Menschen Konjunktur. Wie sich das Lesen durch moderne Technik verändert.

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Lesen im Jahr 2010.
Lesen im Jahr 2010.Foto: Your_Photo_Today

Liam ist fast 13. Aber weil er so groß ist, halten ihn alle für älter. Er ist mit einer Rakete namens „Unbegrenzte Möglichkeit“ in den Weltraum geschossen worden. Zum Glück hat Liam im All ein Handy dabei, es hat eine Audio-Tagebuch-Funktion. Wenn er sein Tagebuch aufs Handy spricht, fühlt er sich weniger einsam.

So beginnt Frank Cottrell Boyces Buch „Galaktisch“. Ich habe es meinem Sohn im vorletzten Urlaub vorgelesen. Ich fand es am Anfang lustig und am Ende berührend, und mein Sohn hat, glaube ich, auch ganz interessiert zugehört.

Im letzten Urlaub haben wir, aufgeklärte, bildungsbeflissene, medienbewusste und besorgte Eltern, die wir nun einmal sind, unseren Sohn wieder einmal verpflichtet, sich in einer Buchhandlung ein Buch auszusuchen. Er ist inzwischen neun. Er kennt die Erwartungshaltung seiner Eltern, die es gern sähen, wenn er ebenso viel lesen würde wie seine ältere Schwester, die suchtartig Bände mit Titeln wie „Bis(s) zum Morgengrauen“ konsumiert. Aber als wir im Urlaub in einer Touristeninformation an einem Computer vorbeikamen, fragte er nur: „Kann ich meine E-Mails checken?“

Unsere Kinder sind in der digitalen Welt geboren, anders als wir Erwachsenen, die in einem anderen Universum aufwuchsen. In den Siebzigerjahren wurde noch sorgsam unterschieden zwischen „Schund“ und „gutem Buch“. Zu letzterer Kategorie gehörte – und gehört immer noch – fraglos Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“. In der Schule wurde damals der Rat gegeben, dass es besser sei, lieber ein paar wenige „gute Bücher“ gründlich zu lesen, als die Lesefähigkeit über die „Bravo“ zu verbessern. An iPhones und Online-Spiele mit Chatfunktion war ohnehin noch nicht zu denken.

Inzwischen stehen wir alle – Alt und Jung – dank der digitalen Revolution ständig mit der Außenwelt in Verbindung. Damit könnte aber eines gefährdet sein: unsere Fähigkeit, abzutauchen, einzutauchen in das Reich der Bücher. Lesen, zumindest das „tiefe Lesen“, wie die Experten es nennen, bedeutet: den Kontakt mit der Umwelt vorübergehend kappen, sich auf fremde Innenwelten einlassen, neue Gedanken entwickeln. „Lesen heißt durch fremde Hand träumen“, wusste der portugiesische Dichter Fernando Pessoa.

Muss man sich also Sorgen machen um die Lesefähigkeit der Kinder aus der digitalen Welt? Die Fertigkeit, längere Texte zu lesen und zu verstehen, wird uns schließlich nicht in die Wiege gelegt. Es ist eine Kulturtechnik, die jedes Mal erneut mühsam von Generation zu Generation weitergegeben werden muss. Die amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf hat in den letzten Jahren eine merkwürdige Entdeckung bei sich und ihren Kindern gemacht: Sie selbst, sagt die Autorin des Buchs „Das lesende Gehirn“, habe noch ein „klassisches Gehirn“, während ihre Kinder bereits über „digitale Gehirne“ verfügten, die geprägt sind von unserem Online-Dasein. „Digitale Hirne“ lesen anders als „klassische Hirne“, wenn man der These Wolfs folgt: Das „digitale Gehirn“ ist darauf gedrillt, möglichst viele Informationen aufzunehmen. Das „klassische Gehirn“ befähigt den Leser hingegen dazu, während des Lesens über den Text nachzudenken. Diese Fähigkeit des „tiefen Lesens“ könnte in der digitalen Welt verloren gehen, befürchtet die Direktorin des Zentrums für Lese- und Sprachforschung an der Tufts University in Boston.

