Mehr Tiefgang : Das Anti-Kriegsspiel

„Spec Ops: The Line“ wurde in Berlin entwickelt. Für einen Shooter ist es außergewöhnlich moralisch.

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Die Grausamkeit des Krieges: In „Spec Ops: The Line“ werden die Spieler auf ungeschönte Weise mit den Folgen ihres Handels konfrontiert. Screenshot: Promo
Die Grausamkeit des Krieges: In „Spec Ops: The Line“ werden die Spieler auf ungeschönte Weise mit den Folgen ihres Handels...

Gut möglich, dass sich der Computerspielentwickler Yager aus Berlin-Kreuzberg keinen schlechteren Zeitpunkt hätte aussuchen können, um sein neues Spiel auf den Markt zu bringen. Vielleicht aber auch keinen besseren. Werbeplakate im Stadtraum preisen das 30 Millionen Euro teure Actionspiel „Spec Ops: The Line“ als „Fest für beinharte Shooter-Fans“ an. Für deutsche und erst recht für Berliner Verhältnisse, ist das eine ordentliche Summe. Beheimatet die Hauptstadt doch vor allem Entwickler kommerziell erfolgreicher, aber auch verhältnismäßig günstiger und anspruchsloser Spiele.

Und weil nun nicht nur der Euro, sondern auch die Gamesbranche in der Krise steckt, passt ein Kriegsspiel wie „Spec Ops: The Line“ ins Bild. Krieg verkauft sich, der Titel hört sich zudem nach vorauseilendem Marktgehorsam an. So oder ähnlich heißen viele interaktive Kriegsabenteuer. Es gibt „Black Ops“, „Renegade Ops“, „Denied Ops“, „Phantom Ops“ – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Technisch und grafisch sind Shooter die Königsklasse der Computerspiele, Neues aber bieten sie kaum. Kino-Sommerblockbuster werden mit großem Budget für den kleinsten gemeinsamen Nenner gedreht und werden nie einen Oscar erhalten. Ähnlich könnte man viele Shooter einordnen. Doch es gibt auch Ausnahmen.

Das Vorbild für „Spec Ops: The Line“ ist Francis Ford Coppolas Anti-Kriegsfilm „Apocalypse Now“, in dem sich US-Soldaten auf der Suche nach einem desertierten Offizier im Wahnsinn des Vietnamkrieges verlieren. Im Spiel aus Berlin wimmelt es von Referenzen an den Hollywood-Klassiker. Nur, dass nicht der südostasiatische Dschungel durchkämmt wird, sondern ein von schweren Sandstürmen heimgesuchtes Dubai der nahen Zukunft. „Spec Ops: The Line“ gelingt, was in diesem Genre selten anzutreffen ist: es wird eine intensive Geschichte erzählt. Die ist zwar weder für Minderjährige (kein Jugendfreigabe durch die USK) noch zartbesaitete Gemüter geeignet, da es in dem Spiel erstens sehr brutal und zweitens nicht immer logisch zugeht. Aber Computerspiele sind weniger ein klassisches Erzähl- als vielmehr ein Erlebnismedium.

Zur Handlung: Drei konventionelle Soldaten betreten Dubai und lassen den Spieler an ihrer Wandlung teilhaben. Walker, so heißt die Hauptfigur, und seine Kameraden sind vermutlich die ersten Action-Helden mit Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ihre Geschichte gleicht einer Grenzerfahrung der interaktiven Unterhaltung. Das Entwicklerteam um Yager-Chef Timo Ullmann bezieht den Spieler in das Geschehen ein, unter anderem mit Szenen, in denen moralische Entscheidungen gefällt werden sollen. Da hängen zwei gefesselte Männer an Seilen von einer Brücke. Der eine, ein Kapitalverbrecher, hat Wasser geklaut. Der andere, ein Soldat, wurde geschickt, ihn zu richten und brachte die ganze Familie um. Wer ist jetzt gut, wer böse? Macht der Spieler den Soldaten Walker zum Mörder? Wessen moralische Maßstäbe gelten? Das Spiel gibt in dieser Situation nichts vor.

Yagers leitender Level-Entwickler Jörg Friedrich erklärt: „Wir wollten an einen Punkt kommen, an dem sich der Spieler aus persönlichen Motiven entscheidet. Wir wollten kein taktisches Denken, kein: Wie profitiert meine Spielfigur von einer Entscheidung.“ Eine andere Szene gegen Mitte des Spiels ruft gar Schuld im Spieler hervor, als er im Eifer des Gefechts Phosphorgranaten auf seine Gegner hageln lässt und anschließend vom Spiel, extra verlangsamt, über ein Feld mit verbrannten Leichen geführt wird. Der Grausamkeit des Krieges kann er sich in diesem Moment nur schwer entziehen.

„Spec Ops: The Line“ ist eine Art Anti-Kriegsspiel, ein mutiger Versuch, dem üblichen Oberflächenglanz mit Tiefe zu begegnen. Leider können Grafik und der Mehrspielermodus nicht mit den Genrereferenzen „Battlefield“ und „Call of Duty“ mithalten. Unbeeindruckt werden aber auch beinharte Shooter-Fans nicht bleiben. Fragt sich nur, ob Yagers Mut belohnt wird. Shooter verkaufen sich heutzutage vor allem über den Mehrspielermodus. Das Schießen kommt eben immer noch vor der Moral. Tim Rittmann

Spec Ops: The Line, PC (ab 44 Euro), Playstation 3 und Xbox 360 (ab 55 Euro), USK: ab 18 Jahre.

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