Microblogging : Schweinegrippe infiziert Twitter

Der Microbloggingdienst Twitter ist schnell, wenn es darum geht, Neuigkeiten zu verbreiten. So schnell, dass sich die ersten vor dem "Panikportal" fürchten. Zugegeben: Fundierte Beratung zur Schweinegrippe sieht anders aus - Panik aber auch.

Kai Biermann

Berlin Wenn Twitter zu etwas taugt, dann dazu zu sehen, was die Welt gerade beschäftigt. Denn ein Nebenaspekt des "öffentlichen Geschnatters" ist, dass es sich wunderbar statistisch auswerten lässt. Demnach also beschäftigt die Welt sich gerade mit der Schweinegrippe.

Am Montagabend, dem bisherigen Gipfel, waren 2,5 Prozent aller Beiträge auf Twitter beherrscht von dem Thema. Ein Tag immerhin, an dem insgesamt mehr als 1,7 Millionen Nachrichten über den Dienst rauschten. Mehr als 43.000 davon enthielten somit das Wort "swine flu" – Schweinegrippe. Samt Stichworten wie "Mexico" oder "pig flu" waren es noch einige mehr.

Ist Twitter zu schnell?

Klingt wenig, ist aber ein deutlicher, sichtbarer Trend. Schlechte Nachrichten reisen schnell. Zu schnell, wie manche finden. Epidemiologen mahnen zum Beispiel, die Krankheit solle besser Amerikanische Grippe oder Nordamerikanische Grippe genannt werden. Doch bei Twitter hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt.

Genau das ist der Punkt, der heftig kritisiert wird: Twitter sei schnell, aber zu kurz und zu hysterisch, um vertrauenswürdige Informationen zu verbreiten. "Panikportal" wird es deswegen nun genannt, oder "fiebrig".

Genaue Informationen spielen eine untergeordnete Rolle

Doch ist das wohl ein Missverständnis. Auf der Startseite des Dienstes heißt es: "Twitter is a service (...) to communicate (...) through the exchange of quick, frequent answers to one simple question: What are you doing?" Im Verständnis vieler Twitterer wird das nicht mit "Was tust du gerade?" übersetzt, sondern mit "Was bewegt dich gerade?"

Und derzeit bewegt die Grippe offensichtlich viele Menschen (zumindest viele, die twittern). Genaue Informationen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Twitter ist eben ein Instrument, um sich auszutauschen und zu erfahren, was andere darüber denken.

Das Online-Äquivalent zum Händewaschen

Staatliche Organisationen haben das erkannt und versuchen, via Twitter möglichst viele Menschen mit recherchierten und soliden Informationen zu erreichen. So bietet das amerikanische Center for Desease Control and Prevention (CDC) via Twitter Fakten über die Krankheit, Tipps zum Gesundbleiben oder Behandlungsmethoden. Dass es funktioniert, zeigt die Zahl der Follower, also derer, die deren Nachrichten abonniert haben. 30.000 sind es derzeit bei der CDC, Tendenz schnell steigend.

Panik sieht anders aus. Zugegeben, fundierte Beratung sicher auch. Die 140 Zeichen, die Twitter als Textlänge gestattet, sind nicht viel. Doch sind sie genug, um sich über Verantwortung Gedanken zu machen.

Menschen, die Informationen auf sozialen Netzwerken verbreiten, sollten über die Glaubwürdigkeit ihrer Quellen nachdenken, bevor sie etwas veröffentlichen, zitiert der amerikanische Sender CNN Al Tompkins. Der lehrt am Poynter Institute, einer renommierten Journalistenschule, und fordert auch in Kurznachrichten à la Twitter eine rudimentäre Recherche. "Das ist das Online-Äquivalent des Händewaschens. Bevor man etwas weiterreicht, sollte man sich die Hände etwas reinigen." Ein Verhalten, das selbstverständlich sein sollte, wenn es um Krankheiten geht. (Zeit online)

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