„Digitale Gehirne“ – das hört sich zunächst einmal alarmistisch an. Aber die Bildungsforscherin Wolf hat nun einmal ihre eigenen Kinder vor Augen, und denen schaut sie bei der Informationsaufnahme und -verarbeitung mit einer Mischung aus Faszination und Besorgnis zu. Wer das „tiefe Lesen“ beherrscht, dem gelingt es beispielsweise, beim Lesen selbst zur Effi Briest zu werden. Ihre Kinder, sagt Maryanne Wolf, seien zwar immer noch in der Lage, die Arbeit des „tiefen Lesens“ zu leisten. Aber statt das Gelesene zu reflektieren, seien sie viel eher damit beschäftigt, permanent neue Informationen aufzunehmen – und diese Möglichkeit bietet im Zweifel der nächste Link im Internet.

Wie gut hatte es da noch Bastian Balthasar Bux! Der kleine, dicke Junge „von vielleicht zehn oder elf Jahren“, der sich mit dem Buch „Die unendliche Geschichte“ auf dem Dachboden seiner Schule verschanzt hat, beginnt sein Leseabenteuer in Michael Endes Jugendbuch-Klassiker so: „Strumpfsockig ließ er sich im Türkensitz auf den Turnmatten nieder und zog sich wie ein Indianer die grauen Decken über die Schultern.“ Anschließend vertieft er sich so sehr in die Geschichte über das Jenseitsreich Phantásien, dass er selber nach Phantásien gerät. Das Buch hat der Junge zuvor dem Antiquar Karl Konrad Koreander entwendet – eine Tat, die nur derjenige nicht verstehen kann, der „niemals ganze Nachmittage lang mit glühenden Ohren und verstrubbeltem Haar über einem Buch saß und las und las und die Welt um sich her vergaß, nicht mehr merkte, dass er hungrig wurde oder fror“.

Kein Zweifel: Bastian Balthasar Bux ist leidenschaftlicher Leser. Und ähnlich wie Bastian Balthasar Bux entwickelt jeder seine Haltung zum Lesen. Es gibt Viel-Leser, Nicht-Leser und Gelegenheitsleser. Man muss nur in ein Buchkaufhaus an der Tauentzienstraße gehen, um eine Zufalls-Stichprobe zum Leseverhalten zu machen. Vor dem Regal mit den Jugendbüchern für Zehn- bis Zwölfjährige steht dort ein Junge, kerzengerade. Ein aufgeklapptes Buch ruht in seinen Händen, er hält es in einiger Distanz von sich weg, als läge es auf einer Kanzel. Es ist die Fantasy-Erzählung „Die Legende von Aang“ („Das Buch zum Film“) und beginnt damit, dass sich die Feuernation die Herrschaft über die anderen Nationen unter den Nagel gerissen hat. Ein paar Meter weiter hat sich ein älteres Mädchen in den Roman „Mein neues Leben und ich“ vertieft. Lange liest sie, beugt sich über das Buch, das vom Erwachsenwerden einer 16-Jährigen handelt. Und etwas abseits sitzt ein Rentner und studiert konzentriert die „Geschichte Kleinasiens in der Antike“. Er wird das Buch wohl kaufen, sagt er.

In Deutschland werden immer noch fleißig Bücher gelesen. Daran hat auch das Internet nichts geändert. Der Buchmarkt hat sich hierzulande – trotz der Wirtschaftskrise – gut behauptet, auch wenn die Zahl der verkauften Bücher nicht zwangsläufig etwas darüber aussagt, wie intensiv sie gelesen werden. Auch bei den 14- bis 29-Jährigen, also den „digital natives“, wie die ins digitale Zeitalter Hineingeborenen auch gerne genannt werden, hat das Buch in Deutschland immer noch einen guten Stand. Nach der Langzeitstudie „Massenkommunikation“ der ARD und des ZDF lesen die Jüngeren pro Tag eine halbe Stunde in Büchern – und liegen damit sogar über dem gesamten Bevölkerungsschnitt. Auffällig an den „digital natives“ ist aber, dass bei ihnen der Internet-Konsum seit dem Jahr 2000 in die Höhe geschossen ist. Im Schnitt hängen sie inzwischen pro Tag 144 Minuten im Netz.

