Literatur digital : „E-Book ist nicht gleich E-Book“

Einen Tag vor der Leipziger Buchmesse kommt das Ebook-Lesegerät von Sony auf den Markt. Amazon steht mit seinem Kindle in den Startlöchern. Wie bei Musik und Videos müssen die Kunden erneut unter dem Krieg der Systeme leiden.

Kurt Sagatz

Die Leipziger Buchmesse hat diesmal früher begonnen. Bereits auf der IT-Messe Cebit in Hannover wurden in dieser Woche einige Neuigkeiten bekannt, die für den Literaturbetrieb von großer Bedeutung sind. Es geht um zwei Nachrichten: Zum einen wird den technikaffinen Buchfreunden eher früher als später eine erheblich größere Auswahl an E-Book- Lesegeräten zur Verfügung stehen. Zum anderen muss niemand befürchten, dass ihm nach dem Kauf eines E-Book-Readers vorzeitig der Lesestoff ausgeht. Aber es gibt noch eine dritte, unerfreuliche Nachricht: Wieder einmal konkurrieren verschiedene Formate miteinander (siehe Kasten). In der Praxis heißt das: Wer einen Sony-Reader kauft, entscheidet sich zugleich gegen den digitalen Buchkauf bei Amazon – egal, wie attraktiv die Angebote sein mögen. Und wer sich nach dem Kindle-Start in Deutschland für das Amazon-Gerät entscheidet, hat bei den vielen anderen Shops das Nachsehen. Einmal außer Acht gelassen, dass man mit seiner digitalen Bibliothek zumindest zurzeit nicht ohne weiteres von einem auf das andere System umziehen kann. Vielleicht liegt die Wahrheit zwischen diesen beiden Alternativen bei einem neuen E-Book- Lesegerät wie dem „txtr“ aus Berlin, das ebenfalls auf der Cebit vorgestellt wurde.

Allen Geräten gemeinsam ist das fast taschenbuchgroße Sechs-Zoll-Monochrom-Display, das mit elektronischer Tinte arbeitet. Die Texte sind dadurch nahezu ermüdungsfrei zu lesen, zudem kann auf eine Hintergrundbeleuchtung verzichtet werden, so dass die Akkus extrem selten geladen werden müssen. Über zusätzliche Speicherkarten lässt sich die digitale Bibliothek auch unterwegs nahezu beliebig ausbauen.

Den Startschuss bei den aktuellen E-Book-Lesegeräten gibt am 11. März Sony mit dem PRS-505-Reader. Er wird über die Buchhandelskette Thalia sowie den Online-Buchhändler Libri.de für 299 Euro vertrieben. Neben PDF-Seiten, Word-Dateien und anderen Textdokumenten unterstützt er das offene E-Book-Format Epub. Auch Musik (MP3 und AAC) lässt sich abspielen. Die E-Book-Bibliothek auf dem Computer benötigt ein Windows-System, Apple- Computer werden nicht unterstützt. In Deutschland werden Bücher im Epub- Format online von Libri und vielen Internetbuchhändlern mit Libri-Shopsystem verkauft. Bislang hatte Libri das Format Mobipocket favorisiert. Das läuft zwar auf einem Kindle von Amazon, nicht aber auf dem Sony-Gerät. Ein kostenloser Wechsel des Formats ist nicht möglich, wie Libri-Geschäftsführer Per Dalheimer dem Tagesspiegel sagte. „E-Book ist nicht gleich E-Book. Ein anderes Format wird von den Verlagen genauso behandelt wie der Wechsel von Hardcover- zu Paperback-Ausgabe bei gedruckten Büchern.“

Der Kindle von Amazon ist der älteste der neuen E-Book-Reader. In den USA gibt es ihn seit Ende 2007. So gut wie jeder US-Bestseller ist für das Gerät verfügbar. Seit Februar dieses Jahres verkauft Amazon den Nachfolger Kindle 2 für 359 Dollar, zumindest in den USA. Über den Marktstart in Deutschland schweigt sich Amazon aus.

Der Kindle lässt sich per Handynetz mit neuen Büchern aus dem Amazon- Shop füllen, die Übertragung dauert weniger als eine Minute je Buch. Ein Computer wird dadurch nicht gebraucht, Zusatzkosten für die Übertragung fallen nicht an. Der Kindle kann Bücher auch vorlesen, wenn die Verlage dies gestatten. Wie Apple mit seinem iTunes-Musikshop nutzt Amazon aber ein spezielles Kindle-Format (AZW). Bücher im Epub-Format des Sony-Readers lassen sich mit dem Kindle ebenso wenig aufrufen wie die Titel, die über die Libreka-Plattform des Börsenvereins des deutschen Buchhandels mit dem Start der Buchmesse angeboten werden. Libreka startet mit dem PDF-Format, vor allem mit wissenschaftlicher Literatur. In einigen Wochen kommt verstärkt Belletristik im Epub-Format hinzu, sagt Ronald Schild, Geschäftsführer vom Libreka-Betreiber MVB.

Amazon hat die Zahl der E-Book-Lesegeräte für sein Format durch einen geschickten Schachzug mit einem Schlag massiv erhöht. Amazon-E-Books lassen sich seit Mittwoch auch auf dem Apple-Handy iPhone und auf dem gleich großen iPod touch lesen – allerdings nicht in Deutschland. Die Software stellt Amazon seit Mittwoch US-Kunden kostenlos über Apples App-Store bereit.

Doch nicht nur wegen des Formatedurcheinanders lohnt es sich, vor dem Kauf eines Gerätes erst einmal die weitere Entwicklung abzuwarten. Libreka-Mann Schild erwartet in den nächsten Monaten viele weitere Geräteneuheiten und Weiterentwicklungen wie jetzt beim Kindle 2. So hat das Berliner Unternehmen Wizpac für den Herbst einen E-Book-Reader namens „txtr“ angekündigt. Das Lesegerät könnte zur schlichten Alternative zu den Angeboten von Sony und Amazon werden. Noch handelt es sich bei dem auf der Cebit präsentierten Gerät um einen Prototyp, der Marktstart ist für das dritte Quartal geplant, der Preis steht noch nicht fest. Neben dem E-Ink-Display beschränkt sich das Gerät auf wenige Bedienelemente. Neue Bücher können über Wireless Lan oder Mobilfunknetze geladen werden. Das offene Linux-Betriebssystem lässt viel Raum für Anpassungen. Offen soll der txtr-Reader auch bei den zahlreichen Formaten sein. Bücher werden entweder über die Community- Seite txtr.com getauscht oder im dort integrierten Shop gekauft.

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