Der permanente Blick ins Internet bleibt nicht ohne Folgen für die Einstellung zum Bücherlesen. Es wird zwar immer noch viel gelesen, aber anders. Wer googelt, surft und mailt, will häufig vor allem eines: Eine kurze Antwort auf die Suchanfrage oder auf die Mail. Die Stärke des Internet liegt vor allem in seiner Effizienz. Was als nebensächlich erscheint, kann man wegscrollen oder wegklicken. Wer einen Zeitungsartikel in einem klassischen, gedruckten „Holzmedium“ liest, kommt in der Regel bis zur Hälfte. Erscheint derselbe Artikel online, wird im Schnitt nur ein Fünftel gelesen. Das ergaben zumindest Untersuchungen des Poynter Institute in Florida und des Leseforschers Jakob Nielsen.

Das Überfliegen von Texten heißt neudeutsch „Skimming“. Zu welchen Veränderungen in den Denkstrukturen das „Skimming“ führt, hat der amerikanische Autor Nicholas Carr schon vor zwei Jahren in der Zeitschrift „The Atlantic“ beschrieben. Carr stellte als gewohnheitsmäßiger digitaler Nutzer irgendwann fest, dass er an der Lektüre von Büchern oder längerer Artikel keine Freude mehr hatte. Früher, erinnerte er sich, konnte er sich stundenlang mit dem Schreibstil und den Argumenten eines Autors beschäftigen. Plötzlich ging das nicht mehr: „Jetzt driftet meine Konzentration häufig nach zwei oder drei Seiten ab. Ich werde unruhig, verliere den Faden, fange an, mich nach einer anderen Beschäftigung umzuschauen“, schrieb Carr damals, dessen Buch „The Shallows“ Anfang Oktober unter dem Titel „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange?“ auf Deutsch erschienen ist.

„Skimming“ hat Konjunktur. Die „Stiftung Lesen“ kam in ihrer letzten Studie zum Leseverhalten in Deutschland 2008 zum Ergebnis, dass das Lese-Zapping zunimmt. „Man sieht beim Leseverhalten Veränderungen, die in eine Richtung weisen, die sich sehr stark annähert an die Art und Weise, wie Online-Medien genutzt werden“, sagt Simone Ehmig, die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der „Stiftung Lesen“.

Vera Funk, die in ihrem bisherigen Berliner Berufsleben als Deutsch- und Musiklehrerin bislang 13 Jahre in Gymnasien in Charlottenburg, Wilmersdorf, Steglitz und Zehlendorf unterrichtete, hat gemeinsam mit ihren Berufskollegen verfolgt, wie das Internet für die Vorbereitung der Schüler auf Referate im vergangenen Jahrzehnt immer wichtiger geworden ist. Was ein Segen sein kann, aber auch ein Fluch. „Ich habe es schon erlebt, dass jemand im Unterricht den Wikipedia-Text einer Zusammenfassung einer Schriftsteller-Biografie vorgelesen hat, aber eigentlich nicht viel verstanden hatte“, sagt die Deutschlehrerin.

Das Internet verteufeln würde die Lehrerin aber niemals. Als Vera Funk neulich ihre achte Klasse fragte, wer denn Fortsetzungsromane oder Kurzgeschichten im Internet liest, meldeten sich immerhin drei Schüler. Das Lesen in der Freizeit sterbe nicht aus, sagt die Lehrerin: „Ein Teil der Schüler liest ständig, und zwar durchaus auch längere Romane.“ Dass Literatur einen Teil der Schüler tatsächlich immer noch berühren kann, hat sie bei der Lektüre von Goethes „Leiden des jungen Werther“ in den 10. und 11. Klassen festgestellt. Da erlebe sie oft „extreme Reaktionen“: Einige Schüler könnten sich mit der Kult-Bewegung, die auf die Veröffentlichung des Briefromans folgte, „total identifizieren“. Anderen hingegen bleibe die Sprache Goethes völlig fremd.

Natürlich muss nicht aus jedem jungen Menschen ein literaturbegeisterter Leser werden. Volkswirtschaftlich wäre es wahrscheinlich fatal, wenn die gesamte Bevölkerung in Deutschland plötzlich zu Literaten würde. Aber die Fähigkeit, überhaupt zu lesen, wird in der Wissensgesellschaft immer wichtiger. Ob man als junger Mensch zum Leser wird oder nicht, ist nicht zuletzt eine Übungssache. In der Regel beginnen Kinder dann selbstständig zu lesen, wenn ihr Lesetempo es ihnen erlaubt, zügig einen Text zu entschlüsseln. Erst dann, so weiß die Leseforschung, können sich Eltern, Erzieher oder Lehrer allmählich aus der Rolle der Vorleser verabschieden.

Zu denen, die die Rolle des Vorlesers bis heute gerne ausüben, gehört Johannes Wendt. Der 71-Jährige ist einer der zahlreichen Berliner Lesepaten, die in oftmals an sozialen Brennpunkten liegende Schulen gehen. Dort lesen sie vor, lassen die Schüler vorlesen, erklären schwierige Wörter. Was ist eine Furche? Ein Knecht, was ist das? Was sind Poren? Wendt, der als Journalist früher für den SFB und den RBB arbeitete, stoppt bei der Lektüre immer wieder, wenn er den Eindruck hat, dass die Schüler einzelne Worte nicht verstanden haben. Ihm gegenüber sitzen der zehnjährige Shkelqim und die elfjährige Dzeva, zwei Schüler aus der Klasse 6b1 der Grundschule Tiergarten-Süd an der Lützowstraße. An diesem Tag lesen die drei aus Erich Kästners Nacherzählung des Romans „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift. Beim Lesen gleitet der Finger des zehnjährigen Shkelqim, dessen Familie aus dem Kosovo stammt, über die Zeilen. Recht flüssig liest er die Passage vor, in der der Riese den kleinen Gulliver findet. Manchmal muss Shkelqim raten, wenn er das soeben Gehörte erklären soll. Aber die Geschichte nimmt den Jungen doch nach und nach gefangen. Als der Lesepate ihn fragt, was er denn wohl machen würde, wenn er einen richtigen Liliputaner aus Fleisch und Blut entdecken würde, schaut der Zehnjährige versonnen an die Decke und sinniert: „… einen echten Menschen, wär’ cool.“

Kinder und Jugendliche, in deren Familien nur noch Computer oder Fernseher genutzt werden, aber kaum noch Printmedien, lesen noch weniger, als es vor einer Dekade der Fall war. Das hat die Kölner Leseforscherin Christine Garbe festgestellt, die sich besonders intensiv mit der sogenannten „Pisa-Risikogruppe“ beschäftigt hat. Um die Lesefähigkeit der Kinder aus den gebildeten Mittelschichts-Haushalten müsse man sich auch in den Zeiten des Internet keine Sorgen machen, glaubt sie. Aber die Schere zwischen denen, die auch weiter regelmäßig Bücher und Zeitungen in die Hand nehmen, und jenen, die mit Printmedien nichts Positives verbinden, öffne sich weiter. „Da sehe ich eine Gefahr für unsere Gesellschaft“, ist Garbe überzeugt.

Die Leseforscherin unterteilt junge Menschen, die vom Risiko der Leseschwäche betroffen sind, in drei Gruppen: Kinder aus bildungsfernen unteren Sozialschichten, Kinder mit Migrationshintergrund – und Jungen.

Wie man Jungen ans Lesen heranführen kann, ist offenbar eine Wissenschaft für sich. Fest steht wohl so viel: Jungen werden – anders als Mädchen – von Stoffen fasziniert, die vom Auszug in die fremde Welt handeln: Rittergeschichten, Fantasy-Erzählungen, Science Fiction oder Reiseromane.

Es kann in jedem Fall nicht schaden, wenn Jungen Bücher lesen, die sie in eine andere Zeit oder einen anderen Ort führen – oder am besten beides gleichzeitig. Am Ende des zweiten Teils von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ heißt es: „Am 10. Januar 1705 kam ich in London an. Zehn Jahre und neun Monate hatte ich in der Fremde verbracht.“ Man klappt das Buch zu und glaubt fast, genauso lange weg gewesen zu sein.